Sonntag, 8. Oktober 2017

HANSEPERSONALITY Dr. Uve Samuels: "Blockchain ist unsere Chance!"

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

Hamburgs Wirtschaft wird digital: der Digital Hub Logistics Hamburg, ein Hammerbrooklyn DigitalCampus, ein Nationales Maritimes Zentrum, der Philips Health Innovation Port. Dazu die Kooperation der Entrepreneurship Universität Leuphana mit der Technischen Universität Hamburg und: die digitale Wirtschaftshochschule HSBA am Adolphsplatz. 


"Kammerdigitalisierer" Dr. Uve Samuels.
Foto: HSBA / Hinrich Franck
In Handelskammer, City- und InnovationCampus packt ein Mann die Chance an und gibt mit seinem Engagement in Kammer und Hochschule Impulse für die digitale Zukunft. Mit "Kapital 4.0" hat er seine Motivation, sein Engagement und seine Vision für Hamburg und Deutschland 4.0 in einem spannenden Buch auf den Punkt gebracht. Unser HANSEPERSONALITY ist Autor, Hochschulleiter und Kammerdigitalisier Dr. Uve Samuels:

ZUR PERSON:

Du bist Geschäftsführer der Wirtschaftshochschule HSBA in Hamburg. Eigentlich müsstest Du nicht unbedingt zum Vorreiter der digitalen Wirtschaft in Deutschland werden? Was hat Dich dennoch dazu bewogen, einen konsequent digitalen Kurs einzuschlagen?

Vielleicht müsste ich gerade Vorreiter sein … Wenn eine Wirtschaftshochschule nicht den digitalen Wandel angeht, wer dann? Der Impuls ist bei einem Vortrag von Kai Diekmann, dem ehemaligen Chefredakteur der Bild-Zeitung gekommen, der uns von seinem einjährigen Aufenthalt in Silicon Valley berichtet hat. Da ich selbst Informatiker bin, war der Schritt für die HSBA naheliegend.


Du hast Dich entscheiden, als Praktikant im Axel Springer-Accelerator "Plug and Play" zu arbeiten und begonnen, die gesamte Hochschule auf Digitalisierungskurs zu trimmen. Wie würdest Du Dich selbst einschätzen? Bist Du ein verspielter "First Mover"?

Verspielt sollte man tatsächlich sein. Das hilft, um sich auf neue Techniken und Methoden einzulassen. Als Praktikant lernt man von ganzen unten die neuen Modelle kennen. Eine spannende Perspektive mit tollen Erkenntnissen.


Du bist Ingenieur, Informatiker und Betriebswirt. Du hast umfangreiche Erfahrungen auf Bundesebene, in Kammer und Hochschule. Welche Erfahrungen helfen Dir heute am Meisten auf Deiner Reise ins digitale Deutschland?

Es ist tatsächlich die Verknüpfung der drei „Denkschulen“. Ich trage Interdisziplinarität in mir. Das hilft doch sehr. Gleichzeitig nehme ich meine Bewertung nicht mehr so wichtig. Der Kunde muss die Lösungen gut finden.

ZUM STATUS QUO:

Du glaubst, dass "Deutschland 4.0" es schaffen kann und ein neues, digitales Wirtschaftswunder möglich ist. Wenn wir uns die Fakten zu digitaler Bildung, Infrastruktur und Geschäftsmodellen ansehen, können wir doch eigentlich nur heulen?

Geheult wird gelegentlich schon. Das bringt uns aber nicht weiter. Wir haben sicher keine gute Ausgangsposition. Viele Jahre haben wir verschlafen. Jetzt müssen wir aber nach vorne gehen.

Wir leben im "GAFA"-Zeitalter von Google, Apple, Facebook und Amazon. Ihre Online-, Mobile- und Social-Plattformen dominieren durch die Datenhoheit weite Teile von Marketing und Vertrieb. Ist es nicht verrückt, ihr Modell in Frage zu stellen?

Die "GAFAs" sind nicht unverwundbar. Sie sind sehr dominant. Mit Blockchain werden jetzt alle Spielregeln des Wettbewerbs geändert. Aus zentral wird dezentral. Das ist die einmalige Chance.

Das Buch basiert auf Deinen Erfahrungen beim DIHK, in der Handelskammer Hamburg und der mit ihr verbunden Hochschule HSBA. Ist es nicht zu kurz gesprungen, die digitale Zukunft auf der Pflichtvertretung der gewerblichen Wirtschaft aufzubauen?

