Donnerstag, 23. Mai 2019

HANSESTATEMENT: Die DIN-Norm - ein "Jodeldiplom"für Startups. Im Ernst jetzt?

Ein HAMBURG DIGITAL STATEMENT 
von Gerd Kotoll


DIN-Institut in Berlin: Hauptgeschäftszweck: Normen erstellen und vermarkten.
Foto: DIN

Eine neue Idee geistert durch die Republik: eine deutsche DIN-Norm für Startups. Ein Konsortium aus Wissenschaftlern, Beratern und Unternehmen plant mit der "SPEC 91354" Jungunternehmen zu regulieren. Das Hauptargument: Mit der Spezifikation sollen die hohen Ausfallquoten bei Startups verringert werden. 

Die Diskussion ist eröffnet. Nach der ersten Welle der Kritik ruderte das Konsortium hinter der Startup-Norm denn auch gleich zurückDer Leitfaden solle Investoren, Banken oder Gremien, die über die Vergabe von staatlichen Fördermitteln entscheiden, die Urteilsfindung bei Projekten erleichtern. 

Ein Hamburg Digital Statement von Startup-Experte Gerd Kotoll:

Während am Montag dieser Woche u.a. das Handelsblatt über die neue DIN Norm SPEC 91354 berichtete und verständlicher Weise von empörter Zurückweisung auf Seiten von Gründungsexperten, weist die Gründerszene darauf hin, dass es ja alles ganz anders gemeint sei.

Die neue Norm soll ein freiwilliges Angebot sein und eher eine bessere Checkliste. Je mehr Punkte davon das Startup erfülle, desto wahrscheinlicher sei bspw. eine Finanzierung durch Banken oder Risikokapitalgeber möglich – zumindest im Grundsatz.

So weit, so gut. Wer’s glauben mag.

Ein Blick hinter die Kulissen lässt etwas Anderes vermuten: der Verein, der das DIN-Institut trägt, generiert gut zwei Drittel seines Budgets durch Dienstleistungen gegenüber Dritten, vor allem durch den Verkauf von Normen.

Für dieses Oxymoron einer Startup-Norm haben laut DIN-Institut gleich eine ganze Reihe von Partnern, darunter Ernst & Young, die TU Darmstadt, verschiedene Patentanwälte u.a. gut 18 Monate gearbeitet und in eine 17-seitige Checkliste und Leitfaden gegossen (siehe Hamburg Digital Background).

Hinzu kommt, dass den Anstoß für diesen Leitfaden angeblich ein bekannter Seriengründer geliefert haben soll, der aber nicht genannt werden möchte. Womit wir den nächsten Widerspruch hätten, da Altruismus und Gründung sonst nur aus dem Bereich sozialer oder grüner Projekte bekannt sind, wo es in aller Regel eben nicht um Skalierung geht.

Es dürfte also nur eine Frage der Zeit sein, wann die bislang kostenfreie Zertifizierung durch politische Regelungswut eine (dann natürlich kostenpflichtige) Anforderung an die Gründer werden wird.

Es ist aber genau diese wuchernde Bürokratie, diese krude staatliche Allmachtsfantasie, alles regeln zu müssen, die Gründungen in Deutschland schwerer machen als anderswo.
Wir brauchen nicht mehr Regelungen, sondern viel viel weniger. 


DIN-Broschüre: „Die Anwender profitieren mit der DIN SPEC 91354 von wertvollen Expertentipps für ihr Start-up.“

Startups werden dann besonders erfolgreich, wenn sie eben die vermeintlich ehernen Regeln des Marktes brechen konnten. Verstöße gegen Arbeitsrecht, Datenschutzvorgaben oder andere rechtliche Regulierungen sind mit der Risikominimierung in der DIN-Spezifikation aber nicht gemeint - und werden durch eine DIN-Norm auch nicht erfasst.

Mein Fazit: Startups sollen sich auf ihr Geschäftsmodell und den Vertrieb konzentrieren können und nicht auf das Ausfüllen von Checklisten und Zertifizierungsanforderungen, denn damit verdient man kein Geld. Es sei denn, man ist das Deutsche Institut für Normung.


*  *  *

 Hamburg Digital Autor Gerd Kotoll: 

Gerd Kotoll vernetzt Entrepreneure mit potentiellen Partnern und Kunden - und berichtet von ausgewählten Events und Entwicklungen im Ökosystem der Hamburger Startup-Szene. 

Als unabhängiger Makler berät und betreut Gerd Kotoll er Vereine, Verbände und Unternehmen in Fragen der betrieblichen Absicherung. Besonderen Fokus legt er auf junge Unternehmen und Startups. 

Gerd Kotoll ist Freier Autor des Hamburg Digital Magazins.

Die inhaltliche Verantwortung des Autorenbeitrags liegt beim Urheber.

 Hamburg Digital Background: 

DIN-Institut: DIN SPEC 91354
https://www.din.de/blob/313462/ff9bf5d1099dc812b623ccc40d95fc50/broschuere-din-spec-91354-data.pdf

Handelsblatt: "Auch Start-ups sollen eine DIN-Norm bekommen – Gründer sind empört."
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/jungunternehmen-auch-start-ups-sollen-eine-din-norm-bekommen-gruender-sind-empoert/24360404.html

Gründerszene: "Keine Angst, es wird keine DIN-Norm für Startups geben."https://www.gruenderszene.de/perspektive/din-norm-spec-91354-startups

t3n Magazin: "DIN-Norm für Gründer: Ein Jodeldiplom für die Startup-Szene."
https://t3n.de/news/din-norm-fuer-gruender-fuer-1164827

Dienstag, 14. Mai 2019

HANSETECHTEST: MOIA - Versuchskaninchen für Bananen-Software.

HAMBURG DIGITAL TECHTEST
* Update 17.05.19 *


"Moia" Pressetermin am 15. April '19 in der Hafencity.
Foto: "Moia"


Es riecht nach dem Skandal des Jahres: Der VW-Tochter "Moia" sollen von ehemaligen Entwicklern die Algorithmen für die Betriebssoftware des Sammel-Fahrdienstes geklaut worden sein. Folge: Eine Hamburger Software-Firma musste offenbar im Tiefflug eine Ersatzplattform zusammenschrauben. Wenn sich die Informationen erhärten, hat "Moia" Mitte April d. J. vor laufenden Kameras den Start einer wohl nicht funktionierenden Mobilitätsplattform verkündet.

