Mittwoch, 21. Februar 2018

HANSEBANKING: Osterstraße 4.0 - eine Bank für Menschen, und ihr Geld.

HAMBURG DIGITAL REPORT
*Update*

Osterstraße Ecke Heußweg: das Zentrum von Eimbüttel mit seinen 57.000 Einwohnern. U-Bahnhof, ein Kaufhaus, drei Supermärkte, zwei Drogeriefilialen und jede Menge Banken: Beim "Neuen Banking" im Schaufenster: Immobilienangebote. Bei der "Bank an ihrer Seite": Depotwechsel mit Geldprämie. Wo "man sich kennt": eine Maltareise für nur 948,- €. Und bei der "So geht Bank heute": der Verbaucherkredit im Angebot. Banken 2018? Eher 'alter Wein in neuen Schläuchen'. 


Haspa-Fenster: Keine Immobilienangebote, kein Verbraucherkredit.
Foto: HANSEVALLEY
Hamburgs Bankenprimus besetzt auch in Eimsbüttel an der Kreuzung die Pool-Position. An der Glasfront der Filiale mit ihren 12.000 Kunden am Knotenpunkt Osterstraße: kein Depotwechsel, kein Verbraucherkredit, nicht mal eine Immobilienfinanzierung. Bei der Haspa laufen auf einem Bildschirm "Kiekmo"-Lokalnachrichten und Ausgehtipps aus dem Kiez. In der Osterstraße 125 läuft anscheinend einiges anders, als woanders. Ein Hamburg Digital Report.

Während an diesem regnerischen Donnerstag-Abend bei anderen Banken pünktlich das Licht ausgeht, legt die Haspa an der Osterstraße eine Extrarunde ein. Nicht etwa, um die Planzahlen zu schaffen, sondern um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. 6 Mitarbeiter kümmern sich im Eventteam in der Filiale um Nachbarschaftsttreffen, Lesungen und Kinoabende, Sofakonzerte und E-Sports-Turniere, oder eine Tupperparty. Tupperparty in einer Bankfiliale? Was hat sich Haspa-Chef Harald Vogelsang dabei gedacht?

Vor einem Jahr schreibt Pressechefin Stefanie von Carlsburg in ihrer Mitteilung: "Die Filialen werden zum Herzstück im Multikanalbanking." Herzstück? In Zeiten von Online- und Mobilebanking? In Zeiten von Startupbanken? Mit 1,4 Mio. Privatkunden ist die Haspa so tief in unserer Stadt verankert, wie kein anderes Geldhaus. Damit das so bleibt, macht die Bank mal wieder etwas anders, als alle anderen. Als die Sparkassen drumherum noch Gratiskonten verteilten, führte die Haspa Gebühren ein - und mit dem "Haspa Joker" eines der erfolgreichsten Kundenbindungsprogramme.

Die Christuskirche aus buntem Fließ als moderne Kunst an der Wand.


Moderne Besprechungsräume mit lokalem Bezug.
Foto: HANSEVALLEY
Jetzt investiert die Bank in ihre 130 Filialen rd. 30 Mio. €. Statt reihenweise Filialen abzuschließen, öffnet die Haspa ihre Räume für die Menschen im Stadtteil, will Gastgeber in der Nachbarschaft werden. In gerade einmal 12 Tagen wurden die 600 qm an der Osterstraße aufgemöbelt. Rd. 300.000,- € kostet das pro Filiale - individuelle Bilder lokaler Künstler - wie der Eimsbütteler "Deichperle" Heidi Lühr - inklusive. Mit der Osterstraße 125 ist Nr. 5 zur "Filiale der Zukunft" geworden. "Wir haben jetzt zusätzlich den Wow-Effekt", freut sich die Sprecherin.

Vor mehr als 12 Jahren ging die Sparkasse zuletzt mit frischer Farbe durch die Filialen. Seitdem ist viel passiert: Mobilebanking ist auf dem Vormarsch, neue Player - wie Startupbanken - winken mit Gratiskonten, Gratiskarten und Coworking das junge Publikum. Andreas Emme ist sein 40 Jahren in der Bank, seit 15 Jahren ist er Filialleiter an der Osterstraße. 23 Mitarbeiter gehören zum Team des Hamburgers - vom 19-jährigen Azubi bis zur 61-jährigen Mitarbeiterin. Plötzlich kommt die Kundschaft auch zum Kaffee, spielt die Jugend auf der Playstation "Fifa-Games".

Die Haspa-Filiale 4.0: "Es ist, als wenn ich zu Hause Gäste empfange."

"Das hat was mit mir gemacht", gibt der 57-jährige Banker zu. Sein fast 30 Jahre jüngerer Stellvertreter Tino van Mark ergänzt: "Es ist, als wenn ich zu Hause Gäste empfange." Als ihre Filiale für den Umbau benannt wird, diskutieren sie, schauen sich die Musterfiliale in Witzhave an, bereiten sich 3 Tage in der Zentrale auf ihre Gastgeberrolle vor. Auch heute stehen Kunden am Servicetresen, geben Überweisungen ab und klären Fragen. Doch an dem gemütlichen Tisch eines Eimsbütteler Tischlers finden sich neben uns immer wieder Kunden.


Community-Area mit zentralem Tisch.
Foto: HANSEVALLEY
Eine ältere Dame liest in Ruhe Zeitung, ein Kunde füllt seinen Überweisungsträger aus. Eine andere Kundin bespricht mit ihrer Beraterin bei einem Kaffee, was sie zu klären hat. Eimsbüttel hat sich in den vergangenen Jahr stark verjüngt: neben dem angestammten Publikum kommen immer mehr junge Familien in den Stadtteil. Während der Fotosession vor dem offiziellen Termin schaut eine jüngere Kundin im großen Regal der "Aktion Buch" nach einem neuen Bestseller als Feierabendlektüre. Irgendwas ist nicht mehr so, wie es viele Jahre einmal war.

Wenn andere "Yomo" basteln, lädt die Haspa zum E-Sports-Turnier ein.

Der 30-jährige Mecklenburger Tino - wie ihn seine Kollegen selbstverständlich nennen - fasst das Konzept der neuen Filiale so zusammen: "Wir begleiten unsere Kunden in der Nachbarschaft." Da kommen schon mal 30 Anwohner zum Nachbarschaftstreffen von nebenan.de, spielen 20 junge E-Sports-Fans ein "Fifa-Turnier". Durch Facebook, Instagram und die eigene Nachbarschafts-App "Kiekmo" sind 10 junge Leute dabei, die keine Haspa-Kunden sind. Und das sollen sie an diesem Abend auch gar nicht werden.

2x im Monat bietet die Filiale am U-Bahnhof Osterstraße tagsüber spannende Events, 2x im Monat auch abends, organisiert von den Mitarbeitern. Die bringen eigene Ideen mit, sprechen Partner in der Nachbarschaft an. "Wir haben eine enorm positive Rückmeldung", berichtet Filialleiter Andreas Emme, und ergänzt: "Das ganze System funktioniert." Ein Redaktionsplan hilft, spannende Abende zu organisieren: 'Was ist gut für Eimsbüttel?' und 'Was fehlt hier?' sind die wichtigen Fragen.