Das ist sicher nur der erste Schritt. Aber die Netzwerkvorteile der Kammern sind schon wichtig. Sie sorgen für die Vernetzung in der gesamten Wirtschaft. Weitere Schritte müssen aber folgen.

ZUR KAMMER:

Als Projektleiter Digitalisierung der Handelskammer Hamburg hast Du Dir einen nicht ganz einfachen "Job" ausgesucht. Ist die digitale Modernisierung einer Kammer nicht eher ein Unterfangen, das mit einem "unkalkulierbaren Risiko" behaftet ist?

Unkalkulierbare Risiken? Was ist ein höheres Risiko? Es zu versuchen oder es nicht zu versuchen? Wir können die Digitalisierung nicht aussitzen. Alles wird digitalisiert.

In Deinem Werk schlägst Du vor, dass eine Kammer vorausgeht und zu einem digitalen Dienstleistungsanbieter für die Wirtschaft wird? Wieviele Unternehmer würden aus Deiner Sicht der IHK zutrauen, wirklich dem Geschäft zu dienen?

Es gäbe sicherlich viele Unternehmen, die überrascht wären. Gerade deshalb ist es aus meiner Sicht eine besondere Chance für die Kammern. Die Verbände könnten es aber auch angehen.

Deine zentrale Idee lautet "Daten gegen Beitrag", um die Motivation zur Beteiligung zu bekommen. Was muss an vertrauensbildender Vorarbeit geleistet werden, damit Handwerker, Freie Berufe oder Kreative einer IHK freiwillig ihre Daten anvertrauen?

Es müsste eine gemeinsame Zukunftsvision erzeugt werden. Alle Institutionen müssten sich für den Standort engagieren und ihre Eigeninteressen in den Hintergrund stellen. Mit den ersten erfolgreichen Schritten könnten eine Eigendynamik entfacht werden, der sich alle anschließen.

ZUR BILDUNG:

Als Geschäftsführer der HSBA vergleichst Du die Business School mit der vollwertigen und um ein vielfaches renommierteren Stanford University in Palo Alto. Was bringt Dich dazu, einen solch mutigen Vergleich aufzustellen?

Ich habe die systemischen Voraussetzungen vergleichen. Bei anderen Vergleichen ist Stanford einfach einige Stufen voraus. Für Hamburg und Deutschland kann die HSBA aber die Rolle einnehmen, die Stanford in den USA hat. Wir sind ein wesentlicher Treiber der Digitalisierung der Hamburger Wirtschaft. Mit sechs Professoren, mit dem DI-Lab und zahlreichen Studiengängen und Weiterbildungsangeboten haben wir uns gut positioniert.

Als Lösungsansatz zur Modernisierung der Hochschulausbildung führst Du die internationalen Online-Universitäten Coursera und Udacity, die Berliner Code University und die neue XU in Potsdam an. Wird die HSBA damit nicht auch überflüssig?

Natürlich nicht. Wir haben aber neue Wettbewerber. Auch wir werden digital angegriffen. Darauf haben wir uns aber vorbereitet. Dazu zählen praxisnahe Angebote und Blended Learning Angebote.

Du spricht von einer "Digital Tool Box" der HSBA, die anderen Hochschulen - und ebenso Unternehmen - auf die Sprünge helfen soll. Was verbirgt sich hinter der digitalen "Büchse der Pandorra" aus Eurem Haus?

Die Digital Tool Box ist unser Angebot an Unternehmen und Studierende, handfeste Kompetenzen für den digitalen Wandel zu erlernen. Es ist eine Ausbildung und eine Weiterbildung. Es sind sechs Profile für jeden Arbeitsplatz.

ZUR BLOCKCHAIN:


Tech-Visionär und Hochschulchef Uve Samuels

Foto: HANSEVALLEY / Cindy Kubsch
Die Blockchain gilt als dezentrale Datenbanklösung und ist besonders in Finanz- und Gesundheitswirtschaft bekannt. Du schlägst ein digitales Netzwerk der deutschen Wirtschaft auf Basis der Blockchain-Technologie vor? Was heißt das konkret?

Mit der Blockchain-Technologie kann Vertrauen in alle Transaktionen gebracht werden. Wenn wir alle Unternehmen auf diese Technologiestufe bringen, haben wir einen vernetzten Standort. Das wäre ein Signal in die ganze Welt.

Die Blockchain basiert auf offener, universell verfügbarer Technologie - vergleichbar mit dem Linux-Kern. Die großen Plattformen von Amazon, Facebook, Google & Co. sind geschlossene Modelle. Warum glaubst Du, dass die Blockchain dagegen ankommt?