HANSEVALLEY testete 2 und 4 Wochen nach dem offiziellen Start den Sammel-Fahrdienst von Barmbek an die Binnenalster, vom Hauptbahnhof nach Ottensen und von St. Pauli zur Messe - mit z. T. katastrophalen Ergebnissen. Ohne Anmeldung und außerhalb der Spitzenzeiten wollten wir wissen: Hält der hochgejubelte Taxiersatz, was Volkswagen-Konzern, Wirtschaftsbehörde und Hochbahn-Vorstand vollmundig versprechen? Ein Hamburg Digital Techtest ohne rosarote Brille:

Donnerstag-Morgen, halb Zehn in Hamburg. Die Aufgabe ist einfach: eine rd. 5,5 km lange Strecke von der Hamburger Straße zum Neuen Jungfernstieg. Eine gute Gelegenheit, den Versprechungen von VW und seiner gehippsterten Mobilitäts-Tochter "Moia" auf den Zahn zu fühlen. Die App ist installiert, Kreditkarten hinterlegt, der Spaß kann losgehen - theoretisch. Denn für die bestellte Fahrt ist weder sofort noch innerhalb von 5 Minuten ein Wagen verfügbar, in Barmbek-Süd, nicht etwa am Airport - außerhalb des Berufsverkehrs und versprochenen 100+ Shuttle-Fahrzeugen auf der Straße.


Angeblich über 100 "Moia"-Shuttles
und 10.000 virtuelle Haltestellen in Hamburg.
Foto: "Moia"

60.000 Fahrten will "Moia" laut PR bislang bedient haben und obendrauf viele Fahrten haben absagen müssen. Zugleich jammert die VW-Tochter über Leerfahrten. Wie beim Magazin "Fink" geschildert, erleben auch wir leere "Moias" auf der Straße und Testfahrten ohne Zwischenstopps - mitten am Tag, mitten in der Stadt. HANSEVALLEY erfährt: Statt der versprochenen gut 100 "Moias" sind aktuell gerade einmal rd. 70 Kleinbusse auf der Straße. Grund: Der Fahrdienst findet einfach keine Fahrer. Statt gesuchter 500 Kutscher können bei "Moia" nur gut 200 unter Vertrag stehen, bei rd. 3 Fahrern pro Fahrzeug.

"Moia": Eine Software, die sabbelt was sie halt will ...

Damit ist klar, warum "Moia" so lange braucht: Es dauert 14 Minuten, bis der so coole Fahrdienst beim ersten Test einen Wagen um die halbe Außenalster aus Eppendorf an den Start bekommt. Und dann zeigt sich, dass VW und Software zwei Dinge sind, die seit der Diesel-Tricksereien nicht zusammenpassen: Die von einer Hamburger Softwarefirma mitentwickelte IT-Plattform zeigt 14 Minuten Fußweg zur virtuellen Haltestelle Wohldorfer Straße 1 an. Komisch, denn genau vor jener Haustür stehe ich bereits bei der Bestellung. 

Screenshot der "Moia"-App vor dem Start.
Foto: HANSEVALLEY
Auch im direkten Vergleich mit dem konkurrierenden Sammel-Fahrdienst "Clever Shuttle" der Deutschen Bahn schwächelt "Moia" bereits bei der Standort-Erkennung während der Buchung. Bei der VW-Tochter muss man die Start-Adresse für eine Fahrt manuell eingeben. Beim Bahn-Venture aus Berlin reicht das Handy mit seinem GPS - mit exakter Adresserkennung. Dies ist bei einem Haustür-Service entscheidend. Die "Moia"-Informatiker im Hamburger "WeWork" am Axel-Springer-Platz sehen dafür wohl eher keine Notwendigkeit.

"Moia": Wenn die App Dir sagt, Du willst doch woanders hin ...

Und damit geht der Streß erst los: Denn die Wahl der Mastercard wird bei unserer ersten Fahrt erst gar nicht akzeptiert, trotz freigeschalteter und gedeckter Kreditkarte - im 4. Monat nach Beginn der Testphase in Hamburg. Natürlich können auch die Softwareentwickler mal einen schlechten Tag haben. Oder Volkswagen hat an der falschen Stelle gespart. Was mir in der Fahrgast-Version der App auffällt, ist auch für den Fahrer merkwürdig. Ist hier etwa nur eine 60%-Lösung am Werk?

Was beim Start nicht funktioniert, funktioniert am Ziel erst Recht nicht: Statt uns wie gewünscht zur Hausnr. 14 zu fahren, behauptet die App bei unserer 2. Testfahrt Stein und Bein, dass wir unbedingt zur Hausnr. 140 wollen sollen müssen - und speichert dies gegen unseren Wunsch als unfreiwilliges Ziel ab. Dies hat nichts mit einer virtuellen Haltestelle zu tun, denn die ist gar nicht in der Straße. Hier müssen Fahrgäste aufpassen, nicht zum "A.sch der Heide" gebracht zu werden, weil eine Software mit schweren Bugs meint, dies über den Kopf der Kunden hinweg entscheiden zu dürfen.


"Moia"-CEO Robert Henrich nimmt es mit der Qualität
seines Dienstes nicht immer so ganz genau.
Foto: HANSEVALLEY


Bei unserer zweiten Testfahrt erfahren wir noch mehr Interessantes: Zeigt die eingebaute Serviceanzeige mit Streckenansicht und zusteigenden Passagieren einen "Blue Screen" an, muss der Fahrer den ganzen Wagen ausschalten und neu starten. Wir sprechen von einem Monitor mit Streckenanzeige - allerdings auch von Volkswagen und Software ... Irgendwie erinnert das an ICE-Wagons mit kaputten Displays - nur das uns dort eine Steinzeitversion von DOS und Windows entgegen winken.