Banker Andreas Emme: "Wir gehen hier nicht zum Lachen in den Keller."


Videoscreen für Olympia, Fifa-Games & Kiez-Infos.
Foto: HANSEVALLEY
An diesem Donnerstag läuft die Winter-Olympiade auf dem Bildschirm, am Sonntag-Abend kann es auch schon mal ein Tatort-Abend sein. Oder ein Tag nach diesem Beitrag die ungewöhnliche Tupperparty. So, wie lokale Händler ihre Waren oder Bilder kostenlos präsentieren, so ist auch die Teilnahme an den Veranstaltungen kein Profit-Center. Vielmehr sieht sich die Filiale als "Unternehmer vor Ort". Andreas Emme fasst das so zusammen: "Ich fühle mich mit dem Stadtteil sehr verbunden." 

Der gebürtige Hamburger ging von 1971 bis 1977 in Eimsbüttel zur Schule, verbrachte die Jahre bis zur Oberstufe am Kaiser-Friedrich-Ufer (KaiFU). So, wie das Gymnasium für eine offene, gemeinsame Welt steht, so steht Andreas Emme zu seinem Team und dem gemeinsamen Erfolg. "Ich fühle mich hier wohl", ist sicher keine PR-Floskel eines altgedienten Haspa-Bankers. Ebenso wie die sympathische Ergänzung: "Wir gehen hier nicht zum Lachen in den Keller." Wenn Menschlichkeit einen Platz hat, wird auch der Kontakt mit Kunden plötzlich individueller: "Ich komme mit den Kunden ganz anders ins Gespräch."

Banker Tino van Mark: "Cool, jetzt wird der nächste Schritt gemacht." 

Anfang 2016 fing auf einem Gutshof in Witzhave nördlich des Sachsenwaldes in einer leeren Halle die "Filiale 4.0" an, Wirklichkeit zu werden: Ein Jahr lang testeten Kunden, Nichtkunden und Banker das aus den USA inspirierte Konzept. Bei der Umpqua Bank aus Canyonville in Oregon - einer Regionalbank mit rd. 350 Filialen und 4.500 Mitarbeitern - entdeckten die Ideenscouts des Konzept der "Bank für Menschen - und ihr Geld." Eine "Community-Bank", wie die Haspa, die gegründet wurde, um sich und der Region zu helfen. Einer Bank, die seit ihrer Gründung im November 1953 vor allem eines ist: bodenständig.



Mit warmen Farben, einem offenen Tresen und Community-Area, einer wohnlichen Schrankwand, einer interaktiven Videowall, einem gemeinsamen Tisch, mit modernen iPads, einer kostenlosen Kaffeebar, einer offenen Präsentation lokaler Händler. Mit der Einladung, gemeinsam Yoga zu machen oder Vorträge zu hören und um miteinander ins Gespräch zu kommen. Eine Bank, die nicht nur für ihre Kunden da ist, sondern für jeden. Und dem Ziel, eine "Community-Bank" zu sein. Genau dieses Konzept macht jetzt auch in Deutschland Schule.



Angefangen hat der Weg zur "Haspa 4.0" vor etwa 3 Jahren. Damals startete die älteste deutsche Sparkasse eine Persönlichkeits-Offensive. Mit "Meine Bank heißt" wurde aus anonymem Schalterpersonal einer Großbank die Filiale mit Mitarbeitern, die alles andere als "graue Mäuse" sind (sieht man von "Manni" der Maus einmal ab). Seit dem ist viel passiert - auf dem Weg zu einer Bank, die auch in Zukunft bei ihren Kunden sein will - und nicht nur im Internet.

Wenn man 1 und 1 zusammenzählt, kommt man bei der Haspa heute auf 4.0: Neben der neuen Filiale als Treffpunkt in der Nachbarschaft, dem Business Casual Look im Kundenkontakt und dem persönlichen "Du" mit Vorstand und Kollegen unterstützt die Haltung "Dafür stehe ich", als Haspa-Mitarbeiter immer auch ein Vorbild zu sein - für sein Team, die Filiale, die Bank - und Hamburg, mit 1,5 Mio. Menschen, die seit fast 190 Jahren der Hamburger Sparkasse vertrauen.

Ein aktuelles Fotoalbum aus der "Osterstraße 4.0":
Osterstrasse 4.0


Dank der Vision eines Vorstandes, der Bereitschaft, bis zu 30 Mio. € zu investieren und dem Angebot, im Sparkassenverbund die Idee des Nachbarschaftsgedankens neu zu beleben, wird die "Filiale der Zukunft" schon bald bei anderen Sparkassen in Deutschland zu finden sein - so und in ähnlicher Form, wie in Bremen. Um miteinander wieder ins Gespräch zu kommen. Denn keine App der Welt kann Vertrauen zwischen Menschen ersetzen. Und das ist wichtig, wenn es um unser Geld geht.





 Hamburg Digital Background: 

Haspa setzt auf Nachbarschafts-Treffs und Apps, 21.02.2017:
www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Haspa-setzt-auf-Nachbarschafts-Treffs-und-Apps,haspa284.html

Sparkasse Bremen will weitere Stadtteilfilialen, 20.02.2017:
www.weser-kurier.de/bremen/bremen-wirtschaft_artikel,-sparkasse-bremen-will-mehr-stadtteilfilialen-_arid,1702256.html

Umpqua Bank, Oregon, 14.03.2015:
"Customer Centric Lessions Learned"

Sonntag, 18. Februar 2018

HANSEINVESTIGATION: "Startup Dock sehe ich als notwendiges Übel".


HAMBURG DIGITAL RECHERCHE

Rd. 16,- € pro Quadratmeter für ein Startupbüro in Harburg hinterm Fußgängertunnel. Rd. 80,- € pro Monat für eine Internetleitung ohne Flatrate, Ex-McKinsey-Berater als Studentenjobber in der Startupberatung mit zweifelhaften Leistungen nach der Förderung: Was Hamburgs "Startup Dock" für Hochschulgründungen im 4,5 Mio. € teuren "Innovation Campus Green Technology" liefert, scheint alles andere als vorbildlich. Ein "abgedockter" Gründer spricht Klartext, wie es hinter den Kulissen der Startupberatung der Technischen Universität in Harburg zugeht. Eine Hamburg Digital Recherche:


"Wenn Du aus der TU kommst, kommst Du gar nicht daran vorbei." Mit einem einfachen Satz bringt der Hamburger Startupgründer auf den Punkt, was das "Startup Dock" in der Harburger Schloßstraße ist: ein Monopol für Fördermittelanträge, wenn es um "Exist" mit Gründerstipendium und Forschungstransferförderung sowie um das - unabhängig von "Startup Dock" erfolgreiche - Innorampup-Programm der Förderbank IFB geht. "Im Anträge schreiben sind sie gut", fasst der Techi im Recherchegespräch seine Erfahrungen zusammen.

