Mittwoch, 19. September 2018

HANSESTARTUP Recalm: Was laut ist, wird leiser ... und leiser.

HAMBURG STARTUP REPORT

Lärm macht krank. Wir leiden körperlich und geistig, wenn es zu laut wird. Schwerhörigkeit ist die zweitgrößte Berufskrankheit in Deutschland. Jeder 8. Bundesbürger leidet unter Hörschäden. Wer in der Stadt lebt, hat durch Straßenlärm schlechte Hörwerte, als Landbewohner. Marc von Elling kennt das aus eigenem Erleben. An der Hauptverkehrsachse zwischen Altstadt, Neustadt, Altona und Blankenese ist im Sommer die Hölle los.


Das Team der Hamburger Tech-Startups Recalm.
Foto: Recalm

Ein sechköpfiges Team um den Elektroingenieur hat den Kampf gegen Lärm auf Baustellen aufgenommen. Unterstützt von Airbus und Stadt startet das Tech-Startup Recalm jetzt durch - auf dem Weg zum Lösungsanbieter für schallbasierten Lärmschutz in Führerständen von Baggern und Landmaschinen. Ein Hamburg Startup Report - entstanden in einem lauten Zugabteil zwischen Hamburg und Berlin: 

Ein Montag-Morgen, im ICE 1518 von Berlin nach Hamburg. Im "Bahn Comfort"-Abteil macht es sich eine Gruppe junger Mädchen bequem. Die Sportlerinnen entertainen den halben Wagon. Im Business-Abteil stört das die Pendler zwischen Spree- und der Alstermetropole wenig. Sie haben große Kopfhörer auf, auf diesen bekannte Namen, wie "Bose" und "Beats". Das Geheimnis der Geschäftsreisenden heißt Active Noice Cancelling - kurz: ANC - und ist Standard im Kopfhörer jedes Vielfahrers. Ob schrille Reisegruppe, quängelnde Kleinkinder oder lautstarke Urlauber - mit einem Klick ist Ruhe.

Szenenwechsel: Donnerstag, 17. Mai, Hamburg Innovation Summit in Harburg. Wirtschaftssenator Frank Horch besucht die Ausstellung junger Unternehmen und visionärer Hamburger Hochschulprojekte in einer zugigen Garage des TU Tech-Gebäudes gegenüber dem künftigen Innovationsport am Harburger Hafen. Der interessierte Spitzenpolitiker setzt sich in die Kabine eines Kompaktbaggers und lässt sich die Arbeit des Hamburger Startups Recalm erklären. Was BahnCard 100-Nutzer in ihren Over Ear-Kopfhörern haben, gibt es auch in Kopfstützen von Fahrerhäuschen - inkl. Antischall. Und das ist eine Innovation für den Industriestandort Hamburg.


Wirtschaftssenator Horch im Demo-Bagger in Harburg.
Foto: HANSEVALLEY

Der Anfang des Hamburger Tech-Startups Recalm begann auf einer mit HANSEVALLEY befreundeten Matching-Plattform - Founderio. Der Hamburger HAW-Student Marc von Elling suchte auf der von Studenten der Berliner Gründerhochschule HWR initiierten Plattform nach Mitstreitern. 'Ich möchte die Lebensqualität durch Lärmminderung erhöhen', schrieb der Elektrotechniker frei von der Leber weg. Betriebswirt Lukas Henkel aus dem Rheinland blieb an der Recalm-Website hängen. Gesucht, gefunden - in weniger als 11 Minuten - und ohne Jahresabo. Lukas erzählt im Recherchegespräch, wie bei Co-Founder Marc alles mal losging.

Active Noise Cancelling: Schall hilft gegen Schall.