Wer mit "Moia" fährt, kann was erleben -
nur kein versprochenes Internet ...
Screenshot: HANSEVALLEY
Wir machen uns mit "Vehicle-Hamburg-101", "Vehicle-Hamburg-86" und "Vehicle-Hamburg-50" aka "E-Crafter" aus dem Osnabrücker VW-Werk auf den Weg zu unseren Terminen - ins Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten, zum Stadtmagazin "Szene" und zur OMR in die Messehallen. Im netten Plausch erfahre ich von den äußerst umsichtigen Fahrern, dass sowohl Singles als auch ganze Familien den Sammelfahrdienst nutzen. Besonders stolz ist der seit März engagierte Fahrer unseres ersten Tests auf die Services an Board, wie die USB-Steckdosen und das freie WLAN. Und dann schnappt die Techtest-Falle wieder zu ...


"Moia": Wehe dem, Du brauchst dringend mal Internet ...


Während der 27-minütigen Premierenfahrt lässt sich das aktuelle iPhone nicht in das mobile Internet des Fahrzeugs einbuchen. Auf die Frage, ob der Fahrer den mobilen Internet-Router nicht erneut starten könne, damit sich die SIM-Karte neu ins Netz einbucht, erhalte ich eine Konzernantwort: Er gebe das Problem gern weiter, könne selbst aber nichts daran ändern. Das heißt im Klartext: Für alle Fahrten in "Moia 101" gibt es an diesem Tag kein funktionierendes Internet. Beim zweiten und dritten Test bucht das Smartphone sofort in den Router ein - im Prinzip also schnell verfügbares Web, im Prinzip ...

Mit großem Interesse beobachte ich die Fahrer unserer Tests, wie sie auf der App ihrer Android-Tablets immer wieder die Route checken. Eine kleine Recherche bei "Fink" fördert zu Tage: Die Fahrer folgen willfährig der App, komme was wolle. Fahrgäste berichten über Twitter, mit großen Umwegen durch die Stadt chauffiert worden zu sein - ohne Mitfahrer. Offensichtlich versucht Volkswagen sämtliche Logik - und damit Flexibilität - von den Fahrern auf die Software zu verlagern. Was dabei rauskommt, erleben wir täglich bei unflexiblen Paketfahrern von DHL und DPD über GLS bis Hermes. Der Grund dafür wird ein  wenig später deutlich.



"Moia" unterwegs im hippen Szene-Viertel?
Foto: "Moia"

"Moia": Wenn Du Pech hast, wartest Du 30 Minuten im Regen ...

Die Tatsache blind gehorchender Fahrer bricht uns beim dritten Test fast das Genick: 20 Minuten sollte die grenzwertige Wartezeit sein, fast 30 Minuten wurden es im Nieselregen, denn der Fahrer wurde einmal die Hafenstraße runter und die Reeperbahn wieder raufgeschickt - ohne Fahrgast, ohne Sinn und Verstand. Dabei schummelte sich die App mit der Verspätung mehrmals um die Wahrheit. Der Fahrer konnte und durfte nichts tun, denn er muss blind der App folgen - notfalls auch ins Nirvana. Drei - in Worten: drei - verfügbare "Clever Shuttle" fuhren direkt an unserer virtuellen "Moia"-Haltestelle vorbei.

Besser Du läufst, als auf "Moia" zu warten.
Screenshot: HANSEVALLEY
"Moia": Für 15 Minuten Fußweg sinnfrei um den Block kutschiert ...

Für eine 1,1 km lange Strecke von St. Pauli zur Messe hätten wir zu Fuß 14 Minuten gebraucht, mit Bus und Fußweg laut Google Maps und Echtzeit-Verbindungen des HVV 13 Minuten. Es wurden unfassbare 42 Minuten inkl. 30 Minuten Warten im Regen - und einer weiteren Fahrt im Kreis. Nach diesem Erlebnis kommen wir zu dem Ergebnis: Die eingesetzte Software fällt leider unter die Kategorie "Schrott". Der Fahrdienst ist damit ohne Wenn und Aber unzuverlässig. Dies bestätigen uns Netzwerkpartner auf der OMR mit ihren Erlebnissen. Vertrauen gebrochen. 

Nun kann ein kleines Online-Magazin um der Aufmerksamkeit willen kräftige Worte wählen, um Missstände aufzudecken. Doch auch das große "Hamburger Abendblatt" musste bei einem Test vom U-Bhf. Wandsbek Markt zur Elbphilharmonie genau das gleiche Chaos erleben: Wie die Online-Grafik zeigt, brauchte "Moia" geschlagene 58 Minuten - mit 14 Minuten Wartezeit. Die U-Bahn fuhr mit Umsteigen in 31 Minuten an "Moia" vorbei und das Taxi schaffte es dank intelligenter Entscheidung des Fahrers über die Route in lockeren 25 Minuten. Wir bleiben dabei: Das Bereitstellen und das Routing der goldfarbenen Kleinbusse ist eine Katastrophe.

"Moia" & Co. testen App-Fahrdienste für autonome Services

Ein Blick hinter die Kulissen bringt zum Vorschein: Alle "Ridesharing"-Dienste fahren aktuell im Testmodus, ohne wirtschaftlich zu sein. Und die "Moia"-Presseverantwortlichen jammern gern eine Runde extra deswegen im "Abendblatt". "Berlkönig" von Daimler, "Clever Shuttle" der Deutschen Bahn und "Moia" von Volkswagen hoffen auf das autonome Fahren - und fahren deshalb auf festen Routen. Nur autonom können die taxiähnlichen Dienste jemals kostendeckend werden. Bei "Moia" sind die Fahrer fest angestellt, haben geregelte Schichten und die Wagen fahren im Drei-Schicht-Betrieb. Das kostet Personal - und ist neben unausgereifter Software der entscheidende Grund für die Unwirtschaftlichkeit.


Englische Elektro-Großraumtaxen von Volvo in Hamburg als
Zubringerdienst in Osdorf und Lurup erfolgreich.
Foto: HANSEVALLEY

Lediglich "Ioki" in Osdorf und Lurup fährt als Sammeldienst mit englischen Volvo-Großraumtaxen schon heute in die Erfolgszone - zwischen S-Bahnhöfen und Wohnquartieren, eingebunden in den HVV-Nahverkehr und mit Unterstützung der im Westen Hamburgs zuständigen VHH-Busbetriebe. Um die Kosten zu decken, hat "Ioki" neben dem regulären HVV-Fahrpreis eine Servicepauschale eingeführt. Das wird dem Erfolg keinen Abbruch bescheren, denn mit den britischen Taxen können Kinderwagen ebenso zur Bahn kommen, wie Rollstuhlfahrer. Ein sinnvoller Service, der gern genutzt wird, wie die Tabelle zeigt.


