Freitag, 25. Mai 2018

HANSESOCIAL: Warum die Dezentralisierung von Sozialen Netzwerken so verdammt wichtig für uns sein sollte.

HAMBURG DIGITAL SOCIETY

Wenn im Zuge der Digitalisierung die Zukunft der menschlichen Arbeit nur noch wertschöpfend durch Empathie, soziale Interaktion und Kreativität sein kann, weil alles andere maschinell und automatisiert erfolgt, sollten die digitalen Plattformen in denen diese Wertschöpfung geschieht profitabel für alle Nutzer sein. Klaudius Nowak:

Blockchain-Visionär Klaudius Nowak
Foto: Laurin Tomaschewski
Die Digitalisierung unserer Welt schreitet stetig voran und die Stimmen, die die Gefahr von einer Zukunft mit immer weniger Jobs für einen Großteil der Bevölkerung prophezeien, werden immer lauter. Unternehmer wie Jeff Bezos (Amazon) oder Facebook-Chef Mark Zuckerberg, die zu den größten Treibern des digitalen Wandels gehören und in Ihren Unternehmen bereits einen hohen Grad an Automation implementiert haben, erklären öffentlich, das Lösungen für die finanzielle Absicherung für den Großteil der Bevölkerung - wie z. B. das bedingungslose Grundeinkommen . unumgänglich sind.

Während Studien die Gefährdung von bis zu 90 Prozent aller Arbeitsplätze bemessen, ist die genaue Prozentzahl meiner Ansicht nach gar nicht so entscheidend, denn wir wissen, dass die Digitalisierung nicht aufzuhalten ist und im Zuge des globalen Wettbewerbs, nicht nur wegen des Preiskampfes, voranschreiten wird. Wieviele Arbeitsplätze davon betroffen sind ist daher keine Frage von Branche und Gefährdungsgrad, sondern eine Frage des zeitlichen Horizonts.

Neben der Frage der finanziellen Abhängigkeit zwischen Arbeit und Einkommen steht eine viel entscheidendere gesellschaftliche Frage im Raum: Wie entwickeln sich Menschen emotional, die über Generationen gelernt haben, dass arbeiten ein fester Bestandteil der Selbstidentifikation ist? Wie entwickelt sich unsere Gesellschaft, die mit Ihrer Arbeit nicht nur ihren eigenen Lebensunterhalt sichert, sondern der Überzeugung nach auch einen wertvollen Beitrag für unser Zusammenleben leistet?

Es liegt an uns, aus der Digitalisierung ein Wert für uns als Mensch zu schöpfen, der vielleicht einen Teil dazu beiträgt dass Arbeit anders -  leichter und natürlicher - aussieht.

Es ist wahrscheinlich unfassbar weit gegriffen, wenn man darüber nachdenkt, dass unsere Online-Aktivität alle kommenden Probleme löst, aber ist es gut vorstellbar, dass das Erstellen eines Status-Updates, Postings, Kommentars, einer Empfehlung, das Schreiben, Bewerten und die tägliche Investition in unsere kleinen Online-Marken und unseren digitalen Freundeskreis, sogar das Lesen und Konsumieren von digitalen Inhalten, eines der Bestandteile sein kann, welche unser Leben „finanzieren“ und einen gesellschaftlichen Beitrag in einer modernen Welt bedeuten.

Die industrielle Revolution 4.x, oder was auch immer für eine fiktive Versionierung dahinter steckt, hat mit der Möglichkeit durch die Dezentralisierung und durch die  - von mir enthusiastisch verfolgte - Blockchain-Technologie erstmalig die Chance, monopolartige Profiteure von Innovationen zu vermeiden und Einnahmen, Wissen und Macht so zu verteilen, dass das Ergebnis auf unsere tatsächliche Lebensqualität einzahlt.

Okay, kommen wir zu dem Punkt, der wirklich entscheidend ist: Wenn die Herausgeber der Studien recht haben - und mein Verständnis von Technologie widerspricht dem nicht -, sind es Tätigkeiten, die einen hohen Anteil an Empathie, Kreativität und sozialer Interaktion haben, die zum wichtigsten Bestandteil aller durch Menschen durchgeführten, wertschöpfenden Tätigkeiten werden.

So why is it important to change these networks or at least to get them to change?

Tätigkeiten, die durch künstliche Intelligenz und eine virtuelle Welt schwer zu imitieren sind. Und “damn straight!”: Das ist doch was Gutes! Und “damn straight again!”: Die digitalen und sozialen Plattformen Facebook, YouTube, Instagram und Snapchat sind die Plätze unseres immer intensiveren Online-Lebens, an denen genau diese Tätigkeiten - zumindest online - ein Zuhause finden. Das Zeitkontingent, das online verbracht wird, steigt jährlich, und die heranwachsende Generation empfindet die Online-Interaktion als natürliche, authentische Komponente des täglichen Lebens.

Betrachtet man die aktuelle Berichterstattung über die Vorwürfe gegenüber Sozialen Netzwerken wie Zensur, Fake News und insbesondere der Missbrauch von Daten, findet man Listenweise Ansätze die ein dezentrales Neudenken in Punkto Social Media begründen. Alles Wichtig, Alles Richtig!

Doch geht es um den Blick in die Zukunft in der Kreativität in Form von Schöpfung von Content aller Art, oder die emphatisch, soziale Interaktion die wertvollste Tätigkeit sein wird, die ein Mensch vollbringen kann, ist es nicht umso wichtiger das diese Tätigkeit bzw. die Online-Plattformen, die vielen das Werkzeug geben um Online schöpferisch Tätig zu sein, entsprechend honoriert wird?


What our parents regard as a gimmick or a waste of time may become an important social task.

Unsere digitalen Aktivitäten, die von unseren Eltern als Spielerei oder Zeitverschwendung angesehen werden, führen zu Daten und Datenbanken, die zu Werbeeinnahmen in zweistelligen Milliarden Höhen monetisiert werden (Google 95,4 Mrd. USD, Facebook 39,94 Mrd. USD, Quelle statista.com). Diese Milliarden-Umsätze und die daraus resultierenden Gewinne gehören momentan den Betreibern dieser Plattform.

Es ist nicht das ich denke, dass die Betreiber Böses damit vorhaben. Im Gegenteil: Diese Plattformen sind meiner bescheidenen Meinung nach fantastisch, innovativ und bringen echte Mehrwerte. Es ist nur so, dass es nicht gut sein kann, dass sie den Großteil des Profites damit bündeln und eine unvorstellbare Dominanz durch ihre monopolartige Stellung besitzen. Es scheint mir, als wäre es wie ein natürlicher Prozess, das eine neue Technologie dieses Ungleichgewicht ausgleicht, ausgleichen muss oder die Unternehmen zu einem Ausgleich bewegt.



