Sonntag, 14. Januar 2018

HANSEPERSONALITY Kammer-Präses Tobias Bermann: "Dialog auf Augenhöhe."

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HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

"Die Mitarbeiter der Kammer und die Hamburger Wirtschaft sollten nicht zu einem Versuchslabor für unklare Ideen und Vorstellungen werden." Mit scharfen Worten kritisierte Gunter Menges, Vorsitzender des Vereins "Versammlung Eines Ehrbahren Kaufmanns", den amtierenden Handelskammer-Präses vor 1.700 Vertretern der Kaufmannschaft, aus Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Medien bei der Jahresabschlussveranstaltung am 29. Dezember 2017 am Adolphsplatz.


Tobias Bergmann: "Tapfer geschlagen" nach scharfer Kritik.
Foto: HANSEVALLEY
"Es geht darum, in den Dialog zu treten", entgegnete Kammer-Präses Tobias Bergmann den Wink mit der Container-Brücke. In der - laut Medien mit Hilfe einer McKinsey-Redenschreiberin entwickelten - Ansprache ging Hamburgs ungeliebter Kammerchef auf die Digitalsierung der Ausbildung, die Internationalisierung des Arbeitsmarktes, Innovationsstandorte in Hamburg, die digitale Disruption und die Mentalität der Kaufmannschaft sowie auf die Gründerkultur der Handelskammer ein.

HANSEVALLEY hat die Rede studiert, sie mit den Aussagen der "Rebellen" aus dem Kammer-Wahlkampf verglichen und die jüngsten Entscheidungen des Kammer-Präsidiums Revue passieren lassen. Das Ergebnis ist ein Fragenkatalog, der den kritischen Dialog anbietet - ohne Schönfärberei und Tabuthemen. Ein HANSEPERSONALITY mit Handelskammer-Präses Tobias Bergmann:

Digitalisierungsgipfel für Ausbildung der Handelskammer:

Tobias Bergmann: Sie haben vor der Kaufmannschaft die Bedeutung der Berufsausbildung bekräftigt und einen Digitalisierungsgipfel für Ausbildung im 1. Halbjahr 2018 angekündigt. Schaue ich in Ihre Wahlkampf-Aussagen, wollten Sie den Digitalgipfel bereits im 2. Halbjahr 2017 durchführen:

Warum liegen Sie mit Ihrem Versprechen für die Jugend 1 Jahr im Hintertreffen? 
Warum beschränken Sie Aktivitäten auf den Nachwuchs? Was ist mit Fachkräften?

Berufsbildungsrecht ist im ganz Wesentlichen eine Sache des Bundes. Um mit dem Bund verbindlich über die nötigen Entwicklungen diskutieren zu können, braucht man eine Bundesregierung als Gesprächspartner. Diese muss sich aber bekanntermaßen erst noch finden – dass das so lange dauert, hat ganz Deutschland überrascht. 

Deshalb findet der Gipfel 2018 statt. Ich freue mich bis dahin über ein erfolgreiches Ausbildungsjahr 2017. Die Handelskammer hält übrigens eine Menge an Fortbildungsangeboten für das lebenslange Lernen von Fachkräften bereit und entwickelt diese Angebote ständig weiter.

Ansiedlung und Förderung internationaler Fachkräfte:

Sie kritisieren die geringe Quote von nur 9% internationalen Fachkräften in Hamburg und fordern einen Wandel. Sie haben mit der HSBA eine internationale Nachwuchsschmiede - mit 35 weltweiten Partnern, davon 22 Hochschulen, fast 1/3 internationalen Studierenden pro Jahrgang sowie weitgehend englischsprachigen Bachelor- und Masterstudiengängen - vor die Tür gesetzt. 

Wie passen Ihre Forderungen und das zerschlagene HSBA-Porzellan zusammen?Was kann die Kammer gegen den immer größer werdenden Fachkräftemangel tun?


Tobias Bergmann: Gute Mine zum bösen "Rebellen-Spiel"?
Foto: Handelskammer Hamburg/Ulrich Perey
Gegen den Fachkräftemangel helfen exzellente Aus- und Fortbildung, ein starker Wissenschaftsstandort und gute Ansiedlungs- und Lebensbedingungen in unserer Stadt inklusive besserer Start-Angebote für neue Fachkräfte aus dem Ausland. An allen diesen Themen arbeitet die Kammer intensiv. 

