Donnerstag, 20. April 2017

HANSESHIPPING: Hapag-Lloyd - Vom Gießkannendienst zu Data in Action.

HAMBURG DIGITAL REPORT

Hamburg, Binnen-Alster: Das Ballinhaus mit der Nr. 25 am gleichnamigen Damm weist stolz auf die globale Präsenz der "Hamburg America Linie" von Dampfschiffen bis Containerriesen hin. Die Zentrale der Hapag-Lloyd AG ist nach dem Hamburger Dampfschiff-Reeder Alfred Ballin benannt, der 1888 in den Vorstand der HAPAG berufen wurde und die Linie ab 1899 zur weltweiten Nr. 1 machte.


Hamburg, Ballindamm 26, die Zentrale der Hapag-Lloyd AG.
Foto: Hapag-Lloyd
Damals wie heute geht es am Ballindamm um den Linienverkehr rund um den Globus. 163 Hapag-Lloyd-Containerschiffe laufen die Häfen der Welt an - viele davon mit dem Hamburger Wappen voran. Mehr als 160 Direktverbindungen zählt die weltweit fünftgrößte Reederei. In Zeiten schwankender Märkte, fusionierender Anbieter und globaler Allianzen geht es am Ballindamm auch um die eigene Zukunft. 

Diskutieren Politiker über die Digitalisierung der Logistik, die Auswirkungen auf die Seefahrt und die Unterstützung durch digitale Logistiklabs, hat am Ballindamm die Zukunft bereits begonnen. Hinter den dicken Mauern schlägt im Fleet Support Center der Hapag-Lloyd das digitale Herz der Hamburger Weltreeder. Ein Hamburg Digital Report:

Alle 3 Minuten senden die Datenpunkte von den weltweit vernetzten Containerschiffen aktuelle Informationen, alle 10 Minuten empfängt das Fleet Support Center in Hamburg Positionsdaten der 163 Hapag-Lloyd-Frachter sowie aller Schiffe in den Allianz-Liniendiensten. Alle 15 Minuten wissen die Ingenieure im abgeschotteten Kontrollzentrum, wie es um Schiffsschrauben, Maschinen und Ruderanlagen steht. 


Das Fleet Support Center der Hapag-Lloyd in Hamburg.
Foto: Hapag-Lloyd
Wären die sekundengenauen Erhebungen über die Flotte mit dem Hamburger Wappen bereits eine spannende Geschichte, machen die Satellitendaten für 1.700 Schiffe mit HLAG-Containern rund um den Globus aus einem Hausbesuch eine digitale Big-Data-Story. 

Es ist eine Geschichte über 1,6 Mio. orangefarbene Hapag-Lloyd-Container mit insgesamt 7,5 Mio. Transporten pro Jahr, eine Geschichte um Containerpositionen, Erschütterungen, Klima und Temperaturen. Es ist die digitale Echtzeitüberwachung eines weltweit elektronisch gemanagten Business "Made in Hamburg".

Es war einmal: Datensilos und das berüchtigte Laufwerk:C

2013 fängt alles an: In einem Projekt sollen Schiffsmechaniker, nautischer Offizier Jörn Springer und eine handvoll Kollegen herausfinden, wie man mehr Ladung mit weniger Brennstoff transportieren kann. Das Projekt beginnt wie jedes Projekt: Informationen sammeln. Von gedruckten Kopien bis elektronischen Sensordaten ist alles dabei. Die Daten sind fragmentiert - verstreut in Excel-Tabellen, Diagrammen und Word-Listen, gebunkert in den Datensilos der Fachabteilungen und dem berüchtigten "Laufwerk:C". Neben einmaligen Informationen liegen regelmäßige Erhebungen auf dem Tisch. Aus der scheinbar einfachen Frage nach mehr Wirtschaftlichkeit wird ein Großprojekt.


Die vollbeladene "Antwerpen" mit 13.167 Containern.
Foto: Hapag-Lloyd
Die Herausforderungen: Welche Daten sind für welche Anwendungsfälle relevant? Wie sind die Daten zu bewerten? Welche Daten können automatisch verarbeitet werden? In welcher Zeitzone sind sie erhoben worden? Wie können sie in die richtige Reihenfolge gebracht werden? Und: Nach welchen Standards sind Daten und Zustände weltweit erhoben worden? 

Dazu kommen die baulichen Besonderheiten unterschiedlichster Frachter unterschiedlicher Klassen unterschiedlicher Historie? Keine Kleinigkeit bei Schiffen von 2.300 TEU bis zu Megafrachtern des Fusionspartners UASC mit bis zu 19.000 Containern auf bis zu 400 Metern Länge und 60 Metern Breite. 