Mit der Dezentralisierung dieser Plattformen lassen sich nicht nur die Probleme lösen, für die die Plattformen momentan in der Kritik stehen. Es lassen sich auch die Werbeeinnahmen fair zwischen Produzenten, Konsumenten und allen weiteren Shareholdern verteilen und mit viel Glück entsteht hier eine erneute Diversifikation eines ganz anderen, neuen Arbeitsmarktes.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit — in meiner Welt solltet ihr dafür entlohnt werden! :)

 Hamburg Digital Inspiration: 

The fourth industrial revolution | Klaus Schwab
The Four | Scott Galloway
Dr. David Richard Precht

Hamburg Digital Autoren

Unternehmer Klaudius Nowak
Foto: Maxime Billon
Klaudius Nowak ist seit 2011 einer der Geschäftsführer der Hamburger Redpinata Video Content ProduktionMit seinem Team realisiert der Medien-Manager Videoformate und interaktive Live-Streams für Social Media Plattformen. Seit er vor über 5 Jahren die Zahlung eines Auftrages in Bitcoin ablehnte und retrospektiv Millionen verlor, setzt er sich mit den Chancen und Risiken der Blockchain-Technologie auseinander. In Zusammenarbeit mit SICOS.io berät er seit kurzem Unternehmen bei der Planung und Realisierung von ICOs (Initial Coin Offerings). Der engagierte Netzwerker tritt als Speaker auf namhaften Tech-Events auf, z. B. der Social Media Week Hamburg. Klaudius Nowak bei Xing.


Die inhaltliche Verantwortung des Autorenbeitrags liegt beim Urheber.

Mittwoch, 23. Mai 2018

HANSETECHTEST: Die Freenet Hotspot-App - kost' fast gar nix - bringt auch nix!

HAMBURG DIGITAL TECHTEST

Was sind sie doch stolz auf die Freenet-Hotspot-App: Mehr als 50 Millionen Hotspots in über 120 Ländern weltweit kostenfrei nutzbar. In Deutschland mit dabei: die Telekom- und Vodafone-Hotspots sowie viele bekannte Hotspot-Anbieter in Hotels, Restaurants und Cafés. Anbieter des vermeintlichen Meisterwerks: die in Hamburg beheimatete Freenet AG. Pressesprecher Rüdiger Kubald jubelt seine App in den 7. Himmel. Doch die Wahrheit spricht eine andere Sprache.


Meisterwerk oder Schrottleistung? Die Freenet Hotspot-App aus Hamburg
Screenshot: Apple App Store / Freenet

Eine App, die sich an- und abmeldet, wann sie will. Eine App, die bei Kunden massive Zusatzkosten verursacht hat. Eine App, die in den App Stores von Apple und Google in Grund und Boden bewertet wird. Im Hamburg Digital Techtest mussten wir seit März d. J. feststellen: Die Freenet Hotspot-App ist alles andere, als ein Meisterwerk Hamburger Informatik. Der HANSETECHTEST zu einem Stück Schrott in Software:

"Die Hotspot-Flat war (und ist) auf dem deutschen Mobilfunkmarkt einmalig, und wir haben bislang viel Zuspruch und Lob erhalten"; posaunt der zuständige Pressesprecher für Mobilfunk, mobile Daten- und Sprachdienste, Energie und Portaldienste in seiner "Wisch-und-Weg-PR-Mail" am 7. Mai d. J. Offensichtlich hat der PR-Fachmann alter Schule die Beurteilungen des von ihm gefeierten Stücks "Schrottware" bislang nicht zur Kenntnis genommen - oder irgend etwas Ungesundes geraucht:  

"Viel Zuspruch und Lob erhalten" - Beweisversuch Nr. 1

Apple App Store für iOS Apps: 1,7 von 5,0 Sternen - bei 25 Bewertungen

5 aktuelle Bewertungen im Apple App Store der vergangenen Wochen:
  • "Es ist keine Anmeldung in der App möglich"
  • "Verbindet mit iPhone 6S nicht automatisch"
  • "Auch mit dem frischen Update ist keine Verbindung zu Hotspots möglich"
  • "Es ist mir bisher nicht gelungen, mich mit der App mit einem Hotspot zu verbinden"
  • "Keine iPhoneX Unterstützung und zudem muss ich mich immer wieder neu in der App anmelden"


"Viel Zuspruch und Lob erhalten" - Beweisversuch Nr. 2
Google Play Store für Android Apps: 2,3 von 5,0 Sternen - bei 112 Bewertungen

5 aktuelle Bewertungen im Google Play Store der vergangenen Wochen:
  • "Unterirdisch schlecht, da völlig unbenutzbar"
  • "Weder der Login funktioniert noch kann man das Passwort ändern"
  • "Die App sucht erst gar nicht nach Hotspots in meiner Nähe ..."
  • "Seit dem Update verbindet sich die App nicht mehr mit dem Hotspot"
  • "Unbekannter Fehler, was soll man da sagen? Großer Mist!"
Lügen haben kurze Beine,
kürzer sind von Freenet seine ...
Screenshot: HANSEVALLEY
Mit stolz geschwellter Brust verkündet der Pressesprecher des aus der Vergangenheit für seine Tricks & Abzockmethoden bekannten Mobilfunk-Serviceproviders auf unseren Hinweis, dass die vom Londoner Dienstleister Mobilise Technology Ltd. bereitgestellte "Schrott-App" auf keinen Fall/nie und nimmer/um himmelswillen nicht die WIFIonICE-Hotspots in den mehr als 260 deutschen ICEs der Deutschen Bahn als Freenet-Hotspots identifiziert, sich versucht über Single Sign On einzubuchen und damit das Login komplett blockiert. Zitat:

"Sie erwähnen zudem, dass die Nutzung von WiFionICE in der App inkludiert sei. Dem ist nicht so! W-Lan Angebote wie „WIFIonICE“ oder „Telekom FON WLAN” sind nicht im Angebot enthalten und werden daher nicht von der App unterstützt."

Leider ist die Unternehmenskommunikation der Freenet AG erneut auf dem fröhlichen Holzweg und verkündet schlichtweg unwahre Informationen. Auf erneuten Hinweis zum Irrtum bequemt man sich bei Freenet in Hamburg dann doch mal ausnahmsweise einen Augenblick lang hinzuschauen, ob es eventuell/unter Umständen/ausnahmsweise ein klitzekleines Problemchen mit der Freenet-Hotspot-Dingens und den weltweit führenden Icomera-Hotspots bei der DB AG geben könnte. Folge: Freenet übt sich im kräftig zurückrudern.