Für die HSBA haben wir eine sehr gute Lösung gefunden, mit der sowohl die Hochschulgremien als auch der Senat zufrieden sind und die Studierenden- und Absolventenzahlen stabil lässt - und die Beitragszahler sind aus der Haftung.

Innovationen durch Wissenschaft und Jungunternehmen:

Sie schlagen vor, einen "Urbanen Innovationspark" als "Leuchturm" auf dem Kleinen Grasbrook zu errichten. Dort sollen - in 20 Jahren bebaut - Forschung, Startups und Corporates innovieren. Der Senat plant aktuell in Altona (DESY), Bergedorf (HAW), Finkenwerder (ZAL) und Harburg (TUHH) integrierte F&I-Parks. 2017 gab es laut Startup-Monitor keine 60 Neugründungen in Hamburg, die Überlebens-Quote liegt bei 10%. 

Wie sehen Ihre konkreten Vorschläge für die kommenden 3, 5 und 10 Jahre aus?Was wollen Sie in 20 Jahren im neuen Stadtteil ansiedeln, wenn es keinen Bedarf gibt?

Der Senat hat sich entschlossen, den Kleinen Grasbrook zu entwickeln. Jetzt geht es darum, für Stadt und Wirtschaft das Beste herauszuholen. Wenn man es richtig anpackt, kann der Grasbrook ein Kristallisationspunkt für die Ansiedlung neuer Startups werden – es geht ja gerade darum, über den heutigen Status Quo hinauszukommen und mehr Ansiedlungen zu schaffen. 

Konkret muss es als Erstes einen Entwicklungsplan in diesem Sinne geben, bei dessen Entstehung die Interessen von Startups und etablierten Unternehmen gleichermaßen berücksichtigt werden.

Digitale Disruptionen und Mentalität der Kaufmannschaft:

Sie sprechen von Disrpuptionen, Digitalisierung und Lösungen, die alte Geschäftsmodelle in 2 bis 3 Jahren aus dem Markt drängen. Vergangene Hamburger Wachstumstreiber, wie Medienwirtschaft und Versicherungen, haben - korrekt angemerkt - an Kraft verloren. 

Wie wollen Sie als Vertreter der gewerblichen Wirtschaft die Mentalität der Kaufmannschaft, in Dekaden zu denken, mit Ihrer Politik durchbrechen?

Das Denken verändert sich ja in vielen Teilen der Wirtschaft bereits. Unsere Aufgabe als Handelskammer ist dabei vor allem Wissens- und Methodentransfer. Wir vernetzen diejenigen, die voran marschieren, mit den traditionelleren Unternehmen. Unsere Aufgabe ist außerdem, Trends zu antizipieren und den Unternehmen möglichst früh die nötigen Informationen und damit Vorbereitungsmöglichkeiten zu geben.

Handelskammer als zentraler Ort für Hamburgs Gründer:

In Ihrer Rede laden Sie Gründer ein, die Börse als ihren Ort zu nutzen, sich zu vernetzen und Geschäfte zu machen. Im Wahlkampf klang das anders: 'Keine Startup-Unternehmerin braucht den Rat eines „Kammerbeamten“, wie sie den digitalen Wandel meistern soll'. Vor einem Jahr forderten Sie eine "Digitale DNA" für die Kammer. 

Hat sich die Kammer mit dem Verzicht der digitalen Kompetenz aus der HSBA mit Anlauf in die Zeit der Hammaburg zurück katapultiert?

Den logischen Zusammenhang zwischen unserer Einladung an die Mitgliedsunternehmen, sich in der Kammer zu vernetzen, dem angeführten Zitat zum digitalen Wandel müssten Sie mir erklären. Aber davon mal abgesehen: Die Handelskammer hat eine Menge digitaler Kompetenz – denken Sie nur an das Kompetenzzentrum Mittelstand 4.0. 