Gerade weil es ein offenes System ist, wird Blockchain ein Erfolg. Wir müssen uns nicht länger in die Abhängigkeit der digitalen Giganten begeben und können unsere Datensouveränität zurück bekommen.

Wenn auf Basis der Blockchain Eigentum und Kapital, Rechte und andere Werte zwischen Instanzen (z. B. Personen, Institutionen oder deren IT-Systemen) direkt und mit höchster Sicherheit ausgetauscht werden können - was heißt das für unser Geschäftsleben?

Wir erleben eine Zeitenwende der Zeitenwende. Blockchain ist ein "Gamechanger". Alle Intermediäre stehen vor der Zerstörung.

ZUR WIRTSCHAFT:

Die deutsche Wirtschaft ist mittelständisch geprägt, 200 der größten Familienunternehmen haben in der Metropolregion Hamburg ihren Sitz. Wie können sich gestandene Mittelständler ohne Chief Digital Officer und ohne Innovation Lab digital wandeln?

Der erste Schritt ist immer ein Kulturwandel im Unternehmen. Ohne den wird es nicht gelingen. Die "E-Business Lounge" der HSBA ist dafür ein guter erster Schritt. Hier können Ideen und Impulse gesammelt werden. Gerne öffnet die HSBA den Zugang zu weiteren Ideen und Netzwerken.

In Berlin gibt es nach unseren Recherchern mehr als 100 "bunte Garagen" von deutschen und internationalen Großunternehmen. Die größte Herausforderung ist die Integration von Innovationen in das eigene Unternehmen? Wie kann das wirklich gelingen?

Dazu sind geschützte Räume der richtige Weg. Unser DI-Lab kann da sehr helfen. Es geht um die ersten Schritte. Danach sind Corporates und Kooperationen sehr wichtig. Auch dazu gibt es viele gute Beispiele, die man sich angucken sollte. Im Netzwerk der 250 Partnerunternehmen der HSBA bieten sich viele gute Möglichkeiten.

Welche Vorzüge hat die Wirtschaftsmetropole Hamburg im Vergleich zur Startupmetropole Berlin, wenn es um die Digitalisierung der Wirtschaft geht? Braucht es nicht den in Berlin vorhandenen Freiraum, um neue Erfolgsmodelle konsequent zu denken?

Das Netzwerk in Hamburg ist schon eine große Stärke. Wir haben aber auch noch Luft nach oben, um die Innovationsfreude zu entwickeln. Deshalb sind Foren und Treffen ein guter Multiplikator. Da ist Hamburg gut aufgestellt.

ZUM AUSBLICK:

Die Player im Silicon Valley haben über ihre Plattformen die Vermarktung zahlreicher Branchen fest im Griff. Wie können deutsche Unternehmen und Branchen die Hoheit über Ihr Geschäft zurückgewinnen und sich von den "GAFA" befreien?

Auch da ist Blockchain und Angriff richtig. In unserem Netzwerk der KMU können wir eine eigene Kraft entfalten. Das wissen die Plattformen auch. Wir sollten aber auch nicht zu lang warten.

Wir sind das Land der Ingenieure und in Branchen wie Automobilindustrie und Industriemaschinen weltweit führend. Im Gegensatz dazu sind wir nicht unbedingt die offensivsten, mutigsten und visonärsten Verkäufer? Stolpern wir digital nicht über uns selbst?

Blockchain ist unsere Chance! Da können wir unsere Ingenieurs-Kompetenz und Technik-Mentalität ausspielen. Die Kreativität brauchen wir aber auch. Das ist nicht unsere Stärke, noch nicht ...

Du forderst einen mutigen Schritt für ein Leuchtturmprojekt zur digitalen Vernetzung der deutschen Wirtschaft. Die erste Halbzeit ist laut Telekom-Chef Höttges bekanntlich vergeigt. Was macht Dich zuversichtlich, nicht schon das Spiel verloren zu haben?

Wir haben im Sport schon viele Spiele gesehen, wo einige Sekunden gereicht haben. Darauf sollten wir uns nicht verlassen, sondern gleich anfangen. Unsere Hockey-Nationalspieler Moritz Fürste und Florian Fuchs haben bei Olympia das Spiel gegen Neuseeland in 48 Sekunden von einem 1:2 Rückstand in einen 3:2 Sieg gedreht. Nur durch Willen und Mentalität. Das Beispiel sollte uns helfen.

Herzlichen Dank für die Offenheit!
Das Interview führte Thomas Keup.


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