"Wir haben uns auf Ihre E-Mail hin mit dem technischen Dienstleister in Verbindung gesetzt, der nach einem nochmaligen Test bestätigt hat, dass das Netzwerk WiFionICE als auswählbares Netzwerk angezeigt wird. Es ist aber korrekt, dass das Netzwerk nicht durch die APP unterstützt wird. Wir bedauern diese Irritation und haben den Dienstleister gebeten, die fälschliche Anzeige schnellstmöglich zu korrigieren."

Wifi-Finder? Kann böse ausgehen!
Screenshot: Freenet
Entweder Freenet-Kunden verzweifeln am Telefoncomputer der Servicehotline, um ihren Unmut über die "Schrott-App des Jahres" kundtun zu können, sie kündigen die nicht fehlerfrei erbrachte Leistung mit Pauken und Trompeten gleich wieder, um den den "Bringt-Nix-Mist" loszuwerden oder sie löschen die App, wenn die Hotspot-Flat ein kostenloses Zusatz-Goodie ist und wissen, auf welche Marketing-Masche sie das nächste Mal auf keinen Fall mehr reinfallen.

Neben der Blockade der WIFIonICE-Hotspots bei Betrieb der Freenet Hotspot-Möchtegern-App ist das Login der technisch unterirdischen Leistung ein unendliches Ärgernis. Sollte sich die App auf Grund eines Updates selbst ausloggen (was andere Apps unter iOS nicht müssen), muss man die App zwangsweise abschalten, um auf Grund der Schrott-Technik im ICE gar kein mobiles Internet mehr zu haben oder man bucht sich aus der "Freenet-Meisterleistung" aus, um nicht alle paar Minuten mit einem nervigen Public-Wifi-Login genervt zu werden.

Zitate von Apple iOS-Nutzern:
  • "Es ist keine Anmeldung in der App möglich"
  • "Keine iPhoneX Unterstützung und zudem muss ich mich immer wieder neu in der App anmelden"
Zitate von Google Android-Nutzern:
  • "Unterirdisch schlecht, da völlig unbenutzbar"
  • "Weder der Login funktioniert noch kann man das Passwort ändern"

Treffer, versenkt! Beim Versuch, sich in die App (wieder) einzubuchen, sind die geschilderten Macken täglicher Wahnsinn. Ein Login ist trotz korrektem Password auch nach mehrfachen Versuchen nicht möglich. Ebenso ist ein Reset des Passwortes nicht möglich. Und wieder ist der Märchenonk.. - pardon: Pressesprecher - aus dem Hamburger Deelbögenkamp wortreich zur Stelle, um zu erklären, warum die Schuld eigentlich bei mir als Nutzer liegen muss (ist doch klar):

"Eine Kritik, derer wir uns angenommen haben, ist der Login-Prozess an sich (nicht auf eine bestimmte Produktlinie bezogen): Wir haben den Registrierungsprozess am 18.4. umgestellt. Wir vermuten, dass ihr Problem in der alten Prozessstruktur begründet ist. Die Eingabe einer E-Mail-Adresse und eines Passworts ist ab diesem Zeitpunkt nicht mehr erforderlich."

Die Wahrheit sieht anders aus:
Passwort zurücksetzen? Aber doch nicht bei Freenet ...
Screenshot: HANSEVALLEY

Tacheles gesprochen: Nichts hat sich geändert. Das Login ist auch 4 Wochen nach dem PR-seitig hochgejubelten Update schlicht eine Katastrophe, der Login-Prozess mit wiederholter und dennoch nutzloser Eingabe von Nutzername und Passwort die gleiche Schrott-Prozedur ohne jegliche Verbesserung. Der Märchenonk.. - pardon: Presseonkel - setzt in seiner unfassbaren Konzernblindheit auch gleich noch einen drauf:

Automatische Verbindung? Besser nicht!
Screenshot: Freenet
"Der Kunde hat nur noch auf den in der Bestätigungs-SMS bzw. E-Mail eingebettetem individualisierten Aktivierungslink zu klicken und wird anschließend direkt zum jeweiligen App Store geleitet, um die freenet Hotspot App herunterzuladen. Danach ist er automatisch eingeloggt. Leider ist eine Migration auf den neuen Prozess für Bestandskunden aus technischen Gründen nicht möglich. Sie haben als Kunde aber die Option, die Hotspot Flat neu zu buchen und profitieren dann automatisch vom neuen Prozess."


Hotspot-Flat neu buchen? Aus einer Inklusiv-Leistung eine extra zu zahlende Leistung werden lassen, weil das Login nicht funktioniert? Als Kunde extra bezahlen, weil es Freenet nicht hinbekommt, eine einwandfreie Hotspot-App anzubieten und den eigenen technischen Dienstleister zu verpflichten, seinen zugesicherten Leistungen nachzukommen. Sorry, aber diese Aufforderung von Sprecher Rüdiger Kubald führt leider zu einem durchschlagend negativen Ergebnis unserer monatelangen Testnutzung:

HANSETECHEST Freenet Hotspot-App:
Gesamturteil: MANGELHAFT.
Peinlich für Hamburg!

Sonntag, 20. Mai 2018

HANSEPERSONALITY Erik Händeler: Wohlstand ist in Zukunft, sich besser auszutauschen.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

Was kommt nach der Digitalisierung? Wer löst die dominierenden Plattformen ab? Welches Metathema begleitet uns in der Zukunft? Wo liegen die künftigen Geschäftsmodelle? Diese Fragen stehen für Zukunftsforscher ganz oben auf der Tagesordnung.


Blickt krittisch und hoffnungsvoll in die Zukunft: Visionär Erik Händeler
Foto: Wolfgang List

Welcher Produktionsfaktor ist heute am Knappsten, und lässt sich nicht einfach ersetzen? Und welche Erfahrungen helfen uns, den nächsten Aufschwung erfolgreich zu begleiten. Ein ganz besonderes Hamburg Digital Interview mit dem Zukunftsforscher Erik Händeler:

Bis zu 40% der Arbeitsplätze in der westlichen Welt können durch Technologien - sprich die allumfassende Digitalisierung des Arbeitslebens - wegfallen. Sie sagen: Das ist Unsinn und uns wird die Arbeit nicht ausgehen. Dann könnte ich aufhören, über Digitalisierung zu schreiben, oder?