Echte Hilfe? "Wenn Du da sitzt, verweisen sie dich."

Was mit Bierdeckeln, Kugelschreibern, Jutebeuteln und dem rauf und runter bestellten Werbemittelkatalog beginnt, hat nach der Bewilligung der Fördermittel ein jähes Ende. Dann hat das "Startup Dock" sein Geld verdient - mit Fördermittelbeantragung und Startuphosting im luxussanierten "TuTech Haus" unweit des Harburger Hafens. Auf die Frage, was "Startup Dock" Jungunternehmen zu bieten hat, bekommen wir eine klare Aussage: "Alles, bis Du Exist hast." Von da an gehts "bergab" mit Beratung und Betreuung. Der Informant bringt auf den Punkt: "In der Vorgründungsphase helfen Sie Dir. Wenn Du dann da sitzt, verweisen sie Dich."


Verantwortlicher Leiter des "Startup Dock": Christian Salzmann
Foto: Startup Dock

Mentoring-Angebot? "Gibt es in diesem Kontext nicht."

Der Nachwuchsunternehmer bescheinigt den Beratern des "Startup Dock" viel Engagement, Studenten anzusprechen, sie an Gründungen heranzuführen und die Antragstellung zu erledigen. Konkrete Empfehlungen für Mentoring z. B. in den wichtigen Bereichen Vertrieb oder Steuern? "Gibt es so in diesem Kontext nicht." Unser Gesprächspartner nennt als Gegenbeispiel das Mentoringprogramm der Familienunternehmer, betreut von einem Hamburger Startupnetzwerk. Die Unterschiede klingen wie Tag und Nacht.

Startup-Support? "Sie haben sich stets redlich bemüht."

'Sie haben sich stets redlich bemüht', werfen wir als Beurteilungsvorschlag in den Ring. Der junge Geschäftsmann bestätigt: "So ein Zeugnis würde ich Ihnen ausstellen." Wenn das Jahr Förderung vorbei ist, wird's zudem richtig teuer: Wie in der Hamburg Digital Recherche unter dem Titel "Die Startup-Abzocke von Harburg" vorgestellt, kassiert der Verbund aus TechTech Innovation und "Startup Dock" von Jungmietern nach der Förderung als unverschämt geltende 16,- € pro Quadratmeter, lässt sich über einen Anteil i. H. v. 25% der Mietfläche Klos, Kaffeeküche und Kuschelecke mitfinanzieren. 16,- € pro Quadratmeter warm - hinterm Fußgängertunnel, 14 km von der Hamburger Innenstadt entfernt.


Das TuTech-Haus mit dem "Startup Dock" in Harburg.
Foto: Eigenwerbung TuTech

Internet-Flatrate? 'Die Leute sollen hier ja arbeiten.'

Wären überhöhte Mieten das einzige Übel, hätte der "abgedockte" Ex-Kunde des "Startup Dock" in den sauren Apfel gebissen, wenn sich die Vermieter nicht als äußerst unflexibel zu erkennen gegeben hätten: Für rd. 80,- € im Monat wollten die Startupförderer ein 300 GB-Internetpaket verkaufen - an ein Tech-Startup, das Software in Produktentwicklung und Vermarktung komplett in der Cloud nutzt. Jedes weitere GB wird extra abgerechnet. Die Erwiderung auf den Wunsch nach einer Internetflatrate lautete sinngemäß: 'Die Leute sollen hier ja arbeiten, und nich YouTube gucken'.

300 GB?: "Für das normale Arbeiten sollte das reichen."

Unser Gründer glaubte seinen Ohren nicht. Auf Nachfrage legte der Mitarbeiter des "Startup Dock" noch eine Schippe nach: "Für das normale Arbeiten sollte das reichen." Hintergrund für die "Internet-Abzocke" ist eine überteuerte, individuell abgerechnete Standleitung, die man sich Ende der neunziger Jahre aufschwatzen lassen hat. Eine 2. Leitung mit der Möglichkeit günstiger Flatrates wurde immer wieder versprochen, jedoch nie gehalten. Für Startups, die nach ihrer Förderung als Mieter im Luxus-Bau in Harburg bleiben, eine unglaublich teure Angelegenheit.

Telefon-Gebühren? Keine verbindlichen Informationen.

Überzogene Mietkosten, überteuerte Internetleitung - doch das ist nicht alles, was man im "Startup Dock" für Jungunternehmen zu bieten hat: Was in Sachen Internet recht ist, ist in der Telefonie nur billig; Auf Nachfrage konnten die Mitarbeiter keine Preise für die minutenweise abgerechneten Telefonkosten mitteilen. Für erforderliche Telefonate zu Mitarbeitergewinnung und Kundenakquise eine unglaubliche Geschichte. Seitens des "Startup Dock" und der verantwortlichen TuTech Innovation wurde trotz IT-Personal über Jahre hinweg keine Lösung im Interesse der Startups umgesetzt.


TuTech: Neue Möbel, altes Problem - überteuerte Internetleitungen.
Pressefoto: TU Harburg/Startup Dock

Startup-Beratung: Auch schon mal 2 Monate vergangen.

Bleibt die Frage nach der Betreuung durch die beim "Startup Dock" oder bei der TU angestellten Startupconsultants. Das durch Landes-, Bundes- und Europamittel finanzierte Projekt rühmt sich online, 'Existenzgründer und technologieorientierte Startups während des erfolgreichen Unternehmensaufbaus zu fördern', u. a. durch Beratung und Coaching. Die Praxis sieht etwas anders aus: In der Antragsphase hat sich unser Interviewpartner 2 bis 3 mal in 14 Tagen getroffen, manchmal war der Kontakt auch häufiger. Außerhalb vergingen auch schon mal 2 Monate zwischen den Gesprächen.

Schaut man sich die Personalseite des "Startup Dock" an, stellt man fest, dass allein 4 Köpfe in der Leitung sitzen, 3 Leute fürs Trommeln mit Marketing, PR und Event zuständig sind und lediglich 3 Consultants und 1 Academy-Leiter inhaltliche Arbeit leisten. Der Rest sind Finanzmanager, Hilfskräfte und ein gern vorgezeigter Bürohund. Fragt sich der Beobachter, ob die von Insidern als zweifelhaft bewerteten Leistungen eine qualifizierte Rechtfertigung für ein 10 Mio. € teures Startup-Portal mit angeschlossener Gründerberatung names "Beyourpilot" sind - oder doch nur ein "notwendiges Übel".

 Hamburg Digital Background: 

HANSESTATEMENT:
Steuerverschwendung "Beyourpilot" - 10 Millionen Euro für was?

HANSINVESTIGATION:
Die Startup-Abzocke von Harburg.

HANSESTATEMENT:
Von Harburger Subventiontsrittern zur hanseatischen Metropole.

Mittwoch, 14. Februar 2018

HANSECHAMPIONS: Schraubst Du noch oder druckst Du schon?