Fakten des Mobilitätsberaters Christian Mehlert von KCW aus Berlin:
Nur "Ioki"
verkehrt zum HVV-Tarif plus Servicepauschale - 
und deshalb erfolgreich. Grafik: Christian Mehlert, KCW

"Moia": Konzerndenke fernab digitaler Kunden-Services ...

Für Fahrgäste ist der von uns in der Hamburger City getestete "Ridesharing"-Dienst "Moia" ein nicht empfehlenswertes Angebot - sondern ein Testballon mit Fahrgästen als unfreiwillige Versuchskaninchen, die nicht einmal darüber aufgeklärt werden. Da tröstet das bunt flackernde Werbedisplay hinter der Fahrerkanzel nicht drüber hinweg, wenn es funktioniert. Ja, es ist eine komfortable Fahrt in bequemen Einzelsesseln. Das "Moia +6" genannte Elektroshuttle bietet deutlich höheren Komfort, als abgeranzte Taxen mit unfähigen oder illegalen Droschkenkutschern. 

Eine gelungene Fahrt endet bei "Moia" leider nicht mit einer individuellen Möglichkeit zur Bewertung von Fahrt und Fahrer über Sternchen, wie bei "Mytaxi" - sondern mit dem Ausquetschen von Trinkgeld und einer magern Auswahl zwischen sehr guter und schlechter Fahrt. Offensichtlich wissen die Verantwortlichen in Berlin, Hannover und Hamburg, dass sie Fahrgäste als Versuchskanickel für eine "Bananen-Software" (reift beim Kunden...) um den Block schicken. Lediglich die automatische Abrechnung im Hintergrund ohne extra Freigabe per Swipe gefällt im Alltagseinsatz. 

Sammel-Shuttle sind kein Ersatz für fehlende Busse und Bahnen.
Grafik: Christian Mehlert, KCW

Bleibt die Frage, ob Sammel-Mietwagen überhaupt Sinn machen, in Metropolregionen mit gut ausgebauten Bus- und Bahnverbindungen in den Innenstädten. Die Antwort lautet: "Nein, aber.." Wie der Berliner Mobilitäts-Experte Christian Mehlert auf einer Diskussion der DVWG in Hamburg klarmacht, bringen die Shuttles nur etwas in den Außenbezirken (siehe "Ioki"), spät Abends und an Wochenenden - also immer dann, wenn es dünn wird mit Bussen und Bahnen. Genau dort will und wird sich "Moia" aber nie tummeln - wie die Karte mit heutigem und künftigen "Bediengebiet" zeigt:





Volkswagen geht - ebenso wie Daimler und die Deutsche Bahn - in den Innenstädten in direkte Konkurrenz zu Bussen, Bahnen und Taxen. Unter der Headline "App-Fahrdienste: ÖPNV-Ersatz für Faule?!" bringt Experte Christian Mehlert auf den Punkt: 50% der Nutzer kommen vom ÖPNV, weitere 43% von Taxen und Mietwagen a la "Uber". Das fand die Transportbehörde von New York schon 2017 in einer Umfrage und im Vergleich von Car Sharing- und App-Fahrdiensten heraus. Entweder hat die städtische Hamburger Hochbahn nicht genau hingeschaut, oder sie folgt blindlings politischen Entscheidungen...


App-Fahrdienste stehlen Bussen, Bahnen und Taxen das Geschäft.
Studie "Citywide Mobility Services", New York, August 2017.
Grafik: Christian Mehlert, KCW

Seit dieser Woche ist der Service nicht nur unschön, jetzt ist er auch noch deutlich teurer. Schluss mit dem Anfix-Angebot, sich für 5,- € durch die halbe Stadt kutschieren zu lassen. Jetzt richtet sich der Fahrpreis nach Strecke, Wochentag und Uhrzeit. Damit wird es nicht nur ärgerlich, vom hochgejazzten Fahrdienst im Regen stehen gelassen zu werden, sondern auch noch teuer. Schon heute scheinen die rd. 50 "Clever Shuttles" der Bahn immer wieder schneller vor Ort zu sein - mit individueller Abholung vor der Haustür und einer Software-Plattform, die nicht die Kinderkrankheiten von "Moia" besitzt, wie wir getestet haben.

An dieser Stelle bleibt ein übler Beigeschmack, dass Volkswagen im Schulterschluss mit der Hamburger Wirtschaftsbehörde ihre 1.000 geplanten Shuttles offensichtlich um jeden Preis in den Testmarkt Hamburg drücken will, um gegen BMW und Daimler, Deutscher Bahn, Uber & Co. in Berlin und anderen Großstädten bei neuen Fahrdiensten nicht die rote Laterne in die Hand gedrückt zu bekommen. Schließlich bietet auch "Mytaxi" Sammelfahrten zum günstigen Festpreis an und kündigt für die Zukunft weitere, eigene Dienste an. 


In Berlin verboten, in Hamburg gefeiert: "Moia"-Shuttledienst.
Foto: "Moia"

Der Hamburg Digital Techtest zeigt: "Moia" hat seine Betriebssoftware nicht im Griff. Eine Erfahrung, die unsere Fahrer bestätigen - trotz unangenehmer Selbstbeweihräucherung der PR im "Moia"-Blog. Obendrauf: Die einfache Übung mobilen Internets scheint für die VW-Tochter ein nicht immer überwindbares Hindernis zu sein. Ob bei 70 tatsächlich fahrenden oder maximal 200 genehmigten Bussen auf Hamburgs Straßen. 


"Moia"-Chefs (außen) mit Hochbahn-Vorstand Falk
 und Verkehrssenator Michael Westhagemann (2.v.r.).
Foto: Twitter @bwvi_hh

Es bleibt Ernüchterung, denn das, was "Moia" mit rd. 100 Mio. € VW-Kapital, massiven Werbekampagnen und herbeigeredeten Vorschusslorbeeren an Alster und Elbe abliefert, ist kein bisschen besser, als "Berlkönig" von Daimler und den Berliner Verkehrsbetrieben oder der bundesweite "Clever Shuttle" der Deutschen Bahn. Der Hamburger Wirtschaftssenator sollte vielleicht ein wenig vorsichtiger sein, wessen Loblieb er ungeprüft nachsingt.