Nein! Weil erst durch die Digitalisierung neue Arbeitsplätze möglich werden, die vorher nicht ausreichend rentabel waren. Als die Dampfmaschine Bergwerke entwässerte und mehr Erz und Kohle hochschaffte, waren Eisen und Energie erst billig genug für unzählige neue Anwendungen. Die Digitalisierung ist ein Prozess, der jetzt schon Jahrzehnte läuft. Nur weil Computer Telefongespräche vermitteln, konnte Telefonieren so billig werden und neue Anwendungen ermöglichen. 

"Es reicht nicht, Technik A durch Technik B zu ersetzen, sich bequem zurückzulehnen und so weiter zu machen wie bisher."

Arbeit ist, Probleme zu lösen. Und weil wir immer Probleme haben werden, geht uns auch die bezahlte Arbeit nicht aus. Die Arbeit wandelt sich: Sie wächst in die gedachte Welt hinein: Nach Wissen suchen, das mein aktuelles Problem löst; etwas durchdenken und analysieren, um eine Entscheidung vorzubereiten; Inhalte aufbereiten und vermitteln; beraten, entwickeln, organisieren. Wir werden auch für einfachere Leute Arbeit haben, die höher Ausgebildete bei Routinen entlasten.


Nimmt kein Blatt vor den Mund: Publizist Erik Händeler
Foto: Wolfgang List

Sie stellen sich namhaften Wirtschaftswissenschaftlern entgegen und sagen: Es gibt einen 6. Kondratieff-Zyklus, mit dem die aktuellen Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft begründet werden können. Dann müssten die täglichen Nachrichten neu geschrieben werden?

Die Zukunft entsteht an den Knappheiten. Als die englischen Unternehmer im 18. Jahrhundert nicht mehr hinterherkamen, Bergwerke zu entwässern und Spinnräder anzutreiben, haben sie den wissenschaftlichen Mitarbeiter der Uni Edinburgh, James Watt, beauftragt, einen Dampfmaschine rentabel zu machen. Als der Mangel an Transport weiteres Wachstum verhinderte, musste die Eisenbahn gebaut werden. 

Als die Wissensflut explodierte und wir mit Zettelkästen nicht mehr hinterherkamen, musste der Computer vorangetrieben und weiterentwickelt werden. Alle diese grundlegenden Innovationen benötigten auch eine bestimmte Infrastruktur und bestimmte Organisationsmuster und Verhaltensweisen, um die aufgestaute Knappheit zu überwinden und die Wirtschaft stark wachsen zu lassen. 

"Nachdem der Computer sich weitgehend ausgebreitet hat, müssen wir den nächsten Aufschwung in der Knappheit von heute suchen."

Diese 40 bis 60 Jahre langen Strukturzyklen hat Schumpeter nach Nikolai Kondratieff benannt, der sie in den 20er Jahren in Aufsätzen beschrieb, übrigens auch auf deutsch. Damals hatten Dampfmaschine, Eisenbahn und der elektrische Strom lange Konjunkturzyklen getragen. Aus dieser Sicht stellt sich die Frage: Was ist jetzt knapp? In der Wissensgesellschaft wird die Arbeit so komplex, dass wir viel mehr als früher angewiesen sind auf das Wissen anderer. 

Auf diese Zusammenarbeit sind wir nicht vorbereitet, weil wir entweder bedingungslosen Gehorsam oder Ellenbogenindividualismus kennen, nicht die Universalethik, in der sich jeder nach seinen Gaben entfaltet, diese aber für das Gesamtwohl einsetzt und Respekt hat vor den berechtigten Interessen der anderen. 

Wenn Innovationen grundsätzlich wegen knapper Ressourcen entwickelt und eingeführt werden - und das war unter Hamburgs Kaufleuten auch immer so, warum sind Sie der Überzeugung, dass Gesundheit zum neuen "Flaschenhals" wird, und nicht die Energie?

Wenn Sie einen Mittelständler fragen: Was ist Dein größtes Problem? Dann wird er Ihnen nicht "Energie" nennen, außer er produziert Zement. Das größte Problem sind die Personalthemen: nicht die richtigen Leute finden, schon wieder einen Arbeitsgerichtsprozess führen, Kommunikationsschwierigkeiten. Und vor allem die Lohnnebenkosten: Dahinter stecken die Kosten für Pflege, Arbeitslosigkeit und Krankheitsreparatur, und die haben alle mit einem Mangel an Gesundheit zu tun, der im Lebensstil entsteht und in der Arbeitsweise. 

Der 6. Kondratieff-Zyklus: Information und Gesundheit
Grafik: Erik Händeler

Gleichzeitig hängt der Wohlstand vom produktiven Umgang mit Wissen ab, das berührt die seelischen Schichten, deswegen rückt psycho-soziale Gesundheit in der Vordergrund. Wenn jemand seelisch so verletzt ist, dass er Machtbeweise braucht oder Statusbesitz, um sich selbst für wichtig und wertvoll zu erachten, dann ist das unproduktiv. Der Wachstumseffekt ist nicht das zusätzliche Geld, sondern die höhere Produktivität und die längere produktive Lebensarbeitszeit. 

"Gesundheit wird Wachsuntsmotor, wenn wir den Stress aus dem Arbeitsleben nehmen und bei weniger Arbeitslast flexibler viel länger arbeiten."



Wenn jemand nicht mit Ende 50 Jahren halbtot frühverrentet werden muss, sondern bei weniger Arbeitslast mit Freude und weniger Arbeitszeit bis 67 oder 70 mitarbeitet, dann ist diese zusätzliche produktive Lebensarbeitszeit der Wachstumseffekt.

Wir haben heute eine Arbeitswelt, in der wir 20 Jahre in Bildung, Ausbildung und soziale Fähigkeiten investieren, um die Menschen 30 bis 35 Jahre später in Frühverrentung, Vorruhestand und "Hartz 4" zu schicken. Was muss sich aus Ihrer Sicht in unserem Arbeitssystem ändern?


Sieht Gesundheit als Schlüsselfaktor: Erik Händeler
Foto: Günther Lintl
Wie gesagt: Die zusätzlichen produktiven Lebensarbeitsjahre schaffen den Wohlstand. Wenn wir im Schnitt alle 90 werden, können wir nicht mehr mit 60 in Rente gehen Die ist eh hochtoxisch, sagen mir Ärzte. Wenn man eingebettet bleibt in die Entwicklungen, in den Kollegenkreis, weiter milde gefordert wird, mehr Pausen hat, dann trägt es zu meinem Wohlbefinden bei. 


"Psychosoziale Gesundheit, kooperative Streit- und Arbeitskultur, neue Organisationsformen der Arbeit. Auf die dafür nötigen Erfolgsmuster sind wir noch nicht ausreichend vorbereitet."