HAMBURG DIGITAL REPORT

Der Hamburger Senat macht ernst: Der Industriestandort Hamburg soll nicht aufgegeben, die industrielle Produktion auf neuestem Stand gefördert werden. Ende 2017 nahm die Wirtschaftsbehörde zusammen mit Gewerkschaftsbund, Handelskammer und Industrieverband die digital-vernetzte Industrie 4.0 und den industriellen 3D-Druck in den Masterplan Industrie auf. Vergangene Woche bestätigte Amtsdirektor Dr. Torsten Seveke: Hamburg wird den Industriestandort weiter fördern. 



Macht mit dem Komptenzzentrum Druck in 3D: Ralf Siebert
Foto: HANSEVALLEY
Am Donnerstag zündet Hamburg die nächste Stufe: Wirtschaftssenator Frank Horch gibt den Startschuss für das neue, durch Hamburger Unternehmen initiierte 3D Druck-Netzwerk. Auf der Tagesordnung stehen die Themenfelder Materialien, Prozessketten, Geschäftsmodelle sowie Finanzierung und Förderung. 150 Gäste erwarten gespannt, ob der Luftfahrt-, Schiff-, Fahrzeug- und Maschinenbau-Standort wie gedruckt in die Zukunft kommt. Ein Hamburg Digital Report:

Wenn Hamburgs "3D Druck-Papst" Prof. Dr.-Ing. Claus Emmelmann am Donnerstag-Früh im Innovation-Campus am Adolphsplatz in seiner Keynote die Bedeutung der Bionik für den additiven Druck präsentiert, ist Innovator Ralf Siebert schon einen Schritt weiter. Der Gründer und Geschäftsführer des "Komptenzcenter Innovation" ist einer von 4 Leitern des künftigen Cluster-Netzwerks, engagiert sich für neue Geschäftsmodelle und sieht den seit 25 Jahren bekannten 3D Druck als alles andere, als eine Revolution.

Additiver Druck aus Hamburg: "Live Cooking in 3D"

Ralf Siebert mit seinem 15 Jahre alten Geschenk.
Foto: HANSEVALLEY
Vor 17 Jahren bekam der frühere Minolta-Außendienstmitarbeiter in Kassel ein 3D-gedrucktes Modell geschenkt: Eine stilisierte DNA, gedruckt als Doppel-Helix. Wert: 800,- €. 

Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit Bürosystemen. Angefangen als Thermofax-Kind, über die bunte Welt der digitalen Farbkopiersysteme ahnte er nie, wie die additive Fertigung von Kunststoffen, Metallen oder Lebensmitteln sein Berufs- und Geschäftsleben verändern werden. Vor 6 Jahren übernimmt er am Heidenkampsweg den Canon-Partner für Kopiergeräte und Drucker "Copynet". Mittlerweile haben mind. 50.000,- € teure 3D-Drucker die Kopierer in die Ecke verwiesen, wie Wirtschaftssenator Frank Horch morgen früh selbst feststellen wird. 

Der gelernte Koch Ralf Siebert nennt es "Live Cooking in 3D". Wenn Hamburgs Wirtschaftssenator im Innovation-Campus über die Zukunft des Industriestandorts sprechen wird, hat er die Bilder vom Morgen aus Hammerbrook im Kopf. Bilder, wie ein für ihn live repariertes Zahnrad, einen 3D-Schädel mit Tatverwerkzeug, der 2013 in Hammerbrook im Auftrag des LKA gedruckt wurde und half, durch haptische Visualisierung verschiedene Szenarien durchzuspielen. half, einen Mord aufzuklären. Bilder, wie die neue, 3D-gedruckte Abdeckung für den Innenspiegel eines 75 Jahre alten Oldtimers, den Siebert - Vater eines 21-jährigen Sohnes - 2014 für den Verlagsgeschaftsführer des Axel Springer Verlags druckte. 

Additiver Druck bei Airbus wie bei Meyle Autoteile

3D-Metalldruck für die maritime Wirtschaft in Hamburg
Foto: Hamburg Transport Consultancy
Ein Thema, mit dem sich auch Hamburgs Ersatzteile-Lieferant Meyle beschäftigt hat. Der Hamburger Spezialist und St. Pauli-Handballsponsor hält in seinem Hamburger Hochregallager rd. 25.000 Ersatzteile vor. Vorstandschef Dr. Karl Gaertner von Wulf Gartner Autoparts ist sich sicher: Wo die Autos repariert werden, werden in Zukunft die Teile gedruckt. Siebert ergänzt: "Meyle hat 3D-Druck und Daten gelernt." 2015 griff Meyle zusammen mit "Auto Bild" das Thema auf, lies zur "Euro Classica" Oldtimer-Ersatzteile nachdrucken. 

"Wir sollten die Technik aktiv nutzen, und als Chance für das Neue sehen", bringt der engagierte 3D-Druck-Experte im HANSEVALLEY-Gespräch vor Ort auf den Punkt. 19 Mitarbeiter beschäftigt der langjährige Kopiergeräte-Spezialist heute in seiner Hamburger Firma, 4,5 Mio. € machte er im vergangenen Jahr Umsatz. Bemerkenswert: rd. 30% seines Geschäfts erwirtschaftet der am Rothenbaum beheimatete Unternehmer heute mit 3D-Aufträgen. Zu seinen Themen gehören das Prototyping in Forschung & Entwicklung, in der Bildungsarbeit der Nordakademie oder Aufträge aus dem Maschinenbau. Dabei spielen z. B. die führenden Drucker des amerikanischen Herstellers "3D Systems" mit bis zu 7 verschiedenen Technologien eine wichtige Rolle, die das langjährige Unternehmen vertreibt.

3D Druck für Prototyping und Kleinserien-Produktion

 Aktuelle Technologie: Hochleistungs-3D Drucker von 3D Systems
Foto: HANSEVALLEY
Heute sind 3D-Drucker längst kein Luxus mehr: für rd. 750,- € bis 2.500,- € monatlicher Leasingrate arbeiten im Showroom unweit des Berliner Tors die neuesten Maschinen im "Kompetenzzentrum Innovation", wie z. B. der "Projet 660" - der schnellste aktuell verfügbare 3D-Farbdrucker auf dem Markt. Auf die besonderen Potenziale angesprochen, sind für den heute 49-jährigen Unternehmer die Themen Prototyping und Kleinserienfertigung von hoher Bedeutung. Dazu gehört die individuelle Fertigung von Fertigprodukten sowie die additive Herstellung von Werkzeugen für die Produktion.

Mussten für die Werkzeugherstellung früher grundsätzlich Metallblöcke mit einem Kostenaufwand von 5.000,- € und mehr gefräst werden, macht es heute eine 3D-gedruckte Kunststoffvorlage für unter 100,- €. Die Metallvorlagen hielten zwar 10.000 "Schüsse" - sprich Produktionsläufe. Bei individuellen Kleinserien oder Einzelteilen ist die Haltbarkeit der Kunststoffvorlagen für 100 "Schüsse" jedoch völlig ausreichend. Womit sich der wirtschaftliche Einsatz bei kleinen Stückzahlen erklärt und zum Vorteil wird.