HANSETECHEST "Moia" in Hamburg:

Illustration: "Moia"

Gesamturteil: MANGELHAFT.
Vorsicht: Fahrgäste sind Versuchskaninchen!


Hinweis der Redaktion:
* Update *

Wir haben die Presseverantwortlichen von "Moia" mit den Missständen konfrontiert. Sie hatten vorab die Möglichkeit, den Beitrag zu lesen und Stellung zu beziehen. Wir sind bereit gewesen, ihre Position mit zu veröffentlichen. Ergebnis: "Moia" spielt toter Käfer. Kein Wort des Bedauerns, kein Wort der Entschuldigung gegenüber seinen Kunden. 

Wir können dies bei aller Abwegung nur als Versuch des Verschweigens und Vertuschens werten. Offensichtlich hat bei "Moia" das große Stühlerücken begonnen. So sollen wesentliche Teile des Teams am Axel-Springer-Platz ausgetauscht werden, berichten Informanten. Kein Wunder, dass die VW-Tochter auf Tauchstation geht. Mal schauen, wann Schluss ist mit dem millionenschweren Versagen ...

"Moia, Taxi, U-Bahn: Wer ist zuerst bei der Elbphilharmonie?" (Paid)
abendblatt.de/hamburg/article217240767/Moia-Taxi-U-Bahn-Wer-ist-zuerst-bei-der-Elbphilharmonie.html

"Moia Hamburg: Das ist zum Start des Ridesharing-Dienstes wichtig."

 Hamburg Digital Background: 

HANSETECHTEST: Die Schmuddelkinder des E-Commerce - About You, Shoop & Co.

HANSETECHTEST: Die Freenet Hotspot-App - kost' fast gar nix - bringt auch nix! 

Dienstag, 7. Mai 2019

HANSEMEDIA: "Philipp" - Tim Mälzer diskutiert analoges Magazin für Digitales in Hamburg.

HAMBURG DIGITAL REPORT


Foto: Twitter @OMRockstars

"Wie selbstverliebt muss man eigentlich sein, um ein eigenes Magazin mit der eigenen Fresse drauf mit dem eigenen Namen zu publizieren?" 

Star-Koch Tim Mälzer fragt auf der OMR Hamburg '19 Philipp Westermeyer. Wir wollten es eigentlich hanseatisch nicht so direkt ausdrücken ... Prost, Tim!


*  *  *


 Hamburg Digital Background: 

HANSESTATEMENT: Der kleine "Philipp" - die neue "Barbara" für Hamburg.
hansevalley.de/2019/01/hansestatement-maskottchen-philipp.html


Sonntag, 28. April 2019

HANSEEXKLUSIV Staatsrat Jan Pörksen: Die Dienstleistungen des Staates vom Nutzer her denken.

HAMBURG DIGITAL SPEZIAL

Staatsrat Jan Pörksen verantwortet in der Senatskanzlei die Digitalisierung.
Foto: HANSEVALLEY

Die "beste digitale Verwaltung Deutschlands" bescheinigt das E-Government-Zentrum des Fraunhofer Instituts FOKUS dem Senat. Hamburg ist eine der digital zukunftsweisend aufgestellten Städte der Republik - mit Breitbandvernetzung, 5G-Testbett und autonomem Fahren in der Millionenstadt. Die wachsende Stadt wird zur Smart City.

Das Hamburg Digitalcluster Hamburg@work und das Hamburg Digital Magazin HANSEVALLEY haben den zuständigen Staatsrat in der Senatskanzlei zu Strategie, Umsetzung und Herausforderungen Hamburgs auf dem Weg zur digitalen Metropole befragt. Ein exklusives Hamburg Digital Spezial mit Staatsrat Jan Pörksen:

In Sachen Digitalisierung belegt Hamburg regelmäßig Spitzenplätze bei Vergleichsstudien, zuletzt als „beste digitale Verwaltung“ im „Deutschland-Index der Digitalisierung“. Ist Hamburg im Vergleich zu anderen Städten und Bundesländern tatsächlich so weit vorn? 

Es gibt in Hamburg bereits eine ganze Reihe von Verwaltungsdienstleistungen, die online verfügbar sind. Außerdem haben wir in unserer Stadt im Hinblick auf die Infrastruktur beste Voraussetzungen, etwa durch eine gute Breitbandversorgung. Unter anderem trägt dies dazu bei, dass Hamburg schon jetzt als digitale Stadt wahrgenommen wird. Allerdings wissen wir, dass es keinen Anlass gibt, sich auf den Erfolgen auszuruhen. Es ist nach wie vor viel zu tun, viele große Aufgaben liegen noch vor uns. 

Peter Tschentscher hat in seiner "Bürgermeister-Rede" vor dem Übersee-Club am 5. Februar d. J. pointiert, dass die Megatrends Digitalisierung und demografischer Wandel "das Leben in Hamburg grundlegend verändern". Wie kann der Hamburger Senat mit seiner Senatskanzlei an der Spitze diese Entwicklungen aktiv begleiten und positiv steuern?

Wir haben den Themen IT, E-Government und Digitalisierung schon immer eine große Bedeutung beigemessen. Deshalb wurden die Kompetenzen in der Senatskanzlei, im Amt für IT und Digitalisierung, an zentraler Stelle gebündelt. Wir entwickeln gemeinsam mit allen Behörden, Ämtern und städtischen Institutionen eine Digitalstrategie, die Hamburg als digitale Stadt voranbringen wird. 


Denkt über die Grenzen der Hamburger Verwaltung hinaus:
Staatsrat Jan Pörksen
Foto: HANSEVALLEY

"Unsere strategischen Überlegungen erstrecken sich auf alle Lebensbereiche der Stadt. Die Digitalisierung der Verwaltung ist ein Schwerpunkt." 

Es geht darum, die Lebensqualität und die wirtschaftliche Attraktivität unserer Stadt zu sichern und weiterzuentwickeln. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei, dass wir unsere Prozesse stärker vom Bürger oder von den Unternehmen aus denken müssen. Unsere strategischen Überlegungen erstrecken sich insofern auf alle Lebensbereiche der Stadt. Die Digitalisierung der Verwaltung ist dabei ein Schwerpunkt. 