Das ganze Geheimnis ist, das wir weniger arbeiten werden, um länger arbeiten zu können. Die meisten Träume lassen sich nicht verwirklichen, wenn man in Rente ist, dafür muss man vorher Gelegenheit bekommen und in der Arbeit ein halbes Jahr aussetzen.

Sie sagen: Die nichtlineare Wissensarbeit mit unstrukturierten Informationen wird unseren künftigen Wohlstand ermöglichen. Planen und Entwickeln, Beraten, Organisieren und Probleme lösen stehen im Fokus - und damit das Einordnen von Wissen. Wie sieht das konkret aus?

Nehmen Sie an: Am Freitag Nachmittag geht eine Maschine kaputt, der zuständige Ingenieur soll sie reparieren. Wenn er es alleine versucht, wird es Montag und er hat den Fehler vielleicht immer noch nicht gefunden. Wenn er aber erst einmal herumtelefoniert, wer ihm helfen könnte, und jemand gibt ihm einen Tipp auf einen Spezialisten, der ihm die entscheidende Information gibt, dann hat er die Maschine am Freitag Nachmittag repariert und sie können weiter produzieren. 

"Die Arbeit wird künftig in Netzwerken organisiert werden, die nach tagesaktuellen Kompetenzen zusammengestellt werden."

Wohlstand ist in Zukunft nicht, noch härter zu arbeiten, sondern sich besser auszutauschen. Wenn wir ein Problem haben, haben wir nicht die Zeit, fünf Fachbücher durchzulesen. Wir müssen jemanden fragen können, der das getan hat, und in einer Minute erklären kann, was die Lösung ist. Wenn wir dann im Team von Spezialisten sind, wird die Fähigkeit entscheidend für den Wohlstand, unterschiedliche Kompetenzen zusammenzufügen, ohne sich in Seilschaften, Ego- oder Gruppenkriege zu verzetteln, sondern von der Sache und vom Gesamtwohl auszugehen. 

Wir werden Berufe bekommen, die 80 Prozent ihrer Zeit lesen, lernen und aktuell bleiben, während sie 20 Prozent ihrer Arbeitszeit aufwenden, um ihr tiefes Nischenwissen in den verbliebenen Rumpfmannschaften der Firmen anzubringen.

Geht den Ursachen auf den Grund: Zukunftsforscher Händeler
Foto: Erik Händeler

Die Produktivität einer Gesellschaft hängt immer von der Realwirtschaft ab, also nicht von Aktienkursen oder Zinsentwicklung. Wovon hängt dann die Produktivität in der Wissensgesellschaft ab, sprich, was ist der reale, entscheidende Erfolgsfaktor, den Standorte ausmachen werden?

Kapital können Sie überall auf dem Globus leihen, und sei es in Saudi-Arabien; eine Maschine kann jeder überall kaufen, Wissen vom Internet herunterziehen, sich einen Spezialisten in Paris mieten, seine Produkte weltweit vermarkten. Der einzige entscheidende Unterscheid wird die Fähigkeit der Menschen vor Ort, mit Wissen produktiv umzugehen.

"Mit Befehlen kann man Wissensträger einschüchtern, aber sie werden ihr Bestes dann schön für sich behalten."

Und das ist immer Umgang mit anderen Menschen die man unterschiedlich gerne mag, kennt oder mit denen man unterschiedlich viele berechtigte Interessensgegensätze hat. Die Kultur des Zusammenwirkens entscheidet den weltweiten Standortwettbewerb. Das hat auch mit den religiösen Wurzeln in der Geistesgeschichte zu tun.

Unsere Hamburg-Frage:

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier - und der ehrbare Hamburger Kaufmann ist dies seit nunmehr 800 Jahren. Welche Botschaft haben Sie an Hamburger Familienunternehmer und Politiker, damit die Wirtschaftshauptstadt Deutschlands auch in Zukunft erfolgreich bestehen kann?

Geht über den Eigennutz hinaus. Seid ehrlich über Eure Ziele und Eure Motivation, Streitet nicht zur Vernichtung des anderen, sondern um der Sache willen bezogen auf ein Projekt. Denkt langfristig. Produktiver Umgang mit Wissen benötigt Versöhnungsbereitschaft – wir werden es uns nicht leisten können, nicht mehr miteinander zu reden, wenn wir zerstritten sind. Leider streiten wir oft nicht, weil wir entweder schlecht streiten würden oder weil wir Status oder Positionen nicht in Frage stellen wollen. 

"Der einzig entscheidende Standortfaktor wird sein, wie groß die Fähigkeit der Menschen vor Ort ist, mit Informationen umzugehen."

Der Mensch möchte sich nicht ändern und will vor allem nur selbst bestätigt werden. Das ist zunehmend eine Wachstumsbremse. Ich bin da aber ein fröhlicher Marktwirtschaftler: Wer sich nicht an die neuen Regeln des produktiven Umgangs von Wissen zwischen Menschen anpasst, der ist halt weniger produktiv, bis der Buchhalter kommt und sagt: 'Oh, wir haben ein Problem …'


* * *

Herzlichen Dank für den visionären Ausblick!
Das Interview führte Thomas Keup

 Hamburg Digital Background: 

Vorstellung Erik Händeler mit Vortrag:
https://youtu.be/ELWXuIJUxfQ

Erik Händeler: Wie uns trotz Digitalisierung die Arbeit niemals ausgeht:
https://youtu.be/6nGnzoXOTBM

Fachbuch Erik Händeler: "Die Geschichte der Zukunft":
http://www.erik-haendeler.de/seiten/buch/zukunft.htm

"Wenn der Zyklus die Krise erklärt", SZ 2013:
www.erik-haendeler.de/download/sueddeutsche_zeitung_17-09-2013.pdf

Kondratieff-Zyklen in der Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kondratjew-Zyklus

Freitag, 18. Mai 2018

HANSESTARTUPS: Sperrig – dreckig – schwer: Movemates@Hackers & Founders

HAMBURG DIGITAL STARTUPS

HANSEVALLEY unterstützt ausgewählte Institutionen, Programme und Hochschulen auf dem Weg in das digital-vernetzte Hamburg. Mit "Hackers&Founders@work" hat HANSEPARTNER Hamburg@work eine Eventreihe für Startups ins Leben gerufen, um jungen Unternehmen eine Bühne für neue Kontakte und neues Business zu gewinnen. Das Tech-Startup Movemates war am Dienstag dieser Woche zu Gast bei 20Scoops. Eine Hamburg Startup Report von Gerd Kotoll:


Hamburger Transportunternehmer und ihr "Sofa-Taxi": Movemates
Foto: Movemates

Ein paar Paletten, aus denen sich Philipp John Mordecai, CEO von Movemates, ein Bett selbst bauen 
wollte, waren das Problem. Denn die Paletten warteten in Harburg, er in der Schanze. Bis er endlich einen Transporteur gefunden hatte, waren die Nächte noch unbequem. Und leider hatte er auch vergessen, eine Lieferung zu vereinbaren, die nicht an der Bordsteinkante endet, so dass er die Palette selbst in den dritten Stock wuchten durfte.

