Mittwoch, 21. Dezember 2016

HANSEVIRTUALITY: 6 Gründe, warum Hamburg 2017 zur VR- und AR-Hauptstadt wird


Schnappschuss von einem Sonnenuntergang
über Hamburg aus einem Hubschrauber
Foto: Polizei Hamburg, Dezember 2016


Der Hamburger AR-Spezialist und Co-Founder des Event-Netzwerkes 12min.me Oliver Rößling hat auf XING-News einen interessanten Grundlagenbeitrag zu Augmented und Virtual Reality in Hamburg veröffentlicht. Wir freuen uns, den Insider-Beitrag als Gastbeitrag im Hamburg Digital Magazin veröffentlichen zu können. 

Ganz egal, dass in Hamburg eigentlich niemand Fußball spielen kann. Hamburg hat eben andere Qualitäten! Die Perle an Elbe und Alster wird sich 2017 zu einer der weltweit wahrgenommenen Hochburgen für die Themen Augmented Reality (kurz: AR - dt. = Erweiterte Realität) sowie Virtual Reality (kurz: VR - dt. = Virtuelle Realität) entwickeln und das hat genau sechs Gründe:


1. Hamburg kann Medien

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Hamburger "irgendwas mit Medien" macht ist nicht besonders klein, wohingegen das Spektrum der Medien der Stadt wirklich groß und vielfältig ist, was allein die extra für Medien und Digitales gegründete Initiative nextMedia.Hamburg beweist.

Im Kontext des Anforderungsprofils von VR und AR ist insbesondere Hamburgs Gamesbranche zu nennen, in der laut gamescity:Hamburg um die 4.500 Arbeitnehmer tätig sind. Die hier Beschäftigten sind vergleichsweise gut geschult, wenn es um gestalterische und technische Aspekte bei der Umsetzung von VR- und AR-Projekten geht. 

An dieser Stelle kann es zu diversen Anknüpfungspunkten aber auch Überschneidungen kommen, wobei man jedoch nicht vergessen sollte, dass VR und AR vor allem ein extrem spannendes Medium für den Handel, die Industrie und die Immobilienwirtschaft ist, welches ganz neue Möglichkeiten der Visualisierung, Interaktion, Vermarktung und Simulation bietet.

Natürlich könnte man an dieser Stelle um die verpasste Chance "Olympia" jammern, welche dem Thema sicherlich noch einen gehörigen Auftrieb gegeben hätte. Man könnte, hätte, sollte...blah blah blah! Konjunktive braucht jedoch in diesem Kontext niemand, weshalb wir in diesem Artikel das Tal der Tränen hinter uns lassen und erwartungsvoll nach vorne schauen.


2. Hamburg war in Deutschland ganz früh dabei


Recording "Give Peace a Chance". John Lennon, Timothy Leary, Yoko Ono (1969)
Quelle: Wikipedia.org
Tatsächlich tummeln sich in der Hansestadt so einige Pioniere der Virtuellen Realität. Doch in den 1990ern gab es zwar einen großen Hype, der allerdings genauso schnell wieder verflacht ist. Die Technologie war noch nicht bereit für den Mainstream. Beispielsweise wurde eine der ersten VR-Brillen nach einem Vortrag des LSD-Papstes Timothy Leary 1991 in Hamburg auf dem Jungfernstieg bei Absolute Software gebaut und kann heute noch besichtigt werden.

Das Modell ist mit 1990 noch aufwändig aus der ehemaligen DDR beschafften Carl-Zeiss-Linsen ausgestattet und sieht den aktuellen Brillen bereits erstaunlich ähnlich. Leider war seinerzeit das Internet noch in den Kinderschuhen, weshalb das Brillenprojekt, das sich vor der US-Amerikanischen Konkurrenz nicht verstecken musste, aus Mangel an Information um die Marktsituation, eingestellt worden.