Wie genau muss man sich das vorstellen, wenn die Verwaltung die Digitalisierung vorantreiben und sich an die Spitze der Bewegung setzen will? Wird es eine „trendy“ App geben, die uns durch die Stadt navigiert?

Es gibt ja schon eine Vielzahl „trendy“ Apps, die sich mit Hamburg beschäftigen und Touristen wie Bürgerinnen und Bürger begeistert. Wir müssen diese nicht selber anbieten, tun aber gut daran, alle Akteure zu unterstützen. Mit dem Melde-Michel bieten wir zum Beispiel auch eine eigene Online-Lösung an, über die Bürgerinnen und Bürger Mängel im öffentlichen Raum an die Verwaltung melden können. Unser Fokus liegt auf „echten“ Online-Services, die verlässlich, sicher und schnell einen deutlichen Mehrwert bieten. 

"Es ist richtig ist, die Dienstleistungen des Staates vom Nutzer her zu denken."

Zudem bin ich der Überzeugung, dass es richtig ist, die Dienstleistungen des Staates vom Nutzer her zu denken. Auch in der Vergangenheit gab es Innovationen, die allerdings sehr technikgetrieben waren. Mit unserem Programm „Digital First“ ist es uns gelungen, „Verwaltung neu zu denken“. Ein erstes Beispiel ist „Kinderleicht zum Kindergeld“ – ein Projekt, das Eltern in eine neue Lebensphase begleitet und den bürokratischen Aufwand im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes deutlich reduziert. Derartige Services müssen und werden wir ausbauen. 

Sie haben gerade im Staatsrätekollegium einen Design-Thinking-Workshop abgehalten, so dass das Thema Digitalisierung fortan bei allen Behörden und auf allen Ebenen die Aufmerksamkeit erhält, die erforderlich ist, um sich der Herausforderung zu stellen und Gestaltungsspielräume auszufüllen. 

Der Grundgedanke dabei ist, dass Verwaltungsmodernisierung und Digitalisierung kontinuierliche Prozesse sind, die fortdauern. Die damit verbundenen Vorhaben werden erfolgreich sein, wenn ihre Umsetzung als wichtige Führungsaufgabe wahrgenommen und zugleich von den Beschäftigten getragen wird. Deshalb ist es erforderlich, das „neue Denken“ auf allen Ebenen der Verwaltung zu etablieren. 

Stolz auf seine Kollegen: Gemeinsamer Design-Thinking-Workshop
der Hamburger Staatsräte.
Foto: HANSEVALLEY 

"Wenn man konkrete Veränderungen konkret angehen will, sind auch Flexibilität und Mut gefordert."

Die Staatsrätinnen und Staatsräte bekennen sich ausdrücklich zu ihrer eigenen Verantwortung, als aktiv und sichtbar Handelnde den digitalen Veränderungsprozess voranzutreiben. Generell gilt dabei: Wenn man konkrete Veränderungen nicht nur planen, sondern konkret angehen will, sind auch Flexibilität und Mut gefordert. Es muss möglich sein, auch Fehler und Lernprozesse zuzulassen; offene Denkweisen und innovative Methoden sollen so gefördert werden. Außerdem muss nicht jede digitale Anwendung von Beginn an als perfekte Variante mit umfangreichen Funktionen vorliegen. Im ersten Schritt ist auch immer die kleine Lösung – mit geringstmöglichem Aufwand – umsetzbar. 

Der Erste Bürgermeister hat im Rahmen seines Grußwortes auf dem Neujahrsempfang der Unternehmerverbände Nord am 10. Januar d. J. eine ganzheitliche Digitalisierungsstrategie für die Hamburger Verwaltung angekündigt. Welche Kernelemente umfasst das behördenübergreifende Konzept?

Jede Fachbehörde entwickelt eine eigene umfassende Digitalstrategie. Hierzu hat das Amt für IT und Digitalisierung das sogenannte ,Rahmenwerk behördliche Digitalstrategien‘ vorgelegt. Es enthält verbindliche strategische und operative Leitlinien für eine erfolgreiche digitale Transformation in den Behörden. Ein wichtiges Prinzip dabei: Unsere digitalen Lösungen machen den Nutzerinnen und Nutzern das Leben leichter – denn digitale Technologien sind kein Selbstzweck.

"Wir wollen keine Papierberge produzieren, sondern erfolgreiche Digitalvorhaben."

Wir verankern Automatisierung als Prinzip, wir wollen Prozesse besser machen, um beispielsweise die Beschäftigten von Routinearbeiten zu entlasten. Zu den Leitlinien gehört auch, dass wir Daten systematisch nutzen und teilen wollen, zum Beispiel mit der Urban Data Platform. Und: Unsere Strategien sollen zu konkreten Maßnahmen führen, denn wir wollen keine Papierberge produzieren, sondern erfolgreiche Digitalvorhaben.

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen bis 2022 bundesweit alle wichtigen Behörden-Dienstleistungen für Bürger, Firmen aber auch verwaltungsintern online zur Verfügung stehen. Der Hamburger Senat baut unter Leitung des in der Senatskanzlei angesiedelten Amts für IT und Digitalisierung mit "Digital First" ein umfassendes Webportal auf. Wie sieht das Portal ab 2021 aus - auch im Vergleich zum jetzigen "Hamburg Service"-Portal?

Mit dem Programm "Digital First" bieten wir bereits eine Reihe von digitalisierten Dienstleistungen an. Über eine standardisierte Serviceplattform werden künftig alle digitalen Kontakte mit der Verwaltung laufen. Maßgeblich hierfür sind vier Umsetzungsleitlinien:

  1. Alle Verwaltungsdienstleistungen sollen vorrangig digital erbracht werden. 
  2. Proaktives Verwaltungshandeln – die Anliegen von Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen werden möglichst proaktiv und antragslos erledigt. 
  3. Once only – Nutzer von Verwaltungsdienstleistungen sollen Informationen, die sie einmal angegeben haben, bei einem weiteren Verfahren möglichst nicht erneut angeben müssen. 
  4. Automatisierung – was durch digitale Technik erledigt werden kann, soll auch digital erledigt werden. 
Die IT-Plattform, die künftig als Grundlage für die „fabrikhafte“ Entwicklung von "Digital First"-Online-Diensten dient, ist seit Dezember 2018 in Betrieb. Geplant ist es, bis 2022 alle dafür geeigneten Verwaltungsdienstleistungen als Online-Services anzubieten, um so die Anforderungen aus dem Onlinezugangsgesetz zu erfüllen. Wir fangen mit den Verwaltungsservices an, die sich schnell und relativ unproblematisch umsetzen lassen.