'Das muss doch auch besser gehen', war der Gedanke, der Philipp zusammen mit Freunden mit ähnlichen Erfahrungen zur Gründung von Movemates brachte. Dass ein Jahr Entwicklungszeit verdammt kurz ist, zeigten die ersten Praxiserfahrungen, die die vier Gründer seit Januar sammeln – und deswegen das Angebot weiter entwickeln und verfeinern: mittlerweile bekommt jeder Kunde seinen Transportwunsch innerhalb weniger Stunden per App vollständig organisiert, bezahlt und kann
getrackt werden.


Philip John Mordecai stellt Movemates vor.
Foto: Gerd Kotoll
Movemates: Kein Uber des Transportwesens

Damit entsteht die höchstmögliche Transparenz für die Kunden, aber auch die Transporteure, die
allesamt hauptberuflich agieren. „Deswegen sind wir auch nicht das Uber des Transportwesens“, was
Philipp auf Nachfrage betont. Tatsächlich gibt es aber schon erste Fahrer, die nur noch für Movemates tätig sind, aber immer auf eigene Rechnung. Wie bei anderen Diensten auch, hat Movemates weder eigene Fahrzeuge oder Fahrer, sondern stellt die Technologie per App als Plattform zur Verfügung, auf der Angebot und Nachfrage zusammen geführt werden – zum Festpreis.

Transportiert wird alles, was sperrig, dreckig und schwer ist – deswegen sind Parcel-Dienste kein Wettbewerb für movemates, auch nicht umgekehrt. Nach Abschluss der laufenden Finanzierungsrunde stehen die nächste Schritte konkret bevor: „Wir wollen wachsen, der Markt gibt das her“, beschreibt Philipp die Vision für Movemates. Und beziffert den Marktanteil mit rd. 40 Mrd. EUR, von dem sie ein Stück gewinnen wollen.

Seit einem halben Jahr arbeitet das Team mittlerweile hauptberuflich an Movemates und will
kurzfristig weitere Entwickler einstellen. Dann sollen auch weitere regionale Märkte in Deutschland, aber auch im europäischen Ausland erobert werden.

Wir wünschen viel Glück!

Volles Haus bei Hacker&Founders@work.
Foto: Gerd Kotoll

Hackers&Founders@work ist das Veranstaltungsformat von Hamburg@work, wo Gründer und erfahrene Unternehmer sich austauschen und Kontakte knüpfen können. Dabei präsentiert sich u. a. 20Scoops als Location Host. Dem fachlichen Input folgt reges Netzwerken bei Getränken und Snacks.


*  *  *


 Hamburg Digital Autor Gerd Kotoll: 

Als unabhängiger Makler berät und betreut Gerd Kotoll hauptberuflich Vereine, Verbände und Unternehmen in Fragen der betrieblichen Absicherung. Besonderen Fokus legt er auf junge Unternehmen und Startups. 

Parallel vernetzt er Entrepreneure mit potentiellen Partnern und Kunden - und berichtet von ausgewählten Events im Ökosystem der Hamburger Startup-Szene. Gerd Kotoll bei XING.

Die inhaltliche Verantwortung des Autorenbeitrags liegt beim Urheber.


 Hamburg Digital Background: 

Movemates Transportservice Hamburg:

Hackers&Founders@work - 12.06.2018:

20Scoops Venture Capital Hamburg:

Hamburg@work - Digital-Cluster Hamburg:

Mittwoch, 16. Mai 2018

HANSESTARTUPS: REOS - das digitale Betriebssystem für digitale Häuser

HAMBURG DIGITAL REPORT

Die Immobilienbranche im Jahr 2018: mit Betongold handelnde Goldgräber für die nächsten hundert Jahre? Oder die nächste Branche vor der digitalen Sturmflut? Während die Immobilienmanager der Hamburger Familienunternehmen auf das Bewährte setzen, hat sich ein pfiffiger Jung-Hamburger am Brandsdorfer Deich auf den Weg gemacht, Gebäude zu digitalisieren. Der Prophet der digitalen Immobilienzukunft hat unweit des künftigen Elbtowers umgesetzt, wovon Immobilienverwalter nicht zu träumen wagen. 


Schrecken aller Immobilienmanager: Das digitale Gebäudemanagement
Foto: REOS

Der Neubau eines digital-vernetzten Studentenwohnheims in Berlin-Schöneweide, ein rd. 10-köpfiges Entwickler- und Business-Team am Brandshofer Deich nahe der Hafencity und ein zielstrebiger Informatiker und Betriebswirt sind die Grundlage für das erste digitale Betriebssystem im Immobilienmanagement. Ein Hamburg Digital Report über REOS - das Real Estate Operating System:


Künftiges Carnaby Living House in Berlin-Schöneweide
Grafik: Carnaby Capital
Berlin-Schöneweide, Ostendstraße 27/Ecke Slabystraße, zwischen Hauptverkehrsachse An der Wuhlheide und der Spree: Auf 3.111 qm Wohnfläche lässt der Immobilienunternehmer Tom Leppin 172 Studentenzimmer für 53 künftige 2er- und 3er-WG's errichten. Das 2015 auf einem früheren Parkplatz im Gewerbegebiet nahe des Waldowplatzes geplante und für das Wintersemester 2018/2019 zur Eröffnung vorgesehene "Carnaby Living House" ist nicht etwa ein schnöder Neubau der Studenten der nahegelegenen Hochschule für Technik. 

Der gebürtige Brandenburger Betriebswirt Leppin hat vor dem Baubeginn 300 Studenten der HTW Berlin als potenzielle künftige Mieter des Studentenwohnheims befragt, was ihnen in einem solchen Haus auf Zeit besonders wichtig ist. Das Ergebnis: 1. schnelle Internetanbindung mit zuverlässigem WLAN, 2. ein Pauschalpreis inkl. aller Nebenkosten und Möblierung und 3. das ganze für unter 500,- € Mietpreis pro Monat. Für den Wahl-Hamburger war die Befragung keine Schnappsidee, sondern eine wichtige Analyse vor dem Hintergrund seiner beruflichen Erfahrungen.