Eine VR-Brille, wie sie heute aussieht (l.) und das Modell von 1991 im Vergleich
Foto: Absolute Software GmbH


3. Ein hochspezialisiertes Ökosystem und eine lebendige Szene

In Hamburg haben sich längst viele Dienstleister und Kanzleien auf das Thema Medien und Digitales eingeschossen. Da niemand gern auf nur ein Pferd setzt, sind diese Firmen selbst - nicht allein aus eigenem wirtschaftlichen Interesse, sondern auch aus Spaß an der Sache selbst - sehr aktiv dabei, den Blick über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus auf Hamburg als innovative Medien- und Digitalmetropole zu lenken und entsprechend Lobbyarbeit zu betreiben.



Immer voll bei 12min.me-Events im Mindspace
Foto: 12min.me e.V.
In den letzen drei Jahren - quasi seit dem VR und AR wieder en vogue sind - schossen neben zahlreichen Startups und so einige Events, Formate und andere Gruppierungen sprichwörtlich aus dem Boden. Nennenswert sind hier das Meetup "Virtual Reality Hamburg" mit knapp 500 Mitgliedern und das neue regelmäßige Format "12min.NEXTreality" von 12min.me, zu dessen Premiere sich allein 245 Interessierte zur ersten Veranstaltung im Oktober '16 im Hamburger Mindspace anmeldeten.


Die Gewinner des letzten VirtualWeekends durften u.a.
eine vergoldete VR-Brille als Preis mit nach Hause nehmen.
Quelle: www.VirtualWeekend.com
Die Hamburger Games Conference legte 2016 ebenfalls den Schwerpunkt auf virtuelle Realitäten. 2017 wird in Hamburg das zweite "VirtualWeekend" stattfinden. Ein VR-Hackathon, auf dem Hacker, Geeks und Interessierte zusammen Lösungen erdenken, prototypisieren und am Ende eines langen, durcharbeiteten Wochenendes vor einer Jury präsentieren. Zudem ist für 2017 bereits einiges mit entsprechender Strahlweite in Planung. Wirtschaft, Wissenschaft und Politik arbeiten an dieser Stelle beispielhaft zusammen. Stay tuned!

Die neuen Visualisierungs-möglichkeiten bieten tatsächlich auch außerhalb des Mediensektors große Potentiale für Zusammenarbeit. Die Stadt Hamburg betreibt bspw. Clusterpolitik, d.h. es gibt Spezialisierungsfelder, in denen die Stadt die politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen verschiedener Branchen bündelt und vertritt. 

Unterschiedlichen Clustern zugehörige Unternehmen, wie z.B. Airbus, Lufthansa und HPA, testen und nutzen bereits heute schon intensiv die neue Technologie für Planungs-, Vermarktungs- und Präsentationslösungen. Demnach wird die Technologie um VR und AR dafür sorgen, das künftig einige Cluster hier noch intensiver zusammenarbeiten werden.




Cluster der Freien und Hansestadt Hamburg
Quelle: BWVI
4. Top Wissenschaft und Forschung sowie ein aktuelles Curriculum für Studenten

Mit umtriebigen Forschern, wie zum Beispiel den Virtual Reality-Experten und Professoren für Mensch-Computer-Interaktion Frank Steinicke von der Uni Hamburg oder dem Professor für Angewandte Informatik Kai von Luck von der HAW, ist Hamburg bestens aufgestellt, in der Lehre den Nachwuchs für VR und AR und andere digitale Innovationen zu begeistern. Natürlich darf man weder ihre Kollegen an der jeweiligen Hochschule vergessen, noch die Forscher der FH Wedel oder TU Hamburg.



Ein s.g. "CAVE" gibt es in Hamburg nicht nur an den Hochschulen.
Quelle: Wikipedia.org
Für alle Interessierten, die gern Virtuelle Realität ins Studium mit einbeziehen wollen, bieten die Hamburger Hochschulen bereits heute viele Möglichkeiten. Aufgrund der klaren Vorprägung als Medien- und Games-Standort haben die Hochschulen bei der Erstellung der jeweiligen Curricula darauf geachtet, am Zahn der Zeit zu bleiben. 

