Sonntag, 12. März 2017

HANSEPERSONALITY Heilemann-Brüder: Alles Gute von Elbe und Alster.

Ein kalter Donnerstag-Abend im Februar. Schmuddelwetter begleitet die Hamburger in den Feierabend. An den Landungsbrücken trifft sich die Hafenwirtschaft zum Get-together. Mit Blick auf Elbe und Docks geht es im exklusiven Hafen-Klub um die Zukunft der Logistik. Unter dem provokanten Titel "Digitale Revolution in Schifffahrt & Logistik" stellen zwei junge Berliner die erste digitale Spedition vor.

Fabian und Ferry Heilemann sind gerade mal in den Dreizigern. Für Hamburgs Reeder, Spediteure und Kaufleute noch fast "Eierschalenfraktion". Doch die beiden smarten Startup-Macher haben etwas. Sie sind keine "Hubschrauber," keine "Overseller". Sie wirken hanseatisch, wissen, was sich gehört. Was kaum einer der Klub-Gäste ahnt: Hier trifft das neue auf das alte Hamburg, Hamburger Zukunft auf hanseatische Tradition.



Unternehmer und Investor Fabian Heilemann
Foto: Hoffotografen
Wenige Stunden zuvor treffe ich Fabian am Rand der Hamburger IT-Strategietage im Grand Élysée Hotel an der Rothenbaumchaussee. Er ist pünktlich, er ist smart und er ist gestresst. "Seit dem ich 18 bin, stehe ich auf dem Gas, mit einer Schlagzahl, die vergleichsweise hoch ist." Vor mir sitzt ein 34-jähriger, millionenschwerer Workoholic. Er hat mit seinem 4 Jahre jüngeren Bruder nach nur 2 Jahren das Gutschein-Portal DailyDeal für 114 Mio. € an Google verkauft, 2 Jahre später zum Schnäppchenpreis zurückgenommen, neu ausgerichtet und an die "Gutscheinpony"-Mutter MenschDanke verkauft.

Vom Rechercheinterview in der Hafencity an die Rothenbaumchaussee.

Beim Interview in der Bourbon Street Bar geht es nicht um DailyDeal, Millionen-Deals und den Dealflow bei Earlybird, einem der ältesten deutschen VCs, mit dem sich die Heilemann-Brüder zusammengeschlossen haben. Es geht um eine Spur, auf die mich Tobias Seikel von Hanse Ventures gebracht hat. Die Heilemann-Brüder haben sich Ende 2015 an der Seed-Finanzierung des Fenster- und Türen-Portals "Virtraum" mit einer 7-stelligen Summe beteiligt. Man kennt sich seit 9 Jahren, damals, als CEO Jochen Maaß bei DailyDeal einstieg.

Vom Hamburger Waffelbäcker zum Digitalunternehmer in Berlin.

"Das sind doch Hamburger Jungs", verrät COO Tobias Seikel in einem Hintergrundgespräch. Das ist eine interessante Spur. Sie führt auf einen wichtigen Lebensabschnitt der beiden Jungunternehmer. Es beginnt 2003. Fabian verlässt das elterliche Hameln, beginnt sein Jura-Studium an der Bucerius Law School, verdient sich mit seinem bereits zur Schulzeit gegründeten Startup "ChiChi Company" und französischen Waffeln den Lebensunterhalt. Die Geschäftsadresse: Lerchenstraße 106 im Schanzenviertel, ein gepflegter Altbau, direkt am Schulterblatt. Doch es eine 1-Zimmer-Studentenbude. Ferry besucht sein älteren Bruder Fabian an den Wochenenden, zieht 2008 mit ein.

Digitale Spur der Heilemanns: Schanze, Bergstedt & St. Georg. 

Im Sommer 2009 bringt Fabian aus Stanford eine Idee mit: Gutscheine verkaufen übers Internet. Kurz vor Weihnachten gründen die Brüder im Immenhorstweg 70 die Blue Ocean Internet UG, die spätere Daily Deal GmbH. Der vom leidenschaftlichen Surfer Fabian gewählte Name taucht Jahre später wieder auf. Die Karriere der Gründer nimmt in Bergstedt seinen Lauf. Operativ an der Schönhauser Allee in Berlin zu Hause, haben die Wahl-Hamburger immer ein Standbein an der Elbe. Schon 10 Monate zuvor gründen sie Heilemann Ventures, das an der Danziger Straße in St. Georg zu Hause ist.

"Wir sind selbst Gründer und Digitalunternehmer in der DNA."