Ein Kasten voller herrenloser Wohnungs- und Zimmerschlüssel

2015 war der Gründer der Berliner Immobilienentwicklungsgesellschaft Carnaby Capital parallel in Berlin als Berater beim ersten WG-Entwickler und -Vermieter Medici Living engagiert, lernte als Organisationsberater das Geschäft mit Wohngemeinschaften kennen. Eine Erfahrung aus dieser Zeit ist das umfassende Know how, was sich bei bewirtschafteten Immobilien alles nicht automatisieren lässt - angefangen bei unzähligen herrenlosen Wohnungs- und Zimmerschlüsseln in einer simplen Kiste.

In einer Word-Datei fasst Tom Leppin persönlich die 5 wichtigsten Herausforderungen aus seiner Zeit bei Medici Living zusammen. 
  • Ein besonderer Schmerz ist der Mietvertragsabschluss einschl. Bonitätsprüfung. Dazu kommen Bürgschaften, Kautionszahlungen und ein gültiges Konto für gerade aus dem Ausland hergezogene Studenten oder Arbeitnehmer. Im Moment viel Papierkram für Verwalter.
  • Bei 2.000 Mietvorgängen im Jahr für rd. 1.000 WG's an 7 Standorten mit jeweils 3-4 vermieteten Studentenzimmern ist das Schlüsselmanagement ein Schlüsselthema. Ausgabe, Verlust und Ersatz, Rückgabe und Übersicht sind mit einem Schlüsselbrett nicht wirklich effizient. Zudem platzen rd. 10% aller Schlüsselübergaben durch Terminkollisionen. 
  • Die Beschriftung von Klingelbrettern und Briefkästen ist ebenfalls ein Leidensthema. Können Briefe von Senat, Bezirksämtern oder GEZ nicht zugestellt werden, landen Meldeanfragen beim Vermieter - von Einschreiben, Rechnungen oder Paketen ganz zu schweigen. 
  • Kein Vermieter - weder von bewirtschafteten noch unbewirtschafteten Immobilien - kennt die aktuellen Verbrauchswerte für Strom, Kalt- und Warmwasser sowie Heizung seiner Mieter. Nicht selten kommen die Abrechnungen der Ablesedienste erst 9 Monate und später.
  • Zu guter Letzt sind alle Tätigkeiten rund um Ablesungen und Austausch, Wartung und Pflege für Aufzüge, Heizungen und Gasthermen, aber auch Installation und Wartung von Internet- und Telefonleitungen noch immer mit hohem personellen Aufwand der Verwaltungen verbunden.

Organisationsberater Tom Leppin kommt im Gespräch zum Ergebnis: "Dafür hatte ich nach 1 Jahr bei Medici Living keine Lösungen. Da konnte ich nicht sagen: 'Das Unternehmen ist gut aufgestellt'." Der nimmer müde Unternehmer stellt sich 2 entscheidende Fragen: 1. Was kann in eine digitale Lösung gegossen werden? und 2. Was gibt es an nützlichen Software- und Hardware-Tools? Das Ergebnis seiner Recherchen: Es gibt nur unterstützende Software und keine Vernetzung mit Hardware.


Während seiner Zeit beim Rechenzentrumsbetreiber Telefonica absolvierte der Jungunternehmer ein Duales Studium zum Informatiker. Aus seinem Know how als Spezialist für Operator-Netzwerke sowie als Projekt- und Servicemanager bei Telefonica sowie als Vertriebsmanager für Makler-Software bei Immowelt und später bei Immonet weiß der 29-Jährige, worauf es technisch ankommt. Aus seinen praktischen Erfahrungen bei Medici Living entwickelt er diesen Fragenkatalog:

Informatiker und Betriebswirt Tom Leppin
Foto: Carnaby Capital
  • Wo kann ich im Vermietungsprozess manuelle Revisionspunkte durch Vernetzung automatisieren?
  • Wo kann ich das Schlüsselmanagement durch programmierbare Chipkarten und Mobile Apps ersetzen?
  • Wie kann ich Klingelanlage, Briefkästen und Paketboxen per Fernsteuerung flexibel programmieren?
  • Wie kann ich Zähler digital vernetzen und möglichst automatisch auslesbar arbeiten lassen?
  • Wo und wie kann ich Vertragsmanagement und Kommunikation mit Mietern digitalisieren?

Das Lösungskonzept ist der klassische Ansatz in der Digitalisierung von Dienstleistungen: Ich lege einen digitalen Prozess horizontal über den Lebenszyklus des Mietverhältnisses - von der 1. virtuellen Besichtigung, der Kontaktaufnahme und den Vertragsabschluss, den Einzug und die Übergabe, die regelmäßigen Tätigkeiten zu Abrechnung, Wartung und Pflege bis zur Kündigung, dem Auszug und der Rückgabe des Mietobjektes. Anfang 2016 sucht Tom Leppin genau solch eine IT-Lösung für sein "Carnaby Living House" in Schöneweide - vergebens.

Am Markt gibt es lediglich Einzellösungen für einzelne Aufgaben, keine Lösung vernetzt einsetzbare Hardware mit bestehenden Software-Systemen. Kein System bietet eine zentrale Steuerung der elektronischen Möglichkeiten in einer modernen, digital-vernetzen Immobilie. Zudem handelt es sich meist um geschlossene Systeme, die der heutige Hamburger vorfindet. "Wir müssen für die Bewirtschaftung unseres Hauses in Berlin eine bessere Lösung finden", entscheidet Leppin.

Betriebskosten beeinflussen Beleihungswert und Verkaufswert

Digitales Immobilien-Management am PC
Screenshot: REOS
Ein cleverer BWL'er rechnet zunächst alles in einer Excel-Tabelle durch, bevor er davon überzeugt ist, dass er richtig liegt. Die Finanzierung und der spätere Verkauf seiner Immobilie in Berlin lässt Tom Leppin richtig hellhörig werden: Bei 70-80% Fremdfinanzierung des Wohnheims ziehen die Gutachter der Banken laut Beleihungswertverordnung bei bewirtschafteten Immobilien - wie Studenwohnheimen, Serviceappartments oder Altenheimen - bis zu 25% vom Beleihungswert = Kreditvolumen pauschal ab. Bedeutet: Für den Bau ist ein deutlich höheres Eigenkapital erforderlich.

Nach ähnlichem Prinzip geht es beim Verkauf der Immobilie zu: Zur Berechnung des Verkaufswertes werden von den Gesamteinahmen die Neben- und Verbrauchskosten sowie die laufenden Bewirtschaftungskosten abgezogen. Daraus ergibt sich eine Nettokaltmiete die bei einem Faktor 20 den Wert der Immobile bestimmt. Bei niedrigeren Bewirtschaftungskosten ergibt sich laut Adam Riese eine höhere Nettokaltmiete und somit ein höherer Verkaufswert und ... höherer Gewinn. Und genau an diesem Punkt schlägt das Herz von Informatiker und Betriebswirt Tom Leppin höher.