"Es ist die Technologie, die zu neuen Ergebnissen führt."


Praktische Beispiel für Kunststoffdruck aus Hammerbrook
Foto: HANSEVALLEY
Der 3D Druck ist im Business angekommen: ob Beratung für eine neue 0,5 Liter-Wasserflasche eines Lebensmitteldiscounters", ob in der Forschung und Entwicklung eines Amaturenherstellers oder bei der Fortentwicklung eines Schnellkochgeräts - Ralf Siebert hat sich zu einem gefragten Experten entwickelt, berät Partner bei ihren bundesweiten Projekten und kann einen inhaltlichen Vorsprung von rd. 3 Jahren vermelden - sicherlich nicht zuletzt ein Grund, warum Wirtschaftssenator Frank Horch sich am Donnerstag-Früh durch den Praktiker aufschlauen lässt.

Wenn Architekten wie Modedesigner, Spielzeug- wie Küchengerätehersteller und Airbus wie Lufthansa auf 3D-gedruckte Modelle und Teile setzen, ist es auch für Hamburg Zeit, das Thema ernst zu nehmen. "Mit der Digitalisierung wird sich die Welt in fast allen Bereichen verändern", fasst es Ralf Siebert auf seiner Firmenseite zusammen - und ergänzt: "Wir gehen neue Wege und sind Ansprechpartner als Innovations-Botschafter." Mit fast 30 Jahren Vertriebserfahrung, der Kooperation mit der Einkaufsgenossenschaft Soennecken und einem eigenen Partner-Modell dürfte das eine gute Voraussetzung für den erfolgreichen Aufbau des Themenfeldes "Neue Geschäftsmodelle" im Rahmen des 3D-Druck-Netzwerkes Hamburg sein. 


Wir wünschen ihm viel Glück und Erfolg!




 Hamburg Digital Knowhow: 

  • Druckbare Materialien sind u. a. Kunststoffe, Kunstharze, Keramiken und Metalle. So wird geschmolzenes Plastik Schicht für Schicht aufgetragen und härtet anschließend aus.
  • Fertigungstechniken sind heute u. a. das selektive Laserschmelzen, das Elektronenstrahlschmelzen, die Schmelzschichtung, das 3D-Pulverdrucken, die Stereolithographie und das Digital Light Processing für Kunstharze.
  • Der amerikanische Internet-Gigant Google arbeitet an der Produktion von Lebensmitteln aus dem 3D Drucker. Nudeln wurden bereits erfolgreich gedruckt - und sollen sogar geschmeckt haben.
  • Die kalifornische Universität UCLA in Los Angeles hat ein Herzmodell in 3D gedruckt, um eine komplizierte Operation an einem 66-jährigen Patienten vorab zu simulieren. Die anschließende OP war ein voller Erfolg.
  • Am Wake Forest Institute in North Carolina werden im 3D Drucker durch Kartuschen mit verschiedenen Zellen menschliche Organe gedruckt, angereichert u. a. um Proteine, um das Wachstum zu ermöglichen.
  • Speditionen, Containerdienste und Terminals werden in Zukunft weniger Fertigprodukte von Asien nach Europa transportieren und umschlagen, da Produkte und Ersatzteile vor Ort gedruckt werden können.

 Hamburg Digital Background: 



3D-Druck im Kompetenzcenter Innovation:

Frauhofer-Zentrum IAPT (Laser Zentrum Nord):


Handelsblatt: Marktbeurteilung 3D Druck:
www.handelsblatt.com/technik/forschung-innovation/grosse-wachstumschancen-3d-druck-steht-vor-dem-durchbruch/20907682.html

3D-Netzwerk der Wirtschaftsförderung Solingen:
www.3dnetzwerk.com/


Oldtimer-Ersatzteile mit Meyle HD-Manier:

3D Drucker-Produzent 3D Systems:

Sonntag, 11. Februar 2018

HANSEPERSONALITY Helmut Gerhards: Wir erarbeiten für unsere Kunden eine elektronische Gesundheitsakte.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

72 Mio. Deutsche sind Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung. Hamburg ist mit der AOK Rheinland-Hamburg, Deutscher Angestellten-Krankenkasse, Hanseatischer Krankenkasse, Securvita Krankenkasse und Techniker Krankenkasse einer der großen Versicherungsstandorte der Republik. Doch die digitale Sturmflut kommt auch auf Hamburg zu: Private Anbieter wie "Amazon Health Care", "Ottonova" und "Oscar" zeigen, woher der Wind weht.

400.000 Mitglieder zählt Deutschlands Nr. 3 - die DAK Gesundheit - an Alster und Elbe. 1,3 Mio. Versicherte und ihre Familien vertrauen der Ersatzkrankenkasse im Hanseraum. Chief Digital Officer und IT-Stratege Helmut Gerhards hat sich mit seinem Team vor 1,5 Jahren auf den Weg gemacht, die Krankenkasse aus Hammerbrook durch den digitalen Sturm zu navigieren. Unser HANSEPERSONALITY ist DAK-Chefdigitalisierer Helmut Gerhards:


Helmut Gerhards: Sie haben zwei erwachsene Söhne von 26 und 27 Jahren, die als junge, digital aktive Mitglieder der DAK Vorbild seien können, wohin die Reise der drittgrößten Krankenkasse mit 5,8 Mio. Mitgliedern geht. Was lernen Sie als Chief Digital Officer und IT-Strategiechef der DAK von Ihren Söhnen für den digitalen Wandel der Krankenkasse?

Nun, zunächst einmal leben wir in einer spannenden Zeit, in der wir eine kommunikative Revolution erleben - und dies durchdringt unseren Alltag, auch in meiner Familie, mit rasender Geschwindigkeit. Meine beiden Söhne haben Informatik studiert und kennen keine Telefonwählscheiben. Zudem schreibt von der jungen Generation auch keiner mehr einen Brief.

Alleine diese beiden Beobachtungen müssen uns aufhorchen lassen, welches veränderte Kommunikationsverhalten in den nachfolgenden Generationen auf uns – und bald ja ausschließlich - auf Unternehmen zukommen wird. „Allways on“ und „Echtzeit“ bestimmen den Takt und revolutionieren ganze Geschäftsmodelle. Für die DAK-Gesundheit bedeutet dies natürlich vor dem Hintergrund unseres Anspruches, Qualitätsführer zu sein, ein Neudenken bisheriger Prozesse. Dies machen wir konsequenterweise aus Kundensicht.

Gehen wir in die Vollen: Das Holtzbrinck-Venture "Ottonova" und die Google-Schwester "Oscar" zeigen, wie digitale Krankenversicherung künftig geht: Digitaler Arztbesuch, digitale Diagnosen, digitaler Krankenschein, digitale Therapiebegleitung. Sie haben rd. 2,4 Mio. Senioren als Mitglieder sowie rd. 2,5 Mio. chronische Patienten. Wie können Sie den digitalen Wettlauf gewinnen?