Mindestens an vier Hochschulen am Standort (UHH, HAW, TUHH, FH Wedel) gibt es ein so genanntes "CAVE" (cave automatic virtual environment), in dem die virtuelle Welt auf die reale Umgebung möglichst realistisch projiziert wird. Beispielsweise nutzt das Projekt "The Void" in den USA bspw. eine CAVE um eine Art "Real-Time Holodeck" aufzubauen.

Das Interesse der Forschung an dem Thema ist offensichtlich sehr groß und inbesondere die aktuellen und nächsten Generation von Studenten, die durch Apps und Spiele längst verstanden hat, dass das Thema gekommen ist um zu bleiben, wird auf den Zug aufspringen wollen, da hier künftig eine Vielzahl spannender Jobs entstehen wird.
5. Hotspot für globale Internetriesen und umringt von Hidden Champions aus dem Mittelstand.

Hamburg (als "Elbvalley" @Welt.de betitelt) beherbergt so manchen Internetriesen. So haben beispielsweise Google, Facebook, Twitter, Airbnb, Microsoft, Dropbox, Adobe, Yelp etc. einige ihre europäischen Ableger in der Stadt angesiedelt. Zumindest Microsoft, Facebook und Google werden hardwareseitig in den nächsten Jahren ganz vorn bei den Themen AR und VR mitspielen. Microsoft sorgt bespielsweise derzeit insbesondere mit seiner AR-Brille "Hololens" für Schlagzeilen, Facebook hat sich die Rechte an den VR-Lösungen von Oculus gesichert und Google brachte jüngst neben seinem Cardboard die Daydream-Brille auf dem Markt.

Ganz ehrlich: Es währe doch gelacht, wenn es hier nicht eher früher als später Synergien mit der Hansestadt gibt, die ja nun klar einen Schwerpunkt auf die entsprechenden Themen setzt und die oben genannten Endgeräte mit relevantem Inhalten bespielt. Wenn die Szene es schafft, nachhaltig und laut genug am Standort das Thema zu bespielen, werden auch die derzeit regional noch vergleichsweise wenig in Erscheinung tretenden Internetriesen hellhörig, denn spätestens ab 2018 wird mit Inhalten mehr Umsatz generiert, als mit der Hardware der großen Hersteller.



Marktgöße: VR in Deutschland
Quelle: Deloitte-Studie auf wired.de


Mal ganz abgesehen von all den Global Champions und in Anbetracht der Grafik, haben wir auch jede Menge Hidden Champions in und um Hamburg versammelt. Dutzende innovative mittelständische Firmen, die ein offenens Ohr für Innovation haben, aber nicht immer an vorderster Front in Erscheinung treten (wollen). Viele treiben schon heute spannende VR und AR Projekte voran, ohne damit in der Öffentlichkeit aufzutauchen.





Neben den Hidden Champions trauen sich aber auch immer mehr Gründer und kleinere Mittelständer an die Themen AR und VR. Regelmäßig treten neue Startups, Projekte und Ideen in Erscheinung. Nennenswert ist eine Initiative, die als Joint-Venture einiger kleinerer Mittelständer, derzeit eine größere Ausstellungsfläche gepaart mit einem Co-Working-Konzept in der Hamburger Speicherstadt explizit für VR und AR umsetzt. Die Initiatoren möchten dort auch Gründern und Hochschulen Platz für die Umsetzung von Ideen zur Verfügung stellen. Offiziell wird das Projekt voraussichtlich Ende Q1 2017 bekanntgegeben.

6. Gute Chancen auf Support durch die Stadt und öffentliche Förderung


Hamburg plant ganz konkret eine Initiative zu dem Thema Virtuelle und Erweiterte Realität ins Leben zu rufen und dieser zum Start auch die notwendigen finanziellen Mittel zur Seite zu stellen (wie reden über 300.000 Euro für zwei Jahre), um das Thema noch schneller ins Bewusstsein der Wirtschaftsakteure zu bringen. 