Konkrete nennenswerte Vorteile bei Kreditvergabe und Verkauf

In Gesprächen mit den Gutachtern der Banken kann Leppin durch geplante Digitalisierung und Automatisierung bei händischen Aufgaben wesentlich niedrigere Abzüge bei den Bewirtschaftungskosten erreichen. Neben dem direkten, Eigenkapital schonenden, Nutzen geht Leppin ein Licht auf: "Ich brauche einen betriebswirtschaftlichen Nutzen, warum ich das machen soll." Mit Baubeginn Anfang 2016 vergleicht der Perfektionist mögliche Komponenten am Markt, tauscht sich in der Branche über Ideen aus, einen Layer zu entwickeln, der für jeden Verwalter nutzbar sein sollte.

Auf dem Weg zum Betriebssystem für seine eigene Immobile stellt der Gründer und Kopf hinter der Hamburger Softwareschmiede REOS ein Lastenheft auf:

  • Ein digitaler Gebäude-Manager sollte für jeden Vermieter, Verwalter, Mitarbeiter und Mieter nutzbar sein.
  • Es sollte kein technisches Know how erforderlich sein, weil die Immobilienbranche keine Techo-Branche ist.
  • Die Hardware - wie WLAN, Zentral-Einheit, Schließanlagen, Anzeigen und Messegeräte - sollte in Bestandsimmobilien nachrüstbar sein.
  • Für die Nachrüstung sollte keine zusätzliche Verkabelung der Gebäude und ihrer Einheiten erforderlich sein.
  • Es sollten überschaubare Investitionskosten notwendig sein, um ein gebäudeeigenes System zu implementieren.
  • Die Kosten für das Immobilien-Betriebssystem müssen auf die Betriebskosten der Mieter umlagefähig sein.

9 Monate entwickelt das Team der REOS Software vom Brandshofer Deich vor allem an den notwendigen Schnittstellen, um alle Komponenten miteinander lauffähig zu machen. Herzstück des Betriebssystems ist ein Rasperry PI mit zuverlässigem und systemoffenem Linux-Betriebskern. Das Meisterstück der Hamburger Entwickler ist der digitalisierte Vermietungsprozess - von der Vertragsgestaltung über die Unterschrift, Bonitätsprüfung und Kautionshinterlegung bis zum Dokumentenmanagement. Für die Mieter nicht nur in Schöneweide heißt das, in Zukunft über ein Mieterportal und eine iOS- und Android-App mit ihrem Vermieter in Kontakt zu kommen.


Das A und O: Durchgängige Service-Prozesse
Grafik: REOS

Am 20. April d. J. war es soweit. Mit Projektentwicklern, Hausverwaltern, Assetmanagern und Interessenten von rd. 30 Firmen und Verbänden feierte REOS an der östlichen Spitze der Hafencity vis-a-vis des künftigen Elbtowers den Launch von REOS. Bis zum August d. J. soll das Vermieterportal stehen - inkl. automatisierter Erhebung und Abrechnung von Verbrauchsdaten in Echtzeit. Bis zum Jahresende soll die vollautomatische und digitale Nebenkostenabrechnung Wirklichkeit werden. Herausforderung sind dabei u. a. verschiedene Wärmequellen, unterschiedlich gemanagte Wirtschaftseinheiten und mehrere Grundstücke in einer Immobilienanlage.

White Label-Lösung, Kundenzugang & Value Added Service

Wenn REOS als Betriebssystem Gebäude managen wird, wenn sich die Plattform-Lösung zwischen Vermieter und Verwalter auf der einen Seite und Mieter auf der anderen Seite schiebt, welche digital-vernetzten Geschäftsmodelle sind dann mit einem umfassenden Digitalsystem noch möglich? Tom Leppin sieht neben der White Label-Lösung seiner Mieter-App als Kundenzugang eine Reihe von "Value Added Services". Dazu gehören z. B.  der Betrieb von Waschmaschinen und Wäschetrocknern in Gemeinschaftskellern, die Vermietung von Car Sharing-Fahrzeugen, der Betrieb von E-Ladesäulen oder die Integration von Lieferdiensten, wie Pizzaboten oder Dienstleistern, wie Reinigungsdiensten.


Kosten senken, Mieterzufriedenheit gewinnen, Werte steigern
Grafik: REOS 

Denken wir an Smart Building der Zukunft, können Echtzeitdaten aus dem Betrieb von Immobilien für die Optimierung von Versorgungs- und Versicherungsverträgen nützlich sein, z. B. bei Tag-/Nachtstromtarifen und Gebäudeversicherungen mit einer frühzeitigen Wasserschadensmeldung. Dazu kommen Forschungsprojekte z. B. zum Thema Smart City. So werden pseudomisierte und anonymisierte Daten aus Hamburg in einem Projekt des City Science-Lab der Hafencity Universität Eingang finden und die öffentlichen Daten des Smart City-Datenpools ergänzen. 

In der Hafencity, in Hamburg und um Hamburg herum ...


Stadtentwicklungsobjekt Hafencity an der Elbe
Foto: mediaserver.hamburg.de / DoubleVision
In die Zukunft geblickt, könnte das smarte Betriebssystem für smarte Immobilien ein spannendes Thema sein - z. B. für den ab 2030 auf dem benachbarten Grasbrook geplanten Innovationsstadtteil mit 3.000 Wohnungen für 6.000 Bewohner in intelligent-vernetzten Gebäuden. So werden laut Planungen 40% der Tiefgaragen-Stellplätze mit E-Ladesäulen ausgestattet und 30% werden generell für Car Sharing-Fahrzeuge reserviert sein. Vertreter der verantwortlichen Hafencity GmbH unter Leitung des Visionäres Prof. Jürgen Bruns-Berentelg sollen bereits bei dem 10-köpfigen Team am Brandshofer Deich gesichtet worden sein, berichten gut unterrichtete Kreise. Mehr kann dazu aber wohl im Moment noch nicht verraten werden ...

 Hamburg Digital Background: 

REOS Software:
www.reos-software.com

Carnaby Living House Berlin:
http://livinghouse.berlin/

CityScienceLab@HCU Hamburg:
www.hcu-hamburg.de/research/csl/

Innovationsstadtteil Grasbrook:
www.hafencity.com/de/news/grasbrook-ein-neuer-urbaner-stadtteil-fuer-hamburg.html