Sonntag, 16. Juli 2017

HANSEPERSONALITY Michel Billon: Eine Developer School im Herzen der Stadt.

Hamburg Digital Interview

'Fintechs werden das Banking revolutionieren' - sagen die Einen. 'Fintechs sind unsere Partner in der Digitalisierung' - sagen die Anderen. Hamburg ist 2. größter Finanzplatz Deutschlands und die Heimat des Merchant-Bankings. Deutschlands größter Handelskonzern - die Otto Group - hat eine eigene Bank für ihre Kunden - die Hanseatic Bank.

Wie gut ist das Unternehmen auf die fortschreitende Digitalisierung vorbereitet? Was unternimmt die Geschäftsführung der mehrheitlich zu Société Générale gehörenden Verbraucherkreditbank, um den Anschluss zu halten? Und was wünscht sich die Privatkundenbank in Hamburg, damit unsere Stadt digital nach vorn kommt? Unser HANSEPERSONALITY ist Michel Billon, Geschäftsführer der Hanseatic Bank, Hamburg: 


Hanseatic Bank-Chef Michel Billon.
Foto: Hanseatic Bank
Sie sind 1969 als Teilzahlungsbank der Otto Group gegründet und heute eine Vollbank mit starkem Handelsgeschäft und wachsendem Kreditkartenbusiness bei 41 Mio. € Bilanzgewinn. Sie beschäftigen bundesweit gut 420 Mitarbeitern - ohne umfassendes Filialnetz. Wo schlägt das Thema Digitalisierung bei Ihren Beziehungen zu Endkunden und Vertriebspartnern auf?

Wir haben in den vergangenen Jahren das Portfolio unserer vier Segmente stetig angepasst. Neben dem Teilzahlungsgeschäft für Unternehmen innerhalb der Otto Group gehören heute das Konsumentenkreditgeschäft mit Kreditkarten und Privatkrediten, das Einlagengeschäft mit Produkten wie Sparbriefen und Tagesgeld und der Bereich Versicherungen in Verbindung mit Krediten und Kreditkarten zu unseren Geschäftsfeldern.

Unsere Produkte vertreiben wir über unser Filialnetz wie auch über das Internet, via Vertriebspartner und im direkten Kundenkontakt. Und diese Akquisewege werden natürlich zunehmend digital. Wir setzen bei der Kundengewinnung auf die Nutzung eigener sowie externer Online-Plattformen von Kooperationspartnern. Im Bereich Privatkredit kooperieren wir so zum Beispiel mit Europace und Interhyp, die auf ihren Plattformen für Baufinanzierungen unsere Nachrangdarlehen anbieten. Je nach Produktsegment setzen wir entweder auf die Einbettung in bestehende Plattformen oder wir entwickeln eigene Lösungen.

Eigenentwickeltes Finanzierungstool + digitale Anträge

Im Bereich Warenfinanzierung unterstützen wir Partner mit eigenentwickelten Modulen, die leicht in den Payment-Prozess einzubinden sind. Dazu zählt auch unser Finanzierungstool "SoFie", das in das eigene Shopsystem implementiert wird und dem Händler eine sofortige Finanzierungsentscheidung ermöglicht. So wird er hochautomatisiert mit allen Informationen zum Bearbeitungsstatus versorgt. Digitalisierung ist für uns gerade im Vertrieb ein riesiges Thema und überall gegenwärtig: vom Einsatz des Sofortfinanzierungstools bei unseren Partnern am Point of Sale, über die Antragsstrecken im Online-Vertrieb bis hin zum Newsletter-Marketing.
Wenn wir über die Digitalisierung in Unternehmen sprechen, müssen wir über die Art und Weise sprechen, wie Ihre Mitarbeiter in Zukunft zusammenarbeiten werden. Im Dezember vergangenen Jahres haben Sie Ihre Mitarbeiter in einem Workshop aufgefordert zu "Disrupt us". Was unternehmen Sie konkret, um die Silos in Ihrer Organisation zu überwinden?

Ziel des Workshops war es, die Teilnehmer für die zunehmende Geschwindigkeit und Veränderungen am Markt zu sensibilisieren. Mitarbeiter und Führungskräfte aus allen Bereichen der Bank entwickelten gemeinsam nicht nur Ideen, das Silodenken im Unternehmen zu durchbrechen, sondern brachten einige Initiativen soweit voran, dass am Ende der Workshops sogar direkt die Entscheidung für die Umsetzung fiel.

Das Hanseatic Solution Lab für neue Lösungsansätze

Von Beginn an war klar, dass wir unsere interne Kommunikation verbessern und mit neuen Tools und Technologien unsere Zusammenarbeit optimieren möchten. Dazu gehörten selbstverständlich auch Schulungen zu agilen Methoden, wie Scrum, Kanban oder Design Thinking. Hier wurde aber auch die Idee eines eigenen Ideen- bzw. Lösungslabors geboren: Das "Solution Lab", in dem interdisziplinäre Teams die Möglichkeit bekommen, vier Wochen in einer externen Location an einer Idee zu arbeiten mit dem Ziel, eine verwendbare Lösung zu entwickeln. Auch die Entscheidung, eine Open Banking Plattform zu implementieren, wurde dort getroffen.


Sie haben ein eigenes "Solution Lab" eingerichtet, in dem Mitarbeiter aus verschiedenen Abteilungen Anfang April d. J. erstmals interdisziplinär an Aufgabenstellungen gearbeitet haben. Sie haben vor Kurzem die 2. Projektphase des Labs abgeschlossen. Welche Themen haben Sie mit dem Lab auf der Agenda und was macht die Qualität der Projekte aus?

Im Solution Lab kommen ganz unterschiedliche Themen auf die Agenda. So wurde bisher zum Beispiel eine Möglichkeit zur internen Präsentation unserer Unternehmenszahlen entwickelt. Unter dem Namen "Heart Beat" werden diese interessant, verständlich und optisch ansprechend aufbereitet angezeigt. Sozusagen der Puls der Hanseatic Bank, der die interne Kommunikation und Informationsverbreitung weiter professionalisiert.


Eigene Ideen, agile Methoden, gemeinsame Umsetzung


Hamburger Zentrale der Hanseatic Bank
Foto: Hanseatic Bank
Ein weiteres Projekt ist die Weiterentwicklung unser Hanseatic Bank-App, die mit ersten Services voraussichtlich im Juli starten wird. Gemeinsam mit Visa haben wir uns im Solution Lab daran gemacht, die neuen Customer Transaction Control-Services in unsere App zu integrieren, um unseren Kunden mehr Kontrolle über ihre Kreditkartenumsätze zu gewähren. Mit einem geplanten zweiten Release im Oktober möchten wir als erste Bank auf dem deutschen Markt diese CTC-Services von Visa direkt in unserer App bündeln.

Wenn Mitarbeiter sich für die Teilnahme im Lab bewerben, können sie selbst Ideen vorschlagen. Gemeinsam arbeiten die Kollegen vier Wochen in vier Sprints mit Unterstützung von Coaches und agilen Methoden an ihrer Idee. Danach wird über eine Umsetzung entschieden. Jedoch fast noch wichtiger als diese Entscheidungen sind die Erfahrungen, die unsere Mitarbeiter sammeln. Wenn sie in ihre Abteilungen zurückkehren, verbreiten sie Learnings und agile Methoden in allen Bereichen und helfen Silos zu vermeiden. Diese vermeintlich kleinen Schritte führen in ihrer Summe zu einem Kulturwandel, der hilft, die Bank zukunftsfähig zu machen.


Eine Strategie und ein Lab sind sicherlich ein guter Anfang, um den Wandel einzuleiten. Andererseits haben Sie nach wie vor eine klassische Organisation mit funktionaler Organisationsstruktur. Wie können Sie aus den ersten positiven Erfahrungen der Lab-Teilnehmer einen systematischen Transformationsprozess hin zu einer agilen Hanseatic Bank meistern?

Der sich verändernde Markt und die zunehmende Digitalisierung stellen hohe Anforderungen an alle Banken. Wir müssen schneller und flexibler in der Zusammenarbeit werden, weniger Reibungsverluste erzeugen. Hier entstehen, gerade aus dem Solution Lab heraus, viele spannende Ideen, mit denen wir uns intensiv beschäftigen. Unser Wunsch ist es, diese interdisziplinäre Zusammenarbeit und das fokussierte, agile Arbeiten an Themengebieten aus dem Lab in unseren Arbeitsalltag zu tragen. Wie das genau aussehen soll, wird sich zeigen. Hier sind wir erst am Anfang des Prozesses.


Sie haben das Glück, mit "Kordoba" seit 2015 ein einheitliches Kernbankensystem zu betreiben, ergänzt durch Ihr Data-Warehouse und das Kreditkarten-Transaktionssystem. Wie können Sie sich in den kommenden Monaten fit machen - für die neuen Chancen bzw. die zu erwartenden Herausforderungen seitens pfiffiger Fintechs?

Wir sehen Fintechs nicht als Konkurrenz, sondern als interessante und wichtige Partner. Die Zusammenarbeit eröffnet uns die Möglichkeit, an neuen Entwicklungen frühzeitig teilzuhaben, unsere Angebote weiterzuentwickeln und zukunftsfähig zu bleiben. Die Herausforderung für Banken ist es, stetig neue digitale Lösungen zu schaffen und sich dafür besser und breiter mit Fintechs zu vernetzen. So können wir von der Kreativität Dritter, der Kraft und Geschwindigkeit bei der Entwicklung von Produkten und Services profitieren und eigene Ressourcen sinnvoll einsetzen.

Effektiver und schneller zusammenarbeiten via Open Banking

Ab August werden wir mit dem Software-Dienstleister "Tesobe" einen ersten Proof of Concept zum Thema Open Banking umsetzen. Dabei geht es darum, Schnittstellen zu schaffen, über die sich externe Dienstleister und Partner mit unseren Systemen verbinden können. Man kann sich das wie eine Art Steckdose als zusätzliche Ebene in unserer Software-Architektur vorstellen. Auf diese Weise können wir viel effektiver und schneller zusammenarbeiten.

Auch im Bereich Artificial Intelligence sind wir in Kooperation mit einem Startup bereits aktiv, um unseren Kunden die bestmögliche Produktempfehlung oder Nutzungsempfehlung für ihre Kreditkarte zu geben.


Sie haben eine eigene IT-Abteilung mit 54 Mitarbeitern und 5 eigenen Softwareentwicklern. Wie können Sie für Ihr Endverbrauchergeschäft neue Ideen, Produkte und Dienstleistungen entwickeln bzw. wie können Sie geschäftlich interessante Entwicklungen mit begrenzten Ressourcen ins Haus holen? Welche Rolle spielen Fintechs in Berlin, Frankfurt oder Hamburg für Sie?

Die Zusammenarbeit mit Fintechs ist eine Win-win-Situation für beide Seiten. Fintechs liefern neue Ansätze, innovative Technik und arbeiten überaus agil. Wir als Bank kennen die Märkte und liefern Kunden und Fachwissen. So können wir viele spannende Trends und Entwicklungen testen und um ein Vielfaches schneller und ressourcenschonender neue Produkte für unsere Kunden entwickeln.

Kooperationen mit Fintechs, Hackathons & Bankathons

Aktuell arbeiten wir mit rund zehn Fintechs zusammen. Zum Beispiel mit den größten deutschen Anbietern im Einlagengeschäft: Weltsparen.de, Savedo und Zinspilot. Durch die Kooperation mit diesen innovativen Partnern sind wir noch besser aufgestellt, um mit unserem Angebot insbesondere internetaffine Kunden zu erreichen. Gemeinsam mit Fino bieten wir Neu- und Bestandskunden erstmalig den exklusiven Hinterlegungs-Service für Kreditkarten, der den Kreditkartenwechsel erleichtert. Gemeinsam mit der Firma Optiopay haben wir das Vorteilsprogramm für unsere Kreditkartenkunden um ein Gutscheinportal erweitert.

Aber neben der Zusammenarbeit mit externen Unternehmen ist es uns natürlich auch wichtig, das Wissen zu ins Haus zu holen und unser Know-how aufzubauen. Dazu tragen unsere engagierten, kreativen Mitarbeiter und Formate wie das Solution Lab oder unser Engagement für Hackathons und Bankathons bei.


Die Hanseatic Bank gehört seit 2005 zu 75% zur französischen Societé General - neben anderen deutschen Unternehmen in den Bereichen Unternehmensfinanzierung,  Mittelstandsfinanzierung, LKW-Leasing, Fleet Management oder Versicherungen. Wie sind die Digitalisierungsaktivitäten der Société Générale in Deutschland miteinander vernetzt - und welche Rolle spielen Sie dabei im Konzern?

Deutschland ist ein wichtiger Markt für die Société Générale, und auch wenn die deutschen Töchter der Gruppe nicht unter einem einheitlichen Namen auftreten, sind wir sehr gut untereinander vernetzt und der Erfahrungsaustausch wird großgeschrieben. Auch der Austausch mit Start-ups und Fintechs wird in der gesamten Gruppe intensiv betrieben.

Research in Berlin und Zusammenarbeit der Gruppe

So gab es zum Beispiel im vergangen Jahr ein von der Société Générale organisiertes Treffen aller deutschen Gesellschaften mit verschiedenen Fintechs, Inkubatoren und Venture Capitals in Berlin. Hier entstand zum Bespiel der Kontakt zu Tesobe. Anfang Juni hat die Société Générale ein eigenes Innovation Lab in der Factory in Berlin eröffnet. Aufgabe ist es, den deutschen Markt zu scannen, um innovative und relevante Services und Produkte für alle Unternehmen der Gruppe zu identifizieren und ein Netzwerk zu Fintechs und Investoren aufzubauen und zu pflegen.

Innerhalb der Gruppe ist die Hanseatic Bank auf einem guten Weg in Richtung Digitalisierung. Gerade im Hinblick auf die Entwicklung neuer Arbeitsweisen und Prozesse wollen wir hier auch innerhalb des Konzerns ein Treiber und Innovator sein.


Kommen wir zurück nach Hamburg und zu unserer traditionellen Standort-Beurteilung: Wie gut ist Hamburg für Ihr Geschäft aufgestellt, z. B. im Bereich Nachwuchs- und Spezialistenrekrutierung? Und was können Hamburg und engagiere Player in der Stadt unternehmen, um den Firmenstandort hinsichtlich ihrer Anforderungen weiter nach vorn zu bringen?

Hamburg ist erst einmal eine wunderschöne Stadt mit hoher Lebensqualität, die viel zu bieten hat. Aber im Vergleich zu München, Frankfurt und Berlin gelingt es Hamburg nicht, sich auch international zu positionieren und zu vermarkten. Gerade junge Entwickler aus Spanien, Portugal, Brasilien oder Neuseeland gehen lieber nach Berlin. Dort ist das Leben kostengünstiger, internationaler und man kommt mit der englischen Sprache überall gut zurecht. Und die Partyszene ist sicher auch ein wichtiges Marketingargument für die Stadt. Hamburg zieht im "War of Talents" oft den Kürzeren.

Dabei sitzen hier in Hamburg nicht nur große Handelskonzerne, wie die Otto Group, Tchibo oder Beiersdorf, sondern auch große Digital Player wie Google, Facebook oder Xing. Letztere positionieren hier jedoch eher Vertriebseinheiten, als ihre Entwickler. Als Hamburger Unternehmen sind wir daran interessiert, dass die Stadt gerade im Digitalsektor attraktiver wird. Schließlich wollen auch wir Digitaltalente für uns gewinnen. Deswegen wollen wir uns im Employer Branding noch deutlicher positionieren, um für Nachwuchskräfte und Professionals ein attraktiver Player zu sein.

Eine Hamburger "Developer School" im Herzen Stadt

Sicherlich könnte die Stadt Hamburg hier aktiver werden. Es gibt bereits Kooperationen zwischen Wirtschaftsunternehmen und Hochschulen, in Form von Stiftungsprofessuren oder Stipendien. Der Aufbau einer Hamburger „Developer School“ im Herzen der Stadt mit dazugehörigen kostengünstigen Wohnmöglichkeiten könnte ein zusätzlicher Weg sein, junge Entwickler in die Stadt zu holen bzw. sie direkt hier auszubilden. Als Keimzelle für den Entwicklernachwuchs und damit auch für die Digitalisierung in Hamburg. Partner auf Unternehmensseite könnten für den Praxisbezug der Ausbildung sorgen und Talente fördern.“


Vielen Dank für die große Offenheit!

Das Interview führte Thomas Keup.


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 Hamburg Digital Background: 

Die Hanseatic Bank im Überblick
www.hanseaticbank.de/wir-ueber-uns/in-stichworten.html

Die Societé General Group in Deutschland
www.societegenerale.de/de/gesellschaften.php

Societé General Open Innovation global
www.societegenerale.com/en/digital-and-innovation/more-open-innovation

Societé General Innovation Network global
www.societegenerale.com/en/digital-and-innovation/more-open-innovation/international-innovation-network

Die Hanseatic Bank in der Otto Group
www.ottogroup.com/de/die-otto-group/konzernfirmen.php



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