Deutschland-Karte: Wo die Hidden Champions sitzen:
viele in und um Hamburg
Quelle: Handelsblatt.com vom 28.04.2014
Wie in den vorangegangenen Punkten bereits erwähnt wurde, gibt es bereits eine Reihe von Events und Zusammenschlüsse zum Thema VR und AR, sowie ein lebendiges, junges Ökosystem, weshalb das Rad in Hamburg nicht neu erfunden, sondern schlicht und einfach zum Rollen gebracht werden muss. 

Heißt, die Mittel, die seitens der Stadt als eine Art "Kick-Start" in die Initiative gesteckt werden, sowie weitere Mittel, die voraussichtlich mittelfristig aus der Privatwirtschaft eingesammelt werden und über die sich die Initiative zeitnah tragen wird, kommen der Bekanntmachung des Themas in der hiesigen Wirtschaftslandschaft zugute und sorgen dafür, Hamburg über seine Grenzen hinaus als einer der internationalen Vorreiterstädte für VR und AR sichtbar zu machen. Für diese Weitsicht und die zügige Umsetzung verdienen die Verantwortlichen seitens der Stadt großes Lob.

Sobald die Potentiale der neuen Visualisierungsmöglichkeiten duch die Wirschaft verstanden werden, wird so mancher Konzern oder Mittelständer versuchen, das Thema für sich auszuloten. Das Projekt der Handelskammer Hamburg, die IKS Hamburg (Innovations Kontakt Stelle), ist einer der wesentlichen Anknüpfungspunkte für die Wirtschaft, um von der Forschung am Standort zu profitieren und die neuen Visualisierungstechnologien in Mittelstand und Konzern zum Standard werden zu lassen. Die IKS vernetzt hier Wissenschaft und Wirtschaft gezielt, um innovative Idee Wirklichkeit werden zu lassen.

Innovationsförderung ist in Hamburg auch auf behördlicher und politischer Ebene ein hochaktuelles Thema. Die Hamburgische Innovations- und Förderbank (IFB) und besonders deren Programme Innovationsstarter und InnoRampUp fördern Startups und Mittelstand bei der Bewältigung nachhaltig innovativer Ansätze, zu denen alles rund um VR und AR mit Sicherheit zu zählen ist. Bei der Beschaffung von Fördergeldern aus diversen öffentlichen Fonds helfen aber auch die TuTech oder das Startup Dock

Außerdem wird derzeit ein Innovations-Wachstumsfonds in Höhe von bis zu 100 Millionen Euro geprüft, an dem sich die Stadt Hamburg mit bis zu 10 Millionen Euro beteiligen würde. Sowas will gut durchdacht und geplant sein, weshalb es ggf. noch ein paar Monate dauern könnte, bis die Maßnahme in Kraft tritt. Das wäre dann nochmal eine ganz glasklare Ansage in Richtung Zukunft. Sicher fällt da auch für VR- und AR-Lösungen der eine oder andere Euro ab.

Wo es jedoch noch ein wenig hapert, ist das privatwirtschaftliche Engagement. Sicher gibt es viele s. g. Family Offices, die private Vermögen verwalten. Jedoch investieren diese vorzugsweise in Immobilen, anstatt in innovative Firmen oder Produkte, da es hier regelmäßig an der digitalen Kompetenz mangelt, das jeweilige Risiko zu bewerten. Auch Venture Capital für Frühphasengründungen - nicht allein für VR und AR - ist derzeit eher knapp in Hamburg.

Fazit: Hamburg bringt die besten Voraussetzungen mit, um nicht nur in Deutschland eine wichtige Rolle im Bereich VR und AR zu spielen. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft haben das Thema klar im Blick. Der Fokus auf Virtuelle- und Erweiterete Realität ist eine logische und sinnvolle Erweiterung des Kompetenzspektrums der Hansestadt und eine Chance für den gesamten Wirtschaftsraum.

Autor: Oliver Rößling

Die redaktionelle Verantwortung des Gastbeitrags liegt beim Urheber.



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