Sommer 20216, eine Wohnung oberhalb des Fischmarktes, dort wo der 112er Bus seinen Schlenker macht. Die Fenster bei schönsten Wetter offen lassen, das ist für den jungen Studenten der HAW eine Herausforderung. Bei fast 30 Grad mit einem "Bose QuietComfort 35" der Abteilung "Bahn Comfort" durch die Wohnung zu laufen ist nicht wirkliche eine Alternative. Dem sympatischen Techi kommt eine Idee: Das Grundprinzip Schall gegen Schall zu setzen, um die Ohren zu schonen, gibt es seit 1930. Wie wäre es dann, wenn das Prinzip auch ohne Kopfhörer möglich wäre? Eine Idee ist geboren.


Unterschied mit und ohne Recalm in der Baumaschine.
Grafik: Recalm

Beim Pitch-Event bei Airbus setzt sich das junge Team um den Embedded Systems-Spezialisten Marc gegen 90 Ideen aus 30 Ländern durch. Im Inkubator bauen sie ihr Team mit 3 Startuppern auf und werden über 6 Monate auf ihren weiteren Weg vorbereitet. Neben Büroflächen helfen den Gründern vor allem Workshops und Coaching. Ein Mentor aus dem Airbus-Management gibt ihnen wertvolle Tipps. Ralf Ressel, Ingenieur und langjähriger Entwicklungsleiter für Baumaschinen wird ihr 4. Mann. Bis heute gibt es ertrauensvolle Kontakte zu Airbus, auch wenn sich Recalm in eine eigene Richtung entwickelt. 

Vom Flugzeug zu Baumaschinen zu Bahnsitzen.

Das Nachwuchsunternehmen spezialisiert sich auf Bau- und Landmaschinen. Der Lärmpegel auf Baustellen und im Außeneinsatz ist vergleich mit dem einer startenden Passagiermaschine. Die Schlüsselfrage wird: "Wie können wir Baustellen leiser machen?" Co-Founder Lukas Henkel ergänzt: "Wenn wir einmal in einem Sitz einer Baumaschine präsent sind, können wir später vielleicht in einem Flugzeug- oder Bahnsitz oder dem heimischen Ohrensessel aktiv werden." Womit er der beste Freund von tausenden täglicher Bahn-Pendler zwischen Haupt- und Hafenstadt werden dürfte. Doch zunächst arbeitet das junge Team am Führerstand eines Bagger- oder Maschinführers.

Mit dem Exist-Gründerstipendium des Bundes i. H. v. 125.000,- € konnten die pfiffigen Jungunternehmer ab Mitte 2017 durchstarten und ihren Prototypen mit einer intelligent-vernetzten Kopfstütze und cleveren Lautsprechern zur Rauschunterdrückung weiterentwickeln. Ein Jahr später der erste Markterfolg: In einem mehrwöchigen Stresstest wird das Recalm-System im Stresstest bei einem Pilotkunden getestet. Ein System, das im Kern aus Fingernagel-großen Mikrofonen, 3 Zoll-Laursprechern, einer Hardware-Plattform leistungsfähigen Chips und einer intelligenten Betriebssoftware mit eigens entwickeltem ANC-Algorythmus der Harburger Tüfftler.


Keine Kopfhörer, keine Kopfschmerzen, kein Hörschaden.
Grafik: Recalm

Nach dem Exist-Gründerstipendium unterstützt auch die Stadt Hamburg die visionären Gründer - fast mit dem Höchstbetrag der IFB-Gründerförderung "InnoRampUp". Dabei entwickeln sich die Profis  der IFB Innovationsstarter GmbH zugleich zu Sparrings-Partnern mit Rat und Tat. Der 28-jährige Wahl-Hamburger Lukas freut sich, ganz vorn dabei zu sein: "Es ist ein Produkt, dass die Leute gebrauchen können." Jetzt geht es um den ersten Pilotkunden. Bereits im nächsten Jahr wollen die zukunftsweisenden Hamburger auf der weltgrößten Baumaschinenmesse "Bauma" in München präsentieren, ihre Neuheit der Branche demonstrieren und Kontakte für Projekte gewinnen.

Ein Unternehmen aufbauen statt Bullshit-Bingo.