Chief Digital Officer Christian Pfromm präsentierte zusammen mit dem CDO der Wirtschaftsbehörde BWVI und der Hafenverwaltung HPA Sebastian Saxe auf der "Solutions.Hamburg" im vergangenen Jahr erste Beispiele der Digitalisierung relevanter Verwaltungsangebote, wie den Kindergeldantrag. An welchen Diensten arbeitet Hamburg zusammen mit anderen Ländern?

Das Onlinezugangsgesetz wird seine Wirkung entfalten. Es verpflichtet uns, mehr als 570 Dienste bis 2022 online verfügbar zu machen. Die Umsetzung des OZG wird nur als gemeinsame Anstrengung und in Kooperationen gelingen. Bund und Länder haben sich geeinigt, dass sie sich die Aufgaben thematisch aufteilen. Wir haben unter den Ländern die Federführung für Prozesse der Unternehmensführung und -entwicklung übernommen. 


Der Hamburger Senat treibt die Digitalisierung der Länder an.
Der Mann hinter Peter Tschentscher: Staatsrat Jan Pörksen.
Foto: HANSEVALLEY

"Hamburg nutzt seinen Vorsitz in der Ministerpräsidentenkonferenz, um das Thema Digitalisierung als Schwerpunktthema zu verankern." 

Die Theorie dahinter ist, dass ein in einem Bundesland entwickelter Prozess von den anderen Ländern übernommen werden kann. Hamburg nutzt darüber hinaus auch seinen derzeitigen Vorsitz in der Ministerpräsidentenkonferenz, um das Thema Digitalisierung als Schwerpunktthema zu verankern. So wurde beispielsweise auf unseren Vorschlag ein Beschluss gefasst, wonach die digitale Identifizierung und Authentifizierung anwenderfreundlich sein muss, damit Bürgerinnen und Bürger sich nicht mit umständlichen Verfahren befassen müssen.


*  *  *

Vielen Dank für die klaren Worte!
Das Interview führte Thomas Keup.


Ein gemeinsames Interview mit




 Hamburg Digital Background: 

HANSEEXKLUSIV: Teamsport und KI in der Digitalen Stadt.

HANSEPERSONALITY Christian Pfromm: Digitalisierung ist Chefsache!

hansevalley.de/2018/06/hansepersonality-christian-pfromm.html

HANSEPERSONALITY Dr. Sebastian Saxe: Erfolgsfaktoren für Digitalen Hafen und Digitale Stadt. 
hansevalley.de/2017/09/hansepersonality-sebastian-saxe.html

Donnerstag, 18. April 2019

HANSEPERSONALITY Tobias Lücke: Als Metropole sollten wir Vorreiter sein.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

Tobias Lücke, Leiter Digitaler Vertrieb der Haspa und GF Haspa Next
Foto: Haspa

Über Ostern stellt die Hamburger Sparkasse ihre IT-Landschaft auf die bundesweit einheitliche Software-Welt der Finanz-IT um. An diesem Wochenende können Kunden der Haspa mit ihrer Girocard nur eingeschränkt in Geschäften und im Internet einkaufen gehen und Geld abheben. Ab Dienstag will die Haspa mit "OS Plus" und den bundesweiten Services der Sparkassen ihre Digitalisierung noch stärker forcieren.

HANSEVALLEY begleitet seit 2017 die digitalen Aktivitäten der größten deutschen Sparkasse - von "Haspa Next" inkl. "Heute in Hamburg" über die Plattformen "Aino" und "Kiekmo" bis zu den neuen Nachbarschaftsfilialen an Alster und Elbe. Digital-Manager Tobias Lücke ist unser HANSEPERSONALITY mit Insides zur großen IT-Umstellung bei der Hamburger Sparkasse:

Lieber Tobias Lücke: Ihre Website zur Umstellung der Sparkassen-Software heißt "Haspa Digitale Zukunft". Ist diese Botschaft im Zusammenhang mit der Umstellung einer zentralen Bankensoftware nicht ein wenig hoch gegriffen? Schließlich ist die Haspa eine klassische Bank mit nach wie vor rd. 130 Filialen. In wiefern hat der Umstieg etwas mit Ihrer digitalen Zukunft zu tun?


Unser Anspruch ist es, die persönlichste Multikanalbank in Hamburg zu werden, unseren Kunden also das Beste aus beiden Welten zu bieten. Deshalb treibt die Haspa auch das mit 200 Mio. Euro größte Investitionsprogramm in ihrer Geschichte in die Nachbarschaftsfilialen, Digitalisierung und IT weiter voran. 

Aber natürlich sind wir mit der Umstellung nicht fertig. Vielmehr bündeln wir die Kraft im Sparkassen-Verbund. Allein über die Finanz Informatik investieren die Sparkassen pro Jahr 300 Mio. Euro in innovative Services und den Ausbau digitaler Angebote. Davon profitieren dann natürlich unsere Privat- und Firmenkunden zukünftig unmittelbar.

An diesem Wochenende stellen Sie die Konten von 1,6 Mio. Kunden um, tauschen Ihr Online-Banking gegen das bundesweit einheitliche Sparkassen-Banking aus und lösen Ihre bisherige SAP-Bankensoftware gegen die Sparkassen-IT "OS Plus" ab. Wie umfangreich ist solch eine zentrale Software-Ablösung bei 500 Mio. Daten, die 560 Mitarbeiter migrieren?

Sehr umfangreich. Deshalb haben wir uns auf die Umstellung auch äußerst intensiv vorbereitet. Die Entscheidung zum Wechsel erfolgte nach umfassenden Analysen bereits im November 2016. Im Vorfeld haben wir bereits ausführliche Tests durchgeführt und im Rahmen von use labs und Marktforschung Kunden befragt. 