Die neuen disruptiven Player am Markt haben in der Tat den Vorteil einer „Neugründung auf der grünen Wiese“ und können sich komplett auf ein volldigitales Geschäftsmodell konzentrieren. Wir bestehen seit 245 Jahren und haben eine gewachsene Struktur und richtigerweise sehr heterogene Kunden: vom Digital Native bis zum Pflegebedürftigen müssen wir eine durchgängig gute Betreuung und Versorgung sicherstellen. 

"Diagnostische Verfahren mit digitalen Anwendungen unterstützen"

Dies gelingt uns, in dem wir unser Geschäftsmodell „hybrid“ umgestalten und ausbauen. Wir bieten unseren Kunden z. B. eine Online-Filiale an, in der die Hauptprozesse unserer Kunden volldigital abgebildet sind. Kein langes Fahren und Warten, damit Zeit gewinnen - einfach und bequem vom Sofa aus. 

Bezogen auf die Versorgung arbeiten wir an digitalen Versorgungsangeboten, die dem Kunden ein Stück mehr Lebensqualität verschaffen, indem wir auch hier die Abläufe digitalisieren und teilweise auch diagnostische Verfahren mit digitalen Anwendungen unterstützen. Ein sehr schönes Beispiel hierfür ist das Modell der chronischen Wundversorgung zusammen mit dem UKE Hamburg. Hochspezialisierte Fachleute des UKE unterstützen dabei die ambulante Versorgung, indem sie digitale Fotos der Wunden und des Heilungsverlaufs bewerten und ihre niedergelassen Kollegen beraten.

Bleiben wir bei Ihrer IT: Sie haben Ihre EDV in die Tochter "Bitmarck" von DAK, BKKn und IKKn ausgelagert. Ab September 2018 werden gut 9.000 Mitarbeiter an bundesweit 350 Standorten über das neue DAK-System "Bitmarck 21c/ng" Leistungen im Wert von jährlich mehr als 20 Mrd. € managen. Wie digital und automatisiert ist die 1776 gegründete Krankenkasse bereits?

Mit der Umstellung der Kernanwendung auf 21c/ng setzen wir ab September 2018 auf ein integriertes Vollsystem modernster Art, dass im Bitmarck-Verbund mit ca 100 anderen Krankenkassen genutzt wird. Workflowgestaltung, Dunkelverarbeitung und Datenaustausch sind dann der Standard.

DAK-Sprachdialogsystem mit semantischer Erkennungslogik

Wir haben bereits vor einigen Jahren den kompletten Posteingang im Unternehmen in drei Digitalisierungszentren konzentriert und überführen die gewonnenen Daten in Dunkelverarbeitungsverfahren. Selbst ein so kompliziertes Verfahren wie ein Antrag auf Zahnersatz wird heutzutage von uns eingelesen und in der Dunkelverarbeitung „autogenehmigt“ - und dies mit einer Quote von fast 80 Prozent der Anträge. Zudem setzen wir an der Schnittstelle Scan-Fachverfahren schon Anwendungen der künstlichen Intelligenz ein.

Wichtig ist aber auch die Digitalisierung der Kundenschnittstelle. Bundesweit setzt die DAK-Gesundheit als erste und einzige Krankenkasse seit April 2017 ein Sprachdialogsystem ein und steuert mit semantischer Erkennungslogik das Telefonrouting, das ebenfalls dem „all-over-ip-Konzept“ folgt. Dies bauen wir aktuell auf ein Omnikanalmanagement aus, damit der Kunde zukünftig auch zwischen den Kanälen wechseln kann - ohne Informationsverlust. 


Ihr großer Hamburger Wettbewerber, die Techniker Krankenkasse, ist mit der "TK-App" auf dem Weg, eine persönliche Patientenakte auf dem Smartphone zu platzieren. Die DAK bietet mobil eine Scan-App und einen viel beachteten Pflegeguide an. Möchten Sie Ihren Söhnen und anderen jüngeren Mitgliedern nicht auch die rd. 75 Services Ihres Online-Portals mobil anbieten?

Wir entwickeln aktuell für unsere Kunden noch viel mehr: Die Kunden der DAK werden zukünftig Ihre DAK-Gesundheit in der Hosentasche als Service-App haben. Hier vernetzen wir dann die verschiedenen Services. Unser Kunde kann selber die Inhalte konfigurieren und für die Life-Style-Ecke gibt es dann auch den persönlichen Gesundheitsscore. Über diese App können sie dann auch die Funktionen unserer Online-Geschäftsstelle inklusive der automatisierten Prozesse nutzen.

Neue DAK-Service-App mit selbst konfigurierbaren Inhalten

Ziel ist es, unseren Kunden in allen Lebenslagen zur Seite stehen zu können. Letztlich bestimmt der Kunde, wie digital seine Beziehung zu uns ist und ober er die lieber mobil oder über den Desktop oder doch lieber persönlich gestaltet.

Ihre Digital-Strategie sieht - wie bei anderen Unternehmen - die drei Schritte 1. Digitalisierung der Geschäftsprozesse, 2. Digitalisierung des persönlichen Kontakts und 3. Digitalisierung von Produkten vor. Schauen wir in die Zukunft: Was können wir von der "Digitalen Angestellten Krankenkasse" in Zukunft bei Prävention und Behandlung erwarten?

Ich stelle die These auf, dass sich das Krankenkassengeschäft sehr stark auf den Bereich der Prävention und der Gesunderhaltung ausdehnen wird. "Dr. Google" kennen wir schon, aber die Datenanalytik wird noch ganz andere Möglichkeiten bieten. Prominentestes Beispiel für Behandlung aufgrund einer Datenanalyse ist dabei wohl Angelina Jolie.

"Für Familien sehen Angebote anders aus, als für Singles."

Wir müssen also auf die Erwartungen einer zunehmend auf Prävention und Gesundheit orientierten Gesellschaft reagieren. Zukünftig werden unsere Kunden gerade im Bereich der Gesunderhaltung neben unseren bisherigen digitalen Coaching-Angeboten zu den Themen Ernährung, Stress und gesunder Schlaf auch weitere lebensphasenbezogene Digitalangebote mit Schnittstelle zu einer Vielzahl von Sensoren nutzen können. Dabei werden die Angebote auf individuelle Lebenssituationen zugeschnitten. Für Familien mit Kindern sehen sie anders aus, als für Singles.

Auch die aktuellen digitalen betrieblichen Gesundheitsmanagement-Angebote für die Beschäftigten bauen wir Zug um Zug aus. Wir koppeln das physische Angebot z. B. von Rückenschul-Trainings demnächst mit digitalen Angeboten. Letztlich entscheidet auch hier der Kunde dann, ob er einen Rückenkurs besucht, das digitale Angebot oder beides nutzt.