Im Gegensatz zu Hype-Statups an de Spree sehen die Recam-Gründer durchaus einen Fokus auf mittelständische Familienunternehmen unter den Baumaschinenherstellern, und nicht nur Marktführer, wie Caterpiller, John Deere und Kumastu. In ihrem Marketing beschränkt sich das heute 6-köpfige Team vor allem auf Messebesuche zur Vernetzung sowie auf die Teilnahme an Seminaren und Tagungen. Das Team aus 3 Wirtschafts-/Ingenieuren und 1 Betriebswirt plus Praktikanten hat sich auf den Weg gemacht. Co-Founder Lukas gibt uns als Inside mit: "Uns wird zurückgespielt, sehr gemischt aufgestellt zu sein." Und schließt mit den hoffnungsvollen Worten: "Das ist kein Projekt, dass 6 Monate laufen soll. Wir wollen organisch ein Unternehmen aufbauen." Wir nennen das ein echtes HANSESTARTUP.





* * *

 Hamburg Digital Background: 

Recalm Hamburg:
www.recalm.com

Active Noise Cancelling, ANC:
www.itwissen.info/ANC-active-noise-cancelling-ANC-Verfahren.html

--

Hamburg Innovation Summit:
https://hamburg-innovation-summit.de/

IFB Innovationsstarter:
https://innovationsstarter.com/

Sonntag, 9. September 2018

HANSEPERSONALITY Prof. Dr. Olga Burkova: Digitalisierung zur Bewältigung von Herausforderungen.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

"Die Hochschulen haben Ihr Geschäftsmodell verloren", sagt TU-Präsident Hendrik Brinksma zum 20-jährigen Jubiläum des Northern Institute of Technology, NIT. Der Informatikprofessor spitzt zu: "Wir haben als Hochschulen das Wissensmonopol verloren." Wenn das Wissen der Welt bei Google zu finden ist, welche Aufgabe haben Hamburgs Hochschulen im digitalen 21. Jahrhundert? 


Bringt die HAW Hamburg auf Zukunftskurs: Prof. Dr. Olga Burkova
Foto: HAW Hamburg/Paula Merkert

"Die Hochschulen haben die Aufgabe, die Entwicklung zu begleiten und zu hinterfragen", sagt die HAW-Vizepräsidentin für Digitalisierung Olga Burkova. Sie sieht die Digitalisierung für die HAW Hamburg als ganzheitliche Aufgabe - und präsentiert die Zukunftsstrategie für die 4. größte Fachhochschule Deutschlands. Unser HANSEPERSONALITY ist Prof. Dr. Olga Burkova:

Sie sind seit 2011 Professorin an der HAW Hamburg im Department Soziale Arbeit - mit Schwerpunkt auf Beratung und Case Management. Sie sehen die Welt nicht nur in Tools und Schnittstellen, sondern die kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen. Hand aufs Herz: Wie weit geht die Transformation in einer Hochschule mit Fakultäten für Design, Medien und Information, Life Science, Technik und Informatik sowie Wirtschaft und Soziales?

Digitalisierung führt zu komplexen gesellschaftlichen Veränderungen, die zunehmend alle Bereiche unseres Lebens prägen. Hochschulen stehen vor großen Herausforderungen, den digitalen Wandel aktiv mitzugestalten – und ihre Absolventinnen und Absolventen als digital mündige Zukunftsträger zur differenzierten, lösungsorientierten und kreativen Mitgestaltung zu befähigen. Ich sehe Hochschulen in der Verantwortung, Phänomene der digitalen und gesellschaftlichen Transformation kritisch zu begleiten und Lösungen bzw. Handlungsempfehlungen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik aufzuzeigen. Aus diesem Grund hat die HAW Hamburg die Digitalisierung in ihre strategische Hochschulentwicklung aufgenommen.


"Digitalisierung gelingt dann, wenn sie konkrete Lösungsansätze bietet."