Hamburger Background und Berliner Drive:
Fabian und Ferry Heilmann
Foto: Sky & Sand
Es sind nicht nur Hamburger Adressen, die Fabian und Ferry von anderen Startuppern unterscheiden. Jurist Fabian Heilemann bestätigt, auch heute "Hamburger Verträge" per Handschlag zu machen. Integrität ist ihm wichtig, persönlich wie professionell. Nicht umsonst haben sie sich mit Earlybird zusammengeschlossen, jenem VC, der von den Hamburgern Hendrik Brandes, Rolf Matthies und Christian Nagel vor fast 20 Jahren in Hamburg gegründet wurde. Man teilt hanseatische Werte, Tugenden und eine Weltsicht, wie man arbeitet. Die Heilemanns sind die nächste Generation "früher Vögel" - mit dem Tech Know-how aus ihrer Zeit bei "Zalando" bis "DailyDeal".

"Wir sind Investoren und sehr aktiv in der Unterstützung."

Mit ihrem neuen 150 Mio. €-Fonds gehen sie vor allem ins B2B-Geschäft. Es sind gut adressierbare Märkte mit vielen weißen Flecken. Eine ganze Reihe von Branchen laufen 10-15 Jahre der Digitalisierung hinterher. Für Fabian geht es um Ineffizienzen und Usibility. Während Amazon & Co. Verbraucherthemen in der Breite abdecken, gibt es im B2B noch was zu gewinnen. "Wir müssen große Wetten eingehen und auch ein paar Wetten gewinnen," gesteht der erfahrene Nachwuchsunternehmer offen ein. Zu den Themen gehören Cloud- und SaaS-Technologien, Fintech und Insuretech, Mobility- und E-Mobility-Themen sowie Logistik und Suppy Chain.

Fabian & Ferry Heilemann: Seit 5 Jahren operativ ein Team.

März vergangenen Jahres. Die beiden Brüder gründen in Berlin ihr nächstes Startup: "FreightHub" ist eine digitale Spedition. Die Firma dahinter: Deep Blue Ocean Internet GmbH. Und da ist er wieder: Der "blaue Ozean" vom Anfang ihrer Karriere, jene Gründung des Gutschein-Portals, die ihnen mit Hilfe von Google all das heute möglich macht. Mit an Board: Erik Muttersbach, Ex-CTO von DealyDeal, CCO Michael Wax und ehemalige Mitarbeiter aus Hamburger Speditionen. Es ist kein hoch gejazztes Startup, dass man nach 2 Jahren an einen Großkonzern verkaufen möchte. Es ist ein vollwertiger Spediteur mit einem eigenen Transport-Management-System. 

Freighthub: "Langfristig ausgerichtete Firma am Markt."


Bauen Europas digitale Spedition: Die FreigthHub-Gründer
Foto: FreightHub
Quotierung, Buchung, Versicherung, Transport & Verzollung - "FreightHub" deckt die gesamte Supply Chain ab - und das mit 1,5 Mio. Fahrplänen im System, mit Fokus auf Asien-Europa in See- und Luftfracht. 2/3 machen Container aus, 1/3 ist Stückgut. Vor der Gründung haben sie verschiedene Industrien gescannt. Logistik war unter den Top 10. "Ich habe mit Leuten aus der Branche in Hamburg gesprochen," Fabians Netzwerk hilft bei der Entscheidung. Mit dem "Freight Forwarder 2.0" sind sie Pioniere in Europa, "Wir wollen, dass die deutsche Logistik-Wirtschaft auch in 20 Jahren noch ihre führende Rolle hat - gegen US-Startups". Ferry Heilemann führt das 28-köpfige Team mit seiner operativen Expertise an.

"Ich arbeite lieber auf der sachlich-fachlichen Ebene," hebt Wahl-Berliner Fabian im Recherchegespräch hervor. Und ergänzt: "Ich bin ein Einzelgänger, der sich in Partnerschaften einfügen kann." Eigentlich wollte er sich nur 45 Minuten Zeit nehmen, doch Journalismus hat etwas mit Austausch zu tun - nicht mit Zahlen und Fakten, die Fabian gern in den Mittelpunkt stellt. Er beweist bei kniffligen Fragen Durchhaltevermögen, auch wenn es keines der standardisierten Frage- und Antwortspielchen um die bekannten Themen ist. 

Hamburger Logistik- mit Berliner Digital-Know how

Vielleicht war die Vorstellung an diesem Donnerstag-Abend im Hamburger Hafen-Klub der Anfang von etwas Großem, von digitaler Logistik - mit dem globalen Geschäft in Hamburg und dem digitalen Know how in Berlin - und einem hanseatischen Weg, der in der Schanze begann. Eine Frage bleibt zunächst noch unbeantwortet: Lange liefen die operativen Aktivitäten der Brüder unter der Marke "Sky & Sand". Aber warum? Vielleicht ist es der gleichnamige Song aus dem Soundtrack von Paul Kalckbrenners "Berlin Calling". Das würde erklären, warum die beiden sympathischen Jungunternehmer jetzt an der Spree aktiv sind.


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