Sie haben für Ihre Mitglieder eine digitale Akte, Arztpraxen haben künftig digitale Patientenakten, Versorgungsnetzwerke haben digitale Informationen und Kommunikation, im UKE und immer mehr Kliniken gibt es eine digitale Fallakte. Wenn immer mehr Angebote digital verfügbar ist, wie wird daraus eine digitale Versorgungskette im Interesse des Mitgliedes?

Das Zauberwort heißt „ Interoperabilität“. Das Thema der Vernetzung ist auch in der neuen Regierung bzw. im Koalitionsvertrag hoch priorisiert. Es darf nicht sein, dass jeder für sich eine proprietäre Lösung bastelt und der Datenfluss dann nicht mehr funktioniert.

"eGesundheitsakte, mit der der Kunde Gesundheitsmanager sein kann."

Wir setzen bezüglich der Datentransfers klar auf die Entwicklungen der elektronischen Gesundheitskarte der Gematik. Diese muss den Austausch der Arztdaten zunächst einmal sicherstellen. Zudem soll die eGK auch eine Patientenakte und ein Patientenfach beinhalten. Allerdings fehlt dieser übergeordneten Infrastrukturlösung die Möglichkeit der Personalisierung bzw. der Individualisierung z. B. der Versorgungsangebote.

Wir wiederum erarbeiten zurzeit für unsere Kunden eine elektronische Gesundheitsakte (eGA), mit der der Kunde sein eigener Gesundheitsmanager sein kann: Seine Gesundheits- u und Vitaldaten kann er dort ebenso ablegen, wie seine Medikamenteneinnahme dokumentieren. Diese sehr individuelle eGA wird gegen die Schnittstelle der eGK der Gematik entwickelt, sodass eine Interoperabilität und der Datentransfer untereinander gewährleistet wird.

Ich komme zurück zur privaten Debeka-Beteiligung "Ottonova" und "Oscar" von Google: Ihnen ist mein Nokia-Fitnesstracker am Handgelenk aufgefallen. Sie planen Präventationsangebote in ihre 2. Service-App zu bringen. Wenn Vitaldaten und Risikomanagement, Konsultationen und Kundendialog, Genehmigungen und Abrechnungen digital möglich sind: wie sieht die digitale Krankenkasse der Zukunft aus?

Das Geschäftsmodell der Krankenkassen wird sich schleichend vom hybriden zum volldigitalen Modell entwickeln. Sie werden also in nicht ganz so weiter Ferne alle Anliegen volldigital realisieren können. Dazu zählt übrigens auch die Orchestrierung von Versorgungsprozessen, die unseren Kunden heute noch viel Aufwand und Mühe kosten. Warum soll ein Patient mit einer chronischen Wunde mehrfach in die Praxis fahren, wenn es möglich ist, per Smartphone täglich ein Bild in die Praxis zu schicken. Das ergibt sogar den Vorteil, dass der behandelnde Arzt einen täglichen Verlauf der Wunde verfolgen und den richtigen Interventionszeitpunkt bestimmen kann.

"Der Patient wird bestimmen, welche Daten nutzbar gemacht werden."

Zudem sehe ich eine klare politische Stärkung der Patientensouveränität – der Kunde und Patient wird bestimmen, welche Daten für ihn nutzbar gemacht werden sollen, mit welchem Arzt er seine Daten teilen will oder auch nicht. Zunehmend können aus einfachen Vitaldaten sehr gute Empfehlungen für das Verhalten und somit als Beitrag zur Gesunderhaltung gegeben werden. Das ist auch eine Bereicherung für die Versorgung durch den niedergelassen Mediziner. Wir haben dazu gerade eine Untersuchung vorgelegt, die zeigt, dass hier bei den Medizinern eine große Offenheit besteht, derartige Innovationen zu nutzen.

Allerdings muss hier der Missbrauch ausgeschlossen werden: Ich gehe davon aus, dass es klare Regelwerke geben wird, wenn z.B. Vitaldaten als Rückschluss für Risikomanagement und Tarifierungen genutzt werden sollen. Die DAK-Gesundheit darf dies wie alle gesetzlichen Krankenkassen heute schon nicht, da dies ein klarer Verstoß gegen das Solidarprinzip der Krankenkassen wäre. Und das ist auch gut so.

Unsere traditionelle Hamburg-Frage:

Sie haben in Hammerbrook rd. 1.400 Mitarbeiter, in Landesvertretung, Leistungsabteilungen und in der Kundenbetreuung rd. 600 Mitarbeiter. Hinzu kommen rd. 500 Mitarbeiter in Ihrer Hamburger IT-Tochter "Bitmarck". Hand aufs Herz: Was wünschen Sie sich als großer Anbieter an der Alster vom Senat, damit die Digitalisierung im Gesundheitssektor erfolgreich wird?

Als großer regionaler Player in der Metropolregion Hamburg sind wir natürlich an einer guten Vernetzung zwischen Politik, Wirtschaft und Bildung sehr interessiert. Die Stadt Hamburg setzt mit der Initiative „Digital First“ und der Ernennung des ersten CDO - Herrn Christian Pfromm - die richtigen Weichen. Auch die Stadt schaut zunehmend aus der Kundenperspektive auf die Prozesse und Strukturen und ich glaube, dass sich hier noch viele gemeinsame Wege gehen lassen. 

Einfach Adressänderung mit der Freien und Hansestadt

Ob im Bereich der Innovationsentwicklung als auch in der Serviceentwicklung: Oftmals haben wir ein- und denselben Kunden. So ist aus der Kundensicht eine einfache Adressänderung nur einmal zu melden - und dann müsste er entscheiden können, ob dann auch gleich diese Information bei der Krankenkasse ankommen soll. Auch gemeinsame Gesundheits- oder Bildungsinitiativen könnte ich mir gut vorstellen. 

Mein Wunsch wäre, daran zum Wohle der Bürger und Kunden zu arbeiten und das Leben für alle etwas angenehmer und gesünder zu gestalten. Dabei sollten wir die gesellschaftspolitische Verantwortung der Digitalisierung nicht aus den Augen verlieren.

*  *  *

Vielen Dank für die offenen Antworten!

Das Interview führte Thomas Keup.


 Hamburg Digital Background: 


Chief Digital Officer und DAK IT-Stratege Helmut Gerhards:
www.xing.com/profile/Helmut_Gerhards3

DAK-Digitalisierungsreport 2018:
www.dak.de/dak/bundes-themen/aerzte-befuerworten-e-health-loesungen-1963670.html

Mobiler Angehörigenbegleiter "DAK-Pflegeguide":
www.dak.de/dak/leistungen/app-dak-pflegeguide-1863678.html

Digitales Pilotprojekt "Netzwerk Leben Plus" in Hamburg:
www.die-freien-hh.de/pressemitteilung/details/hamburger-pilotprojekt-netzwerk-lebenplus-startet-laenger-selbststaendig-und-selbstbestimmt-leben/ 

--

Datenmigration für 5,8 Mio. Versicherte durch Bitmarck:
www.cio.de/a/dak-migriert-daten-bei-it-grossprojekt,3260844

Nationaler IT-Dienstleister "Bitmarck" (für BKKn, DAK und IKKn):
 https://www.bitmarck.de/

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Private Krankenversicherung "Ottonova" (Holtzbrinck-Venture):
www.ottonova.de/

Private Krankenversicherung "Oscar" (Google-Konzern Alphabet):
www.hioscar.com/

Ankündigung "Amazon Health Care" mit Berkshire & J. P. Morgan
www.finanzen.net/nachricht/aktien/gesundheitsbranche-healthcare-aktien-unter-druck-berkshire-hathaway-amazon-und-jpmorgan-formen-giganten-5942005

Freitag, 9. Februar 2018

HANSESTATEMENT: Steuerverschwendung "Beyourpilot" - 10 Millionen Euro für was?