Zudem haben wir mehrfach unter realen Bedingungen die Umstellung auf die neuen Systeme erprobt und unsere Mitarbeiter intensiv geschult. Zusammen mit der Finanz Informatik arbeiten in der Spitze bis zu 1.000 Mitarbeiter daran, dass die Umstellung gut klappt. Und das in 40 Teilprojekten – vom Zahlungsverkehr bis zur Kundenkommunikation.


Tobias Lücke bei Vorstellung der Haspa-App-Entwicklung
Foto: HANSEVALLEY

Die 5.000 Mitarbeiter der Haspa arbeiten seit 2011 mit der SAP-Bankensoftware - u. a. 
in den rd. 130 Filialen. Warum hat ihr Vorstand im November 2016 die Entscheidung getroffen, mit einem Aufwand von 145 Mio. € auf die in der Sparkassen-Welt durchaus diskutierte Kernbank-Software "OS Plus" zu wechseln? Hätten Sie nicht weiter mit SAP gut arbeiten können?

SAP hat uns eine hohe Flexibilität, Freiheit in der Produkt- und Prozessgestaltung sowie eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit geboten. Das konnte die Finanz Informatik damals für uns so noch nicht leisten. Seitdem hat sich aber viel verändert. Acht Jahre sind vor dem Hintergrund der beschleunigten Entwicklungszyklen in der Informationstechnologie eine sehr lange Zeit. 

Heute bietet die FinanzIT eine auf einer modernen Architektur basierende, zukunftsfähige Gesamtbanklösung. Prozesse können inzwischen stärker digitalisiert werden und die Multikanalfähigkeit wurde stark ausgebaut. Wir können Lösungen übernehmen und müssen diese nicht selbst entwickeln. Das gibt uns die Möglichkeit, Kosten mit anderen Sparkassen zu teilen. Eigene Ressourcen können wir stärker für die Entwicklung zusätzlicher Angebote einsetzen, zum Nutzen unserer Kunden. 

Andere Banken werben mit kostenlosen Girokonten (Commerzbank), Apple Pay-Nutzung (Deutsche Bank) oder RFID-Bezahlband beim HSV-Stadionbesuch (Comdirekt). Mit welchen Services kann die Hamburger Sparkasse bestehende und neue Kunden begeistern, nicht zu einer Online- oder Mobile Bank zu wechseln, wie N26 & Co.?

Wir bieten unseren Kunden das umfassendste Gesamtangebot mit einer konkurrenzlosen Infrastruktur aus Filialen und Geldautomaten, individuellen Beratungsleistungen sowie Online- und Mobile-Services. Dazu kommt ein breites Leistungsspektrum außerhalb des klassischen Bankgeschäfts: Wir vernetzen die Menschen z.B. über unsere Nachbarschaftsfilialen, verfügen über das erfolgreiche HaspaJoker-Programm sowie Hamburg- und Freizeit-Communities. 

Im März 2017 haben Sie das Redaktionsteam von "Heute in Hamburg" für die "Aino"-App ins Digital-Lab "Haspa Next" geholt, Anfang vergangenen Jahres war der "Kiekmo"-Schließfachservice im Testlauf. Butter bei die Fische: Wie haben sich Ihre noch jungen App-Plattformen entwickelt? Welche Angebote werden besonders gern genutzt - und was dürfen wir in der Zukunft erwarten?

Beide Angebote liegen voll im Plan und gehören zu den reichweitenstärksten Regional-Apps Deutschlands. AINO hat sich inhaltlich breiter aufgestellt und bedient neben Freizeit-Tipps auch Ratgeber- und Karrierethemen. Kiekmo deckt mittlerweile ganz Hamburg ab, öffnet seine Gratis-Schließfächer verstärkt für Drittanbieter wie Frischepost und intensiviert seine Aktivitäten rund um das Thema Nachbarschaft.

Zu guter Letzt unsere Hamburg-Frage: Die Haspa engagiert sich u. a. mit dem Startup-Center und dem Gründerpreis für Jungunternehmen in Hamburg. Als Direktor Digital Services setzen Sie mit den digitalen Plattformen Aino und Kiekmo neue Akzente. Hand aufs Herz: Wo läuft die Digitalisierung in Hamburg aus Ihrer Sicht bereits sehr erfolgreich und wo wünschen Sie sich etwas mehr Schwung?

In Sachen Digitalisierung liegt Hamburg im guten Mittelfeld. Als Metropole sollten wir aber Vorreiter sein. Insgesamt kann man festhalten, dass an allen Themen mit Hochdruck gearbeitet wird und es immer wieder gelingt, nationale Akzente zu setzen, zum Beispiel im Bereich Smart Port, VR oder 3D-Druck. Beim öffentlichen W-LAN müssen noch Lücken geschlossen werden. Die Haspa-Filialen werden schon bald flächendeckend ihren Teil dazu beitragen.


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Vielen Dank für die aktuellen Infos!
Das Interview führte Thomas Keup.


 Hamburg Digital Background: 

HANSERANKING: Das sind die digitalen Banken Hamburgs 2018
https://hh.hansevalley.de/2018/10/hanseranking-hamburgs-digitale-banken-gewinner.html

HANSEBANKING: Osterstraße 4.0 - eine Bank für Menschen, und ihr Geld.
http://hh.hansevalley.de/2018/02/hansebanking-haspa-filiale40.html


HANSECITYLIFE: Haspa-Schließfächer für reisende Journalisten: Kiekmo - dat geiht!
http://hh.hansevalley.de/2018/01/hansecitylife-kiekmo-schliefacher.html

HANSETECHTEST: Der Sparkasse neue Kleider: die YOMO-App.
http://hh.hansevalley.de/2017/12/hansetechtest-yomo-haspa.html


HANSEFUTURE: AINO - ein "WeChat"-Bot, der Hamburg kann.
http://hh.hansevalley.de/2017/06/hansefuture-aino-app.html


HANSEPERSONALITY Dr. Harald Vogelsang: 
Digitale Agenda, Investitionen und Bildungsoffensive für Hamburg 4.0
http://hh.hansevalley.de/2017/03/hanspersonality-dr-harald-vogelsang.html


HANSESTARTUPS: "Next" Chance für "Heute in Hamburg".
http://hh.hansevalley.de/2017/03/hansestartups-haspa-heuteinhamburg.html