Auch darüber hinaus haben wir 2017 Kompetenzen in Sachen Digitalisierung aufgebaut, die es vorher in diesem Maße nicht gab. Die digitale Kompetenz der HSBA geht uns übrigens auch nicht verloren, es ist vereinbart, dass es auch weiter eine Partnerschaft geben wird.

Zukunft der Handelskammer nach den Erlebnissen 2017:

Sie sprechen in Ihrer Rede von Transparenz der Prozesse, gemeinsamer Meinungsbildung und Entscheidungen mit der Mitgliederschaft. Sie wollen mit der Kammer wieder "Impulsgeber für wichtige wirtschaftspolitische Diskussionen der Stadt" sein. Im Moment scheinen sich wichtige Player eher abzuwenden und Alternativen zu entwickeln, wie die angekündigte Kooperation der VEEK mit der HSBA.

Wieso wussten und wissen die Mitglieder nichts von HSBA-Rauswurf und IHK Nord?Wie setzen Sie die Budgetkürzung von 20 Mio. € "auf Augenhöhe" + "im Dialog" um?

Noch nie hat die Handelskammer mehr Mitglieder an Ihrer Meinungsbildung beteiligt, als seit der Wahl 2017. Außerdem haben wir die Satzung geändert, um den ehrenamtlichen Ausschüssen mehr Einfluss zu geben. Insofern sind wir klar auf Kurs, was Partizipation und Transparenz der Interessenvertretung angeht, und das wird 2018 Früchte tragen. 

Die Übertragung der HSBA-Anteile an die Trägerstiftung war Gegenstand einer offenen und auch öffentlichen Diskussion, die Zukunft der Handelskammer in der IHK Nord ist es noch. Über die organisatorischen Veränderungen sprechen wir vor allen anderen mit den Mitarbeitern offen und binden ihre Ideen ein. Es gibt eine Betriebsvereinbarung, die die aktive Mitgestaltung der Belegschaft als Recht und Pflicht regelt und zugleich betriebsbedingte Kündigungen ausschließt.
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Vielen Dank für Ihre offenen Antworten!
Das Interview führte Thomas Keup.

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G. Mengers (VEEK), T. Bergmann (HK), O. Scholz (FHH)
Foto: HANSEVALLEY
"Befreien Sie uns von unserer Skepsis und geben Sie uns Sicherheit, dass die Handelskammer ... zum Wohle Hamburgs und der hiesigen Wirtschaft denkt und auch entsprechend handeln wird", forderte Hamburgs Ehrbarer Kaufmann, Gunter Menges zum Abschluss des Jahres 2017.

Haspa-Chef Dr. Harald Vogelsang wurde noch deutlicher: "Wenig konstruktiv ist es aus meiner Sicht, wenn man viel Gutes, was über die Jahre entstanden ist, einfach mit der Abrissbirne zerstört. (...) jahrzehntelange Kontakte werden in Minutenschnelle eingerissen, langjährige Partner verprellt, erpresst, frustriert."


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 Hamburg Digital Background:  

Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg:
Jahresabschlussveranstaltung 2017 - Video und Rede(n)

Nachbericht Hamburger Abendblatt 29.12.2017
hwww.abendblatt.de/hamburg/article212967737/Buergermeister-Olaf-Scholz-fordert-wirtschaftliches-Wachstum.html

Nachbericht Welt Hamburg 29.12.2017
www.welt.de/regionales/hamburg/article172033642/Versammlung-Eines-Ehrbaren-Kaufmanns-Kammerpraeses-ueberrascht.html

Nachbericht Bild Hamburg 29.12.2017
www.bild.de/regional/hamburg/party/beim-ehrbaren-kaufmann-54326592.bild.html

Kritik Harald Vogelsang Welt Hamburg 28.12.2017
www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article171999564/Triumphe-und-Tragoedien-die-Geschichten-des-Jahres-Harald-Vogelsang-ueber-die-Revolution-in-der-Handelskammer.html

Kritik Alt-Präsides Welt Hamburg 23.12.2017
www.welt.de/regionales/hamburg/article171856033/Hamburger-Handelskammer-Der-hanseatische-Handschlag-gilt-nichts-mehr.html