Vom Teilprojekt zum Support Center zur strategischen Abteilung

Aus der einmaligen Erhebung wird ein kontinuierliches Monitoring, aus dem Projektteam Ende 2013 das Fleet Support Center, aus dem Center im Sommer 2014 eine entscheidende Abteilung in der Firmenzentrale am Ballindamm. Ein Dutzend Spezialisten arbeiten heute in der NASA-gleichen Kommandozentrale, bis zum Jahresende werden es 17 sein. Und die Herausforderungen steigen: Neben eigenen Schiffen müssen die Controller auch die rd. 120 gecharterten Schiffe monitoren, neben selbst bewirtschafteten auch fremd gemanagte Schiffe im Blick behalten.

Viele Schiffe werden befristet gechartert. Wie bei Bahn und Bus ändern sich Ziele, Routen und Termine. War und ist die "Hamburg-Amerika-Linie" Marktführer zwischen Europa und Nordamerika, sind die Hamburger mit Übernahme von CP Ships zunehmend in Richtung Kanada, Australien und Asien unterwegs. Mit der neuen "THE Alliance" werden Linien neu geplant. Im Fokus: Mehr Direktverbindungen zwischen Port-Pairs und weniger Dienste von "Gießkanne" zu "Gießkanne", so ein HLAG-Manager augenzwinkernd bei der Vorstellung der neuen Allianz.

Die "Yantian Express" am Container-Terminal in Altenwerder
Foto: Hapag-Lloyd
2015 holt sich das Team um Dipl.-Ing. Jörn Springer und Logistikspezialistin Julia Kühnbaum wertvolles Know how aus anderen Segementen: ob PKW oder Stückgut, ob Öl oder Gas, ob Fischerei oder Militär - die Besonderheiten der Seelogistiksparten helfen auch der hoch standardisierten Containerlogistik, mit Hilfe feingranularer Daten umfassende Optimierungen vorzunehmen. 

Wie können die Hapag-Frachter optimal be- und entladen werden? Gibt es zusätzlich verfügbares Volumen oder Gewicht, dass gemakelt werden kann? Malten die Ausbilder des HLAG-Offiziers einst Container für die einzelnen Häfen mit Buntstiften in große Pläne, sorgen die Daten des Fleet Support Centers heute automatisiert für optimale Beladungsplanung.

Aus Optimierern werden Analysten für Entscheidungen an Board

Was passiert zwischen den Häfen auf hoher See? Im Fleet Support Center geht es längst um vorausschauende Planungen: Reichen die bestehenden Kapazitäten auf eigenen und verbundenen Schiffen aus? Muss ich Routen mit kleineren oder größeren Schiffsklassen bedienen? Kann ich die Nachfrage mit einem eigenen Liniendienst betreiben? Brauche ich zusätzliche Charterschiffe oder muss ich die Flotte eher verkleinern?

Das Messingschild am Ballinhaus in Hamburg.
Foto: HANSEVALLEY / Thomas Keup
Ging es früher in 5-Jahres-Plänen um die kontinuierliche Entwicklung des eigenen Geschäfts, führen Wettbewerbsdruck und Rahmenbedingungen heute zu ständiger Volatilität. Heftige Ausschläge in der Geschäftsentwicklung können schnell zum unkalkulierbaren Risiko werden. Die Brennstoff-, Ladungs-, Routen- und Umschlagsoptimierer sind zu hochspezialisierten Datenanalysten geworden, die den Tanker Hapag-Lloyd auf den Weltmeeren auf Kurs halten. 

All dies wäre ohne Millionen Datensätze undenkbar. Gut zu wissen, dass in Zeiten von "Industrie 4.0" Hapag-Lloyd die "Schifffahrt 4.0" bereits aktiv lebt. Am Schluss geht es aber vor allem um die Seefahrt. Und der frühere Schiffsoffizier Jörn Springer fasst treffend zusammen: "Wir wollen die beste Entscheidung an Bord ermöglichen." Damit das Hamburger Wappen noch lange sicher und erfolgreich in die Häfen der Welt einläuft.




 Hamburg Digital Background: 

Hapag-Lloyd AG, Hamburg:
https://www.hapag-lloyd.com/de/home.html

NDR-Heimatkunde: Reedereien:
www.ndr.de/kultur/geschichte/hamj21671.html


 Hamburg Digital Reports: 

HANSEBUSINESS: DAKOSY - Der digitale Lotse im Hamburger Hafen.
http://hh.hansevalley.de/2017/04/hansebusiness-dakosy.html

HANSEPERSONALITY Willem van der Schalk: "Das Rad nicht neu erfinden!"
http://hh.hansevalley.de/2017/03/HANSEPERSONALITY-van-der-Schalk.html



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