Prof. Burkova mit Journalisten im neuen Lab für 3D Laserschweißen.
Foto: HANSEVALLEY
Als Vizepräsidentin für Digitalisierung sehe ich die Transformation unserer Hochschule nicht nur als technische Modernisierung. Die HAW Hamburg kann sich m. E. als Kompetenzpartnerin in Fragen der Digitalisierung in der Metropolregion Hamburg noch stärker etablieren und mit nachhaltigen Lösungen in die Gesellschaft hinein wirken. Mit unserem sehr breiten Spektrum an Fachdisziplinen an vier Fakultäten, die einen starken Anwendungsbezug haben, werden wir unser Potenzial nutzen, um an komplexen Fragestellungen der Digitalisierung interdisziplinär zu arbeiten. Denn Digitalisierung gelingt dann, wenn sie konkrete Lösungsansätze bietet. Dabei wollen wir das Potential der Chancen voll ausschöpfen aber auch die möglichen Risiken adressieren.

Bislang standen fachliche Kompetenzen in der Lehre im Mittelpunkt. Mit der Übernahme logischer Tätigkeiten durch Computersysteme werden soziale Kompetenzen im Berufsleben entscheidend. Projekte und Prozesse werden auf organisatorischer, technischer und kaufmännischer Ebene immer komplexer. Sie appellieren, soziale digitale Kompetenzen zu erlangen, um fit zu bleiben. Was heißt das?

Der Bedarf an gut ausgebildeten Absolventinnen und Absolventen mit fachspezifischen digitalen Kompetenzen, die im Mittelpunkt der Lehre stehen, ist weiterhin hoch und wird in Zukunft vermutlich noch steigen. In mehreren aktuellen Studien werden so genannte "soft digital skills“ als wichtiger und entscheidender eingeschätzt, als reine fachspezifische Kompetenzen. In Anbetracht der steigenden Komplexität in Projekten und Prozessen sollen sozial-kommunikative digitale Kompetenzen in der Lehre eine wichtige Rolle spielen.


Digital Soft Skills: Lebenslanges Lernen, Problemlösfähigkeit, Umgang mit Unsicherheit.

Welche Kompetenzen sind damit gemeint und wie können diese vermittelt werden? Zu den "soft digital skills" gehören z.B. Lernkompetenzen, selbstgesteuertes, lebenslanges Lernen, Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten, kreatives Denken und der Umgang mit Komplexität und Unsicherheit. Unsere Studierenden werden durch projektbezogene und interdisziplinäre Lehrangebote zur zunehmend interdisziplinären und digitalen Zusammenarbeit befähigt, um den Anforderungen wie Offenheit, Transparenz und Kollaboration im Berufsleben zu begegnen.

Die HAW hat an den drei Standorten Berliner Tor, Finkenau und Bergedorf mehr als 460 Mitarbeiter/innen in Technik und Verwaltung, rd. 380 wissenschaftliche Mitarbeiter/innen, gut 550 Lehrbeauftragte und rd. 390 Professor/innen. Wie können Sie die Digitalisierung in der Organisation HAW mit den Bereichen Lehre, Forschung und Transfer, Weiterbildung und Verwaltung initiieren und implementieren?


Wie jede andere Einrichtung müssen wir uns intern mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen. Im ersten Schritt haben wir eine interne hochschulweite Bestandsaufnahme in den Bereichen Lehre, Forschung, Weiterbildung und Verwaltung durchgeführt, um festzustellen, wo wir bezüglich der Digitalisierung stehen. Daraus haben wir dynamische Entwicklungsprojekte in den jeweiligen Bereichen initiiert. Die Optimierung und Digitalisierung von kundenintensiven Verwaltungsprozessen, die Bereitstellung der digitalisierten Forschungsinfrastruktur sind einige Beispiele dafür.


