Sonntag, 17. September 2017

HANSEPERSONALITY Dr. Sebastian Saxe: Erfolgsfaktoren für Digitalen Hafen und Digitale Stadt. 

HAMBURG DIGITAL SPEZIAL

Ein exklusives Spezial zum Digitalen Kristallisationspunkt "SmartPORT" und den Erfolgsfaktoren für den Digitalen Hafen und die Digitale Stadt Hamburg:


DIGITALER HAFEN:
  • HPA prüft AR und VR für Katastropheneinsätze
  • LoRaWAN-Netz für "Internet der Dinge" geplant
  • Cluster Stenzelring 2018 mit Glasfaser versorgt
DIGITALE PARTNER:
  • CDO der HPA begrüßt neuen CDO bei der HHLA
  • Zusammenarbeit aller digitalen Partner im Hafen
  • HPA wird neben HHLA Partner des Digital Hubs
DIGITALES HAMBURG:
  • Digitales Gründerland mit Steuererleichterungen
  • Koordination digitaler Aktivitäten von HPA+HHLA
  • Agile Verwaltung mit "Digital First" vorantreiben

Hafen und Hansestadt Hamburg sind auf dem Weg zu "SmartPORT" und "SmartCity". Ein Erfolgsfaktor dafür sind die Wechselwirkungen zwischen Hafen und Stadt. Der Hafen wird als "Innovationslabor" der Stadt Hamburg gesehen. Der eine kann vom anderen lernen, transferieren, skalieren - und Dinge können im "Kleinen"  - dem Hafen mit 7200 Hektar - erprobt und evaluiert werden.

Zuständig für Digitalisierung bei der HPA:
Chief Digital Officer Dr. Sebastian Saxe
Foto: HPA / Holger Grabtsch

Ein gebürtiger Hamburger, ein Kenner der Szene, Buchautor zur Digitalisierung und mit zuständig für die interessante Entwicklung zwischen Hafen und Stadt ist der Chief Digital Officer der Hamburg Port Authority, HPA. Wir haben mit Hamburgs Digitalem Hafenexperten gesprochen. Unser HANSPERSONALITY im Hamburg Digital Spezial ist Dr. Sebastian Saxe:


 Hafen und Hansestadt: 

Gehen wir gleich mitten hinein in die Chancen: Was kann die Stadt aus den Erfahrungen im Hafen - z. B. mit digitalen Verkehrsprojekten - lernen? Und bedarf es eines Rahmens mit klaren digitalen Akzenten für die "Werkstatt der Digitalen Stadt Hamburg"?

Mit der IAPH Konferenz im Jahre 2015 und der SmartPORT-Philosophie hat sich die HPA zu einer "Werkstatt für die Digitale Transformation" entwickelt. In dieser Werkstatt sind bei den SmartPORT-Projekten - die sich auf die Optimierung der straßen-, schienen- und wasserstraßen-seitigen Geschäftsprozesse beziehen - Erfahrungen, Prototypen und Produkte entstanden.


Multitouch-Tisch der HPA bei der Solutions Hamburg 2017
Foto: HANSEVALLEY
Um mit letzterem zu beginnen, ist mit der Nautischen Zentrale eine Leitstands- und Steuerzentralen-Architektur für die Wasserstraße entstanden, im SmartPORT Projekt „SmartRoad“ wurden neue Sensoren für den Verkehrsweg Straße getestet und evaluiert und mit dem Multitouch-Tisch wurden Erfahrungen hinsichtlich neuer Arbeitsweisen und -methoden mit neuen Endgeräten in Entscheidungssituationen im "Daily Business" in der Nautischen Zentrale zur Schiffsimulation oder bei Sturmfluten inkl. digitaler Überflutungskarte gesammelt.

Diese Erfahrungen muss die Stadt Hamburg auf ihrem Digitalisierungsweg nicht erneut machen. Teilhabe in diesem Zusammenhang bedeutet für die Stadt: von den Digitalen Erfahrungen des Hafens lernen und profitieren sowie entstandene Lösungen vom Hafen in die Stadt zu transferieren bzw. skalieren oder andersherum. So haben zum Beispiel die guten Erfahrungen mit dem Einsatz des Multitouch-Tisches im Hafen dazu geführt, dass eine solche Lösung mittlerweile auch von anderen städtischen Institutionen für eigene Zwecke eingesetzt wird – zum Beispiel für die Baustellenkoordinierung beim Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG).

 Hafen, Hubs & Handling: 

Wie kann der Hamburger Hafen bei der Digitalisierung im Wettbewerb mit Rotterdam und Antwerpen standhalten? Welche Planungs-, Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben bedürfen welche organisatorischen Verankerung in Hamburg auf Landesebene?

Für eine erfolgreiche Digitalisierung Hamburgs und speziell des Hamburger Hafens benötigen Politik und Verwaltung Experimentierräume auf allen Ebenen und in allen Feldern. Politisch und administrativ Verantwortliche für digitale Infrastrukturen und digitale Anwendungen müssen durch Mittel, Fachkompetenz und Zuständigkeit in die Lage versetzt werden, ihre Vorhaben ohne Abstimmungsnotwendigkeiten selbstständig umsetzen zu können.

Im Gegenzug muss die faire Anhörung aller Interessenträger und eine sehr viel höhere Transparenz zwischen den Stakeholdern und Digitalisierungsaktivitäten gewährleistet werden. Konkret sind solche Experimentierräume der „Digital Hub Logistics Hamburg“ für das Feld Logistik - die einer der bedeutendsten Branchen in unserer Stadt ist - und der „Digital-Space Hammerbrooklyn“ für das Feld Mobilität - das im Fokus unserer Bewerbung für den ITS-Weltkongress 2021 steht.

Die Wirtschaft ist eine starke Treiberin der Digitalisierung. Hamburg muss sich zum digitalen Wirtschaftsstandort und digitalen Gründerland entwickeln. Deshalb sind alle bürokratischen Regelungen zu überprüfen, die das Entstehen von Innovationen, Gründungsprozessen und das erfolgreiche Agieren von Start-ups betreffen. Weitere staatliche Anreize für Unternehmensgründung und -tätigkeit, etwa vorübergehende Steuererleichterungen oder steuerliche Förderungsmöglichkeiten, sind zu unterstützen. 

 Hafen Hamburg Hoch 3: 

Stichwort Hafenplayer und IT: Wieso ist in Hinblick auf die Digitalisierung eine Abstimmung aller Beteiligten im Hamburger Hafen – unter Berücksichtigung von DAKOSY und der HHLA – für die erfolgreiche Transformation aus Ihrer Sicht wichtig? 

Teilhabe im Kontext der Digitalisierung berührt in der Stadt und im Hafen noch einen anderen Aspekt: Vernetzte Herausforderungen in der Stadt und im Hamburger Hafen erfordern vernetzte Lösungen. Dafür ist es zum Beispiel im Hamburger Hafen wichtig, dass alle Player sich stärker für gemeinsame Strategien engagieren. Bei klassischen IT-Applikationen wird dies vorbildhaft gelebt. Dieses zeigt die Verständigung der Hafenwirtschaft auf einen gemeinsamen Dienstleister für Hafenapplikationen. Diese Verständigung gilt es auch bei der Digitalisierung zu gestalten.

Die Hamburger Hafenwirtschaft hängt davon ab, dass sie Digitalisierung als Chance begreift: Denn Digitalisierung eröffnet neue Märkte – für etablierte Player in dem Segment und solche, die branchenfremd und bisher nicht aufgetreten sind, wie zum Beispiel Google, Amazon und Alibaba. Die Wirtschaft selbst ist eine starke Treiberin von Innovation sowie Gestaltung, und auch lokale Wirtschaftsunternehmen müssen sich dieser Rolle bewusst sein.

Ein Ort dafür kann der im Hafen entstehende „Digital Hub Logistics Hamburg“ – initiiert vom Bundeswirtschaftsministerium und von Digitalverband Bitkom - unter Schirmherrschaft der BWVI sein, an dem sich auch die HPA beteiligt. Dort werden Gründer und KMU, Wissenschaft und Forschung, Großunternehmen sowie Kapitalgeber an einem Ort zusammengebracht, um die digitale Transformation der Logistikbranche zu befeuern.

 Hamburg, HPA & HHLA: 

Sie plädieren für eine faire Zusammenarbeit der städtischen Akteure im Hafen: Wie könnten Rahmenbedingungen für die Player der Stadt aussehen und wie bekommt man zusammen mehr Tempo in die Entwicklung des Wirtschaftsmotors? 

Beschäftigte im Hamburger Hafen müssen für die Digitalisierung sensibilisiert und ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten müssen regelmäßig weiterentwickelt werden. Die Mitarbeiter/innen sollten nicht mehr von der Digitalisierung Betroffene sein, sondern die Entwicklung aktiv mitgestalten.

Der eingeschlagene Weg, Strukturen und Prozesse in der Hamburger Politik und Verwaltung neu auszurichten und weiter zu professionalisieren, muss konsequent fortgesetzt werden. Dazu ist eine umfassende übergeordnete Strategie für den Hafen erforderlich, die in einem iterativen Prozess dezentraler Innovationen und zentraler staatlicher (Re-)Aktionen entsteht.

Den organisatorischen Rahmen bildet ein Multi-Stakeholder-Ansatz, der die wesentlichen Akteure - Politik, Verwaltung, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Wissenschaft - vernetzend einbezieht. Um die Digitalisierungsaktivitäten der öffentlichen Unternehmen zu bündeln und ganzheitlich zu fokussieren, wäre beispielsweise der Einsatz einer übergreifenden, virtuellen Vernetzungseinheit sinnvoll. Nur so, können die teilweise voneinander losgelösten, sektoriellen Initiativen der einzelnen Stakeholder auf eine übergeordnete Vision einzahlen.


 Hafen & Highspeed: 

Sprechen wir über ein heiß diskutiertes Thema: Wie steht es aktuell um die Glasfaserversorgung im Hamburger Hafen? Hier gab es zuletzt scharfe Kritik der Handelskammer und einiger Hafenunternehmen.

Im Februar 2017 fand ein erstes Treffen mit allen Stakeholdern und der HPA statt. In dem konstruktiven Austausch waren sich alle Teilnehmer einig, dass eine kurzfristige Verbesserung notwendig ist. Die Deutsche Telekom und 1&1 Versatel stellten ihre konkreten Konzepte im Hafen vor und warben um Interessenten. Im Übrigen ist der Ausbau des Breitbands auch finanziell öffentlich förderbar. &1 Versatel hat die Initiative ergriffen und mit diversen Unternehmen der Hafenwirtschaft Kontakt aufgenommen. Teilweise wurden erste Breitbandverträge unterzeichnet.

Das überzeugende Angebot von 1&1 Versatel: Sobald in einem bestimmten Hafengebiet genügend Kunden zur Unterzeichnung von Neuverträgen gefunden wurden, wird der Ausbau mit Glasfasernetz sowie die Anbindung des Kunden auf eigene Kosten durchgeführt. Es entstehen keine Erschließungskosten für die hochmoderne, performante Glasfaserinfrastruktur. Im Gegenzug binden sich die Kunden für 5 Jahre an das Unternehmen. Für die zweite Jahreshälfte 2017 plant 1&1 bereits, weite Teile des Hafen Hamburgs mit mind. 1 Gbit/s und mehr an das eigene Glasfasernetz anzubinden.

Voraussetzung ist, dass sich ausreichend Unternehmen in einem Gebiet für die Anbindung entscheiden. Nach aktuellem Stand haben bereits zahlreiche Cluster die kritische Grenze erreicht, so dass sich 1&1 Versatel sich dazu entschlossen hat, die grünen Cluster in diesem und kommendem Jahr auszubauen. Der Cluster Stenzelring (dunkelgrün) soll als erstes ausgebaut werden. Die Baumaßnahmen sollen noch in diesem Jahr beginnen. In den gelben und roten Clustern ist die kritische Masse noch nicht erreicht, so dass sich der Ausbau noch nicht lohnt.



Geplante Bereiche zur Breitband-Versorgung im Hafen.
 Hafen & Hightech: 

Glasfaser ist für digitale Prozesse im Hafen unerlässlich. Warum ist zudem der Aufbau eines sogenannten LoRaWAN-Netzes für den Hafen interessant und wieso bringt es Geschwindigkeit bei der Realisierung von Projekten für das Internet der Dinge (IoT)? 

Das Thema Internet der Dinge spielt bei der Digitalisierung im Hamburger Hafen eine immer größer werdende Rolle. Da das Hafengebiet durch zahlreiche Hindernisse durchzogen ist, sind bauliche Maßnahmen schwierig. Um das Thema kostengünstig und kurzfristig im Hafen zu ermöglichen, bedarf es eines Funknetz, um Geräte und Sensoren miteinander zu vernetzen. Das avisierte Funknetz ist ein sog. LoRaWAN-Netz (Low Range Wide Area Network). Wie wir von Rotterdam, dem Leipziger als auch vom Hamburger Flughafen lernen, läßt sich so ein Netz in wenigen Wochen installieren.

Das LoRaWAN („Long Range Low Power“) ist in Rotterdam flächendeckend verfügbar. Das Besondere ist, dass es sich für Geräte eignet, die wenig Strom und geringe Bandbreite benötigen – ob es um Sensoren zur Messung der Wasserhöhe geht, um eine App, die verfügbare LKW-Parkplätze übermittelt, oder um Sensoren, die Echtzeitmessungen der Luftqualität ermöglichen. Objekte, wie Boote und Autos, die Infrastruktur im Hafen, Abfallcontainer und Lichtmasten sowie Lichtsignalanlagen (Ampeln) können mit diesem Netz Anweisungen erhalten (an/aus, auf/zu) und Informationen weitervermitteln (Auslastung, Feinstoffbelastung).

Für 2018 wird der Aufbau eines LoRaWAN-Netzes im Hamburger Hafen angestrebt, da so kurzfristig eine geeignete Infrastruktur zur Anbindung von Sensoren im Hafen bereitgestellt werden kann. Dies stärkt die Nachhaltigkeit des Hafens und Infrastrukturen lassen sich zunehmend intelligent überwachen.


Wenn wir über Funknetze im Hafen sprechen, müssen wir auch über den Mobilfunk sprechen: Welche Chancen und Perspektiven bringt das Projekt „5G-Monarch“ dem Hamburger Hafen und der Handelsstadt?

Parallel zur LoRaWAN-Entwicklung wurde Hamburg von der EU als Forschungslabor für den neuen Mobilfunkstandard 5G auserkoren. Die 5. Mobilfunk-Generation soll Datenraten von bis zu 10 Gibt/s erreichen. Das wäre etwa 10-mal so schnell, wie der aktuelle LTE-Standard. Gleichzeitig bietet 5G technische Neuerungen ,wie das Network-Slicing. Der Vorteil ist, dass "geslicte Netze" unterschiedliche, sogar widersprüchliche Eigenschaften haben können, und so spezifischen Anforderungen eines bestimmten Anwendungsfalls gerecht werden können. Damit sind die Netze hochflexibel und zuverlässig.

Ab 2021 planen die Mobilfunkbetreiber, den neuen Netzstandard flächendeckend einzuführen. Gleich mehrere europäische Städte buhlten um die Fördergelder – am Ende erhielten nur Venedig und Hamburg den Zuschlag für das "5G-MoNArch"-Projekt. In Hamburg steht die industrielle Nutzung im Mittelpunkt. Um die Möglichkeiten der mobilen Datenübertragung zur Vernetzung von Maschinen zu testen, stellt der Hamburger Hafen ein ideales Testareal dar.

Mehrere 5G-Mobilfunkmasten – verteilt über das gesamte Hafengelände – werden dazu errichtet und sollen technische Anlagen mittels Sensoren überwachen und später über Aktoren steuern. Die Testphase hat an 01.07.2017 begonnen und endet im Juni 2019. Ab 2021 soll 5G in Deutschland ausgerollt werden. Als Drehkreuz im Norden Europas, als Vorreiter in Sachen Digitalisierung und als Medienhauptstadt ist Hamburg prädestiniert, 5G flächendeckend als "First Mover“ einzuführen. Wir sollten alles tun, dass Hamburg nach dem Forschungsprojekt eine der ersten Städte sein wird, wo 5G flächendeckend eingeführt wird.

 Hafen vs. Hacker: 

Wieso ist für die Digitalisierung eine sichere IT-Infrastruktur ein so wichtiger Faktor? Sollte es aus Ihrer Sicht z. B. auch einen Cyber-Sicherheitsrat-IT im Hafen geben? 

Für das Gelingen der Digitalisierung in Hamburg und im Hamburger Hafen ist die IT-Sicherheit ein wesentlicher Faktor. Sie ist eine Aufgabe für alle. Eine sichere IT erfordert klare Verantwortlichkeiten. Ein weiterer Baustein ist eine Technologie- und Industriepolitik, die auf Souveränität und Sicherheitsinnovation setzt. Flankiert werden muss dies durch einen Ausbau der digitalen Kompetenz sowie Fortbildung und Ausbau der Sicherheitsbehörden bei der Cybersicherheit.

Digitalisierung erfordert eine hohe Priorität beim Schutz von Daten im öffentlichen und im privaten Bereich sowie die Datensouveränität jedes Einzelnen. Ein digitales Hamburg darf sich gleichwohl die Innovationschancen der Digitalisierung nicht durch überzogenen Datenschutz verbauen. Vor diesem Hintergrund müssen die datenschutzrechtlichen Bestimmungen sensibel und mit gebotenem Pragmatismus reflektiert und angepasst werden.

Darüber hinaus kommt dem Staat und den Unternehmen die Aufgabe zu, kritische digitale Infrastrukturen so zu schützen, dass vernetzte Daten, Objekte und Systeme nicht von außen durch Dritte manipuliert oder gar von ihnen gesteuert werden können. Dies gilt insbesondere für den Hafen in Bezug auf das Thema Internet der Dinge: weder ein mit Sensoren ausgestatteter Van Carrier noch eine über Aktoren gesteuerte Schleuse oder Brücke darf durch Dritte beeinflusst werden.

Da die IT-Sicherheit im Hafen eine gesamthafenwirtschaftliche Aufgabe ist, gilt es Interaktion, Kommunikation und die Organisation zwischen Staat, Unternehmen, Bürger/innen und Gesellschaft neu zu justieren. Diese Aufgabe könnte im Hafen ein Cyber-Sicherheitsrat leisten. In ihm würde sich auch der politische Wille widerspiegeln, die IT-Systeme des Hafens bestmöglich zu sichern.


 HH, Digital & Analog: 

Kommen wir zu einem anderen Thema: Was kann man sich unter "Assistenz-Infrasrukturen" in einer Digitalen Stadt Hamburg vorstellen? Welche Bedeutung haben diese für die digitale Entwickung der Hansestadt?

Neben dem Zugang zu digitaler Infrastruktur ist die Gewährleistung digitaler Souveränität ein wichtiges Ziel. Um die Nutzung der Digitalisierung in Hamburg zu fördern, sollte eine – nicht nur digitale, sondern auch eine physische Infrastrukturen aufgebaut werden. Sie hilft, bisher abseits stehenden Bevölkerungsgruppen, die Chancen der Technologien (z.B. in Gesundheit, Bildung und im Verkehr) zu nutzen. Darüber hinaus sollten bezahlbare und unabhängige Angebote und Werkzeuge für eine sichere Kommunikation und die Interaktion zwischen Playern in der Stadt bereitgestellt werden. 

Ein Beispiel hierfür ist der im Wettbewerb „Land der Ideen“ ausgezeichnete Medizincontainer für Flüchtlinge. Die Medizincontainer wirken wie simple Baucontainer. Sie beherbergen aber eine Arztpraxis mit Internetanschluss, über den ein Dolmetscher live zugeschaltet werden kann. So wird ein Problem gelöst, mit dem Ärzte täglich konfrontiert sind: die Sprachenvielfalt der Hilfesuchenden. Über den Video-Dolmetscherdienst SAVD stehen Übersetzer in rund 50 Sprachen sofort bereit. Das spart Zeit und vermeidet Missverständnisse zwischen Arzt und Patient.


 Hamburg & Haltung: 

Kommen wir nach Strukturen und Technologien zu einem weiteren Faktor: Wieso ist die Digitalisierung eigentlich mehr als Technik? Warum ist der Umgang mit ihr für Sie auch eine Frage der Haltung und warum erfordert dies ein grundsätzliches Umdenken?

Digitalisierung verändert alle Bereiche unseres Lebens – grundlegend, schnell, unumkehrbar. Nicht nur die Hamburger Wirtschaft, Politik und die Gesellschaft insgesamt, auch die Lebenswelt jedes Einzelnen ist davon betroffen. Zwei schöne Beispiele aus dem Hamburger Hafen sind das digitale Arbeiten in der Nautischen Zentrale und die digitalen Abläufe auf dem Container Terminal Altenwerder (CTA). Gleichzeitig ist die Digitalisierung im Hinblick auf Zukunftsperspektiven der hier lebenden Menschen ein immer wichtigerer Baustein für ihren Alltag und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit.

Verwaltungsangebote werden in Hamburg zunehmend einfacher und kundenfreundlicher digital zur Verfügung gestellt. Dies wird seitens der Stadt mit dem Programm „Digital First“ vorangetrieben. Aber auch jenseits des klassischen E-Government bzw. der digitalen Verwaltung setzen verschiedene Einrichtungen der Stadt digitale Angebote um, z. B. die geplante digitale Kulturvermittlung beim Spaziergang durch das Weltkulturerbe Speicherstadt.

Damit alle Menschen und Regionen am digitalen Fortschritt teilhaben können, muss der Hamburger Senat konsequent die sich aus der Digitalisierung ergebenden Veränderungen fokussiert gestalten und positiv nutzbar machen. Digitalisierung ist mehr als Technik: Der Umgang mit ihr ist vor allem eine Frage der Haltung und erfordert ein grundsätzliches Umdenken: 

Nicht Risiken und Ohnmacht, sondern Chancen und Gestaltungspotential müssen im Vordergrund stehen. Diese Haltungsänderung gilt es anzusprechen, indem die Lust auf Digitalisierung geweckt und ihre Chancen durch positive Bilder der Zukunft in den Vordergrund gestellt werden. Im Mittelpunkt der Digitalisierung muss immer der Mensch stehen. Auch Fragen der gesellschaftlichen Teilhabe in Hamburg müssen und können in diesem Zusammenhang neu gestellt und beantwortet werden.

 Hamburg & die Welt: 

Zu guter Letzt: Warum brauchen wir in Deutschland - und damit in Hamburg und im Hamburger Hafen - mehr Geschwindigkeit bei der digitalen Transformation? 

Wenn Deutschland sich vom digitalen Entwicklungsland zu einem digitalen Champion entwickeln soll, brauchen wir vor allem ein höheres Tempo: flächendeckend mehr Geschwindigkeit für die Internetzugänge und insbesondere mehr Tempo bei der Schaffung adäquater Rahmenbedingungen. Heruntergebrochen ist dieses auch zu bewerkstelligen in unserer Digitalen Stadt und unserem Digitalen Hafen – wobei wir dort jeweils auf gutem Weg sind.

Zu erreichen ist der deutsche Aufholprozess nur bei konstant hoher Geschwindigkeit und konsequenter Umsetzung. Gepaart sein muss die Digitalisierung daher mit Agilität bei Unternehmen und Verwaltung, mit Mut und Weitsicht - und mit gesunden Pragmatismus.
In Hamburg sind wir auf gutem Kurs: Digitalisierung umfasst als Querschnittsthema alle Lebens- und Politikbereiche. Sie stellt uns somit vor umfassende Planungs-, Steuerungs- und Koordinierungsaufgaben im Stadtstaat, die eine adäquate organisatorische Verankerung von Zuständigkeiten erfordern. Daher sind diese Aufgaben in Hamburg auch in der Senatskanzlei bei der Leitstelle Digitale Stadt angesiedelt und für die Stadt wird die Stelle eines CDO eingerichtet. Die übergreifende Herausforderung liegt hier vor allem darin, leistungsfähige digitale Infrastrukturen zu schaffen, Fragen der Datensouveränität und Sicherheit zu konkretisieren, die Vernetzung zwischen Akteuren und Institutionen zu unterstützen sowie einen ordnungspolitischen Rahmen zu etablieren.

Die Interaktion zwischen öffentlicher Verwaltung, Bürgerschaft und Unternehmen wird mit dem Ziel einer agileren Verwaltung neu auszurichten sein. Grundsätzlich sollten Prozesse so aufgesetzt werden, dass der Nutzen für die Menschen (also die Bürger) und eine intuitive, einfache „User Experience“ im Vordergrund stehen. Insbesondere sollte die Möglichkeit genutzt werden, Echtzeitdaten aufzunehmen, zu verarbeiten und darauf aufbauend Entscheidungen zu unterstützen. Diese Nutzerzentrierung ist einer der zentralen Leitgedanken des schon angesprochenen Vorhabens „Digital First“.

Übergreifende Steuerung und Koordinierung wird aber auch im Hamburger Hafen etabliert. Neben der HPA hat jetzt auch die HHLA einen CDO implementiert. Digitale Lösungskompetenz wird daher nun auch bei der HHLA im Rahmen der gegebenen Fachlichkeit entwickelt – und der Anspruch ist groß: Schließlich will die HHLA Motors des digitalen Wandels im Hamburger Hafen werden.

Vielen Dank für die klaren Worte!
Das Gespräch führte Thomas Keup.


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 Hamburg Digital Background: 

HAFEN & LOGISTIK

HPA-Projekt "SmartPort"

Digital Hub Logistics Hamburg