HAMBURG DIGITAL STATEMENT

Das zieht einem fast die Schuhe aus: Das nur auf dem Papier existierende, dafür aber umso hoch gelobtere Startup-Portal "Beyourpilot" entwickelt sich zu einem noch größeren Fass ohne Boden, als ursprünglich sichtbar: Sage und schreibe 10 Mio. Euro soll das Projekt der - laut Landesrechnungshof öffentlich kritisierten -"Steuerverschwender" von Hamburg Innovation GmbH, der TuTech Innovation GmbH und "Startup Dock" kosten. Das sieht die Beschlussvorlage der Wirtschaftsbehörde BWVI für die Hamburger Bürgerschaft vor. Ein Hamburg Digital Statement:

Ein Portal mit "Ideenfinder" mittels altbekanntem Business Model Canvas, einer nicht existenten Datenbank mit "Expertenshop" und "Ressourcenfinder" zu Know how- und Technologie-Experten und Einrichtungen sowie ein "Finanzierungskompass", den die Hamburger Konzeptagentur Evers & Jung ähnlich schon einmal an die KfW und den Bund verkauft hat. Das Ganze für 500.000,- € über 5 Jahre. So sah es zum Zeitpunkt der Hamburg Digital Recherche zu Jahresbeginn aus. Mit der Veröffentlichung der Beschlussvorlage zur Finanzierung des Startup-Projekts wird klar: 


Ist "Beyourpilot" ein Fass ohne Boden?
Grafik: Hamburg Innovation

Das unausgereift konzeptionierte Startup-Portal kostet laut Planungen der Wirtschafts- und Innovationsbehörde in den kommenden 5 Jahren insgesamt rd. 10 Mio. € - in Worten: zehn Millionen, wie die Hamburg Digital Nachrichten am Mittwoch berichtet haben. Dabei werden von 2018 bis 2022 jedes Jahr linear fast 2 Mio. € mit vollen Händen aus dem Fenster geworfen - direkt in den Rachen der für die eigene "Luxusversorgung" bekannten TuTech Innovation GmbH, ihrer Schwestergesellschaft Hamburg Innovation GmbH und dem nach Beendigung des "EXIST"-Programm de facto überflüssigen "Startup Dock": 


„Finanzbedarf und Zeitplan werfen einige Fragen auf. Diese werden wir im Wirtschaftsausschuss detailliert besprechen. So jedenfalls wird Hamburg nicht zur Gründermetropole.“ 
Carsten Ovens, Sprecher für digitale Wirtschaft und Hochschulpolitik
der CDU-Fraktion in der Bürgerschaft

Blind auf dem Auge TuTech oder gemeinsame Leichen?

Allein für die Ausschreibung des simplen Portals, die Stellenausschreibung und das Lobbying kassierte Hamburg Innovation im vergangenen Jahr schlappe 500.000,- € - überwiesen von der Wirtschaftsbehörde BWVI nach Harburg - ohne Nachfrage, ohne Ausschreibung, ohne kritische Prüfung. Offensichtlich ist die Innovationsbehörde auf dem Auge TU Harburg und TuTech Innovation blind - oder der Harburger Geschäftsführer Martin Mahn und Vertreter der Behörde haben gemeinsame Leichen im Keller. Wer weiß ...


„Die Drucksache des rot-grünen Senats zur Start-up-Plattform wirft einige Fragen auf. Insbesondere die Höhe des Finanzbedarfs überrascht. Die FDP-Fraktion wird dazu im Wirtschaftsausschuss detaillierte Auskünfte verlangen.“
Michael Kruse, Vorsitzender der FDP-Fraktion in der Bürgerschaft

Diese Fragen stellen sich aus unserer Sicht nach der intensiven Recherche der Steuerverschwendung und der fortlaufenden Machenschaften im Harburger "TuTech-Haus":
  • Wie kann der Hamburger Senat - vertreten durch die Wirtschaftsbehörde BWVI - sicherstellen, dass es sich bei dem 10 Millionen Euro-Projekt "Beyoupilot" definitiv nicht um Subventionsbetrug und Schattenwirtschaft zu Lasten des Hamburger Steuerzahlers geht?

    "Der Senat braucht weniger als 1.000 Worte um knapp 10 Millionen Euro auf fünf Jahre für eine neue Startup-Plattform zu beantragen. Es ist abenteuerlich mit welch nebulösen Projektspezifizierungen hier eine Art Globalvollmacht zur Geldvernichtung vorgelegt wird."
    Stephan Jersch, wirtschaftspolitischer Sprecher der Linksfraktion in der Bürgerschaft

    Chefredakteur Thomas Keup
    Foto: HANSEVALLEY
    Jetzt liegt es bei der Hamburgischen Bürgerschaft, den 10 Mio. € Brocken blind durchzuwinken, oder kritische Fragen zu stellen und die Steuerverschwendung an der Süder-Elbe zu stoppen - im Interesse der nicht üppig gesähten Startup-Gründungen in Harburg, im Interesse der Hamburger Wirtschaft und - vor allem - im Interesse jedes einzelnen Hamburger Steuerzahlers. 

    Das Thema ist bei der Opposition bekannt. Es nicht gewusst zu haben, wird spätestens nach der Fragestunde im Wirtschaftsausschuss keine Antwort mehr sein. Wir bleiben dran.


    Vielen Dank für Ihr Interesse, Ihre Steuern nicht blind in der Elbe zu versenken.

    Mit  herzlichen Grüßen

    Ihr


    Thomas Keup
    Chefredakteur



     Hamburg Digital Recherche: 

    Beyourpilot - Startup Port Hamburg:
    Beschlussvorlage des Hamburger Senats

    HANSEINVESTIGATION: Der Fuchs im Hühnerstall. 
    Die millionenschwere Steuerverschwendung an der Süder-Elbe - Teil 1

    HANSEINVESTIGATION: Ein Startup Port für Hamburg. 
    Die millionenschwere Steuerverschwendung an der Süder-Elbe - Teil 2

    HANSEINVESTIGATION: Die Startup-Abzocke von Harburg.
    Die millionenschwere Steuerverschwendung an der Süder-Elbe - Teil 3


    HANSESTATEMENT: Von Harburger Subventionsrittern zur hanseatischer Metropole.