Lösungsideen zur zukunftsweisenden Gestaltung der Lehr-Curricular

Im Bereich der Lehre haben wir einen weiteren dynamischen Prozess durch den gewonnenen Zuschlag des „Hochschulforums Digitalisierung“ in Gang gesetzt. Im Rahmen der hochschulweiten Peer-to-Peer-Strategieberatung setzt sich die HAW Hamburg als eine von sechs bundesweit ausgewählten Hochschulen mit Fragen der Weiterentwicklung unserer Studiengänge und der entsprechenden Vorbereitung von AbsolventInnen auf die Anforderungen der digitalen Arbeits- und Lebenswelt auseinander. Wir erhoffen uns dadurch die gemeinsame Erarbeitung ganz konkreter Lösungsideen zur zukunftsweisenden Gestaltung der Lehr-Curricular im digitalen Zeitalter, die wir hier an der HAW Hamburg umsetzen wollen.

Ihr Haus ist nicht nur eine staatliche Fachhochschule, sie ist auch durch Projekte und Initiativen mit Wirtschaft und Gesellschaft der Freien und Hansestadt verbunden, z. B. mit der Informatik-Plattform "Ahoi Digital". Wie kann eine große und vielfältige Einrichtung in Hamburg und der Metropolregion den Wandel zusammen mit Wirtschaft, Politik und Hamburger Bürgergesellschaft gestalten - und nicht nur im eigenen Haus?

An der HAW Hamburg finden bereits viele Projekte und Initiativen in Kooperation mit Wirtschaft, Politik und Bürgergesellschaft statt. Das thematische Spektrum dieser Vorhaben reicht von Mobilitätsfragen, 3D-Druck, neuen Geschäftsmodellen bis zur digitalen Kommunikation und Fragen der digitalen Teilhabe. Wir arbeiten an vielen Themen, die die Metropolregion bewegen. Dieses muss sichtbarer werden, um auch andere zu beteiligen, sich zu vernetzen und andere profitieren zu lassen.

Bestehende Aktivitäten sichtbar machen & öffentliche Dialogformate initiieren

Digitalisierung setzt voraus, dass man entsprechend kommuniziert. Ich sehe meine Aufgabe darin, bestehende Aktivitäten sichtbar zu machen, aber auch Kanäle und Formate zu identifizieren, die uns ermöglichen, unsere Themen gut zu platzieren. Die Idee ist dabei, vor allem Dialogformate für die Öffentlichkeit an der Schnittstelle Hochschule – Wirtschaft – Gesellschaft – Politik zu drängenden relevanten Themen im Bereich der Digitalisierung in Hamburg auszubauen.

Professoren werden in einer heterachischen Gesellschaft zu Coaches, Vorlesungen zu gesellschaftlichen Diskursen, wie wir in Zukunft arbeiten und leben wollen. Gehen wir über den Dialog mit der Gesellschaft hinaus in die Vernetzung mit unternehmerischen und gesellschaftlichen Feldern, wie den Bildungssektor, Industriezweige oder die Gesundheitswirtschaft: Wie kann sich die HAW in Hamburg und der Region vernetzen - und damit Diskurse für unsere Zukunft initiieren?


Steht der Presse offen Rede und Antwort:
Digitalisierungs-Vizepräsidentin Burkova.
Foto: HANSEVALLEY
Vernetzung mit regionalen und überregionalen Akteuren und Akteurinnen ist eine weitere strategische Aufgabe. Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug zur Bewältigung von aktuellen Herausforderungen und Bedarfen. Unsere vielfältigen Digitalisierungsaktivitäten zielen darauf ab, gemeinsam mit der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik Lösungen für die Stadt Hamburg und darüber hinaus zu entwickeln. Deshalb wollen wir mit den wichtigen Stakeholdern bestehende Bedarfe identifizieren und entsprechende bedarfsgerechte Kooperationen sowohl regional und überregional als auch international angehen.


Bedarfsgerechte Kooperationen mit Gesundheitswesen, Industrie, Arbeit und Bildung

Denn genau in solchen anwendungsorientierten Vorhaben liegt die Stärke unserer Hochschule als Deutschlands viertgrößte Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Durch eine breite Disziplinaufstellung können wir gezielt bedarfsgerechte Kooperationen in unterschiedlichen Bereichen z. B. Gesundheitswesen, Industrie, Arbeit und Bildung angehen. Wir brauchen eine Art responsive Digitalisierung, die Antworten und Lösungsansätze auf gesellschaftsrelevante Fragen liefert.

Am 2. Mai 2017 wurde Micha Teuscher als neuer Präsident der HAW Hamburg vereidigt. Der Wirtschaftswissenschaftler  und Agrarökonom hat die Veränderungen an der HAW Hamburg mit Ihnen als Vizepräsidentin für Digitalisierung aktiv eingeläutet. Wie wichtig ist das "digitale Führungsduo" Teuscher-Burkova, die 4. größte Fachhochschule Deutschlands mit rd. 17.000 Studierenden in mehr als 75 Studiengängen auf Zukunft auszurichten?

Der Strategiebildungsprozess kann nicht nur top-down umgesetzt werden. Wir haben einen Digitalisierungsbeirat, der aus relevanten Vertreterinnen und Vertretern der Hochschule wie CIO, Stabstelle Forschung und Transfer, E-Learning-Beauftragte, Arbeitsstelle für Studium und Didaktik, Weiterbildung, Diversity u. a. besteht. Die Mitglieder des Digitalisierungsbeirats beraten die Hochschulleitung bei der Entwicklung von identifizierten strategischen Handlungsfeldern.


Forschen und Lehren im digitalen Zeitalter + Hochschule für die Transformation der Region

Bundesweit lassen sich zwei Tendenzen bei der strategischen Einführung der Digitalisierung an Hochschulen beobachten: Digitalisierung als Modernisierung der Hochschulen im Sinne einer technischen Innovation und als Profilierung der Einrichtung mit dem transformativem Aspekt. Die HAW Hamburg verfolgt beide Ziele, sowohl die Bereitstellung einer Infrastruktur, um im digitalen Zeitalter zu forschen und zu lehren, als auch eine thematische Profilschärfung unsere Hochschule.

Ich denke, weder Top-down noch Bottom-up eignen sich dabei als Vorgehensweisen. Als „digitales Führungsduo“ sprechen wir uns ganz klar für einen integrativen Ansatz aus – mit dem Ziel, durch klare strategische Überlegungen möglichst viele Kolleginnen und Kollegen mit ihren Digitalisierungsideen mitzunehmen. Nur auf diese Weise kann uns gelingen, den digitalen Kulturwandel an unserer Hochschule in Gang zu setzen. Das eigentliche zentrale Element der Digitalisierung ist dieser digitale Kulturwandel.

Unsere traditionelle Hamburg-Frage: 


Die HAW Hamburg ist Partner für angewandte Lehre und Forschung. Olaf Scholz hat in seiner Übersee Club-Rede im vergangenen Jahr die Entwicklung der Stadt zum Wissenschaftsstandort ausgerufen. Alt-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi hat bereits 1983 im Übersee Club pointiert, dass die Zukunft Hamburgs an Land liegt. Wie gut sind Hamburger Politik und die Wissenschaftseinrichtungen auf Zukunft eingestellt - und wo wünschen Sie sich mehr Engagement?


Ich denke, dass in den letzten Jahren in Hamburg viele Projekte initiiert wurden. Auch hochschulübergreifende Aktivitäten wie ahoi.digital, Hamburg Open Online University (HOOU) und Hamburg Open Science (HOS) zeigen, dass die Politik und Wissenschaftseinrichtungen an wichtigen Themen arbeiten. Nicht selten habe ich jedoch den Eindruck, dass die Aktivitäten in der Stadt parallel laufen und die notwenige Vernetzung nicht in allen Fällen gegeben ist. Durch eine starke Vernetzung können die zentralen Player der Digitalisierung die Bedarfe der Stadt identifizieren und darauf gezielt reagieren.


"Die Rolle der Wissenschaft für die Weiterentwicklung der Stadt sehen."


Hat klare Botschaften an die Akteure der Stadt:
Vizepräsidentin Prof. Dr. Olga Burkova
Foto: HANSEVALLEY
Dabei können die Hochschulen eine wichtige Rolle spielen. Wenn man Hamburg als Wissenschaftsort etablieren möchte, sollte man die wissenschaftliche Expertise der Hochschulen bei der Auseinandersetzung mit zentralen gesellschaftlichen Themen stärker nutzen. Ich wünsche mir, dass die Rolle der Wissenschaft für die Weiterentwicklung der Stadt gesehen wird und das Potenzial der Hochschulen eine stärkere Förderung durch die Politik erfährt.

*  *  *

Herzlichen Dank für die Einordnungen!
Das Interview führte Thomas Keup.

 Hamburg Digital Background: 

HANSEPERSONALITY Prof. Dr. Tilo Böhmann: Digitalisierung ist richtig umparken im Kopf
hh.hansevalley.de/2018/05/hansepersonality-tilo-boehmann.html

HANSEEDUCATION: Eine Digitale Toolbox für die Hamburger Wirtschaft
hh.hansevalley.de/2017/11/hanseeducation-digital-toolbox.html

HANSECITYLIFE: Digitale Flüchtlingshilfe mit dem CityScienceLab der HafenCity Universität
hh.hansevalley.de/2017/08/hansecitylife-citysciencelab.html

HANSEPERSONALITY Dr. Uve Samuels: Global, dual, digital - Made in Hamburg
hh.hansevalley.de/2017/03/hansepersonality-uve-samuels.html

--

Department Informations- und Elektrotechnik - Labore, HAW Hamburg:
haw-hamburg.de/ti-ie/labore.html

Creative Space for Technical Innovations, HAW Hamburg:
csti.haw-hamburg.de/

Hightech-Labor 3D Space, HAW Hamburg:
3dspace-hamburg.de/3dspace.html

Hochschulforum Digitalisierung, HFD:
hochschulforumdigitalisierung.de/de

--

Ahoi Digital - Informatik-Plattform:
uni-hamburg.de/newsroom/forschung/2017-10-25-ahoi-digital.html

Hamburg Open Online University, HOOU:
hoou.de/

Hamburg Open Science, HOS:
hamburg.de/openscience/

--

Symposium “Digitalisierung und Nachhaltigkeit: Chancen und Perspektiven für deutsche Hochschulen“, HAW Hamburg:
haw-hamburg.de/fileadmin/user_upload/FakLS/07Forschung/FTZ-ALS/Veranstaltungen/_PDF/SDGs.Forschungskolloquium2019.pdf

Donnerstag, 6. September 2018

HANSESTARTUPS: Acceleration - ein wenig wie "Zuckerbrot und Peitsche".

HAMBURG STARTUP REPORT

Das Startup-Business - geprägt von Inkubation, Acceleration und Funding. Venture Capital Geber und ihre Spielregeln dominieren die Szene. Schnelles Wachstum und die Verdoppelung des Unternehmenswertes als 18 bis 24 Monate gehören zur Pflicht. Startup-Brutkästen schleifen alle 3 bis 6 Monate neue Kandidaten durch Standard-Programme mit Business Modelling für Massenmärkte. Nach dem Demo Day ist meist Schluss, wie "halbtote" Startups nicht nur des Next Media Accelerator & Co. zeigen.


Speedup Europe in Hamburg: 100 Teams, 80% Erfolgsquote
Foto: Speedup Europe

Wer gründet, braucht mehr als 6 Monate Support. Wer gründet, braucht mehr als Standardfloskeln. Wer gründet, braucht einen Plan. Die Europäische Union weiß das. Mit dem Programm "Speed Up Europe" setzte sie auf Nachhaltigkeit bei der Förderung: 100 Startups wurden über 9 Monate begleitet. Nur 80% packten das intensive Programm aus Prototyping, Validierung und Markterschließung. Am Ende standen echte Kunden, echte Umsätze und echte Markterschließung. Vorbild für Hamburg und die Region? Ein Hamburg Startup Report.

Stefan Stengel ist kein Startupper, wie er im Bilderbuch steht: kein Hoodie und keine Skimütze, kein Hipster-Bart und keine Nerdbrille. Auch keine Ringelsöckchen und bunte Sneaekers. Der in Hamburg und Lübeck engagierte Berater würde bei Acceleratoren bzw. Inkubatoren bekannter M&A-Berater glatt als nicht imagekonform durchfallen. Dennoch steht auf seiner Visitenkarte 'Programm-Manager Accelerator'. Mit dem deutschen "Speedup Europe" Hub in Ottensen hat er bewiesen, das Startupförderung nachhaltig geht. 

Von September 2014 bis November 2015 ging es erstmals los. 96 Teams aus 13 Ländern Europas starteten zur 9-monatigen Reise in die Zukunft. 82% überlebten die jeweils 3-monatigen Entwicklungsstufen. Mit bis zu 30% "Verlusten" kalkulierten die Organisatoren. 2/3 der beteiligten Jungunternehmen sind auch 3 Jahre nach dem Start von "Speedup Europe" noch live, eine Quote bei der Hamburger Acceleratoren nicht mithalten können dürften. 


Hippstertum geht anders: Präsenzpflicht im "Speedup" Hub Hamburg
Foto: Speedup Europe

Kein "Bronze-Status" mit warmem Händedruck und Abzocke

Der Accelerator setzte auf Zukunftsthemen, wie Energie, Smart City und Mobility. Die betreuten Teammitglieder kamen aus ganz Europa, von Schweden über Deutschland und die Niederlande bis nach Großbritannien, von Frankreich und Italien bis Spanien. Bis heute sind über 60 Teams allein im Hamburger Hub dabei gewesen. Startups, die für das EU-Programm ausgewählt wurden, bekamen 50.000,- € pro Team. Einen "Bronze-Status" mit warmem Händedruck und abgezockten Firmenanteilen gab es nicht. 

Der Accelerator kümmerte sich über die 9 Monate vor allem um 2 Schlüsselfragen: 


Wo stecken die digitalen Geschäftsmodelle? 
Wie verdienen wir in Zukunft unser Geld?

200 Coaches begleiteten die fast 100 Teams. Dabei sind rd. 100 Expertenvorträge über die 9 Monate verpflichtend gewesen. Nicht genug: Hinzu kamen Coachings mit Bewertung durch die Coaches und Workshops zu allen Schlüsselthemen. Märchen, wie von NMA-Personal verbreitet, konnten hier nicht die Runde machen. Jedes Team musste wöchentliche Reports schreiben. Dazu kamen Reviews, ob es Probleme von Startuppern, den Teams oder den Startup-Projekten gab.

Hinzu kam die Bewertung der Pitches und die aktive Arbeit im Hub. Und die war zu 50% verpflichtend. Bei 3 Teammitgliedern hieß das 60 Stunden Präsenzzeit für das Team pro Woche. Hub-Leiter Stefan Stengel hatte selbst 16 Teams im Batch betreut. Entsprechend hoch war der Ergeiz des Unternehmers: "Ich wollte alle meine Teams durchbringen". Offenherzig gibt er zu: "Das hat schon was von Zuckerbrot und Peitsche." Damit gehört das EU-geförderte Programm eher nicht zu freiwilligen "Sperrholzmöbel-Fraktion".

Mit "Zuckerbrot und Peitsche" zum nachhaltigen Erfolg.

Die 30 besten Teams konnten sich nach 9 anstrengenden Monaten über die Chance auf die ganz große "Möhre" freuen. Im Rahmen der ECFI European Conference wurden die 5 besten Startups Europas gekührt. Mit Preisen von 50.000,- bis 200.000,- €. Krönender Abschluss des Batches war eine 1-wöchige Fahrt mit 45 Teilnehmern ins Silicon Valley einschl. Besuch einer Lean Startup-Konferenz. Eine gute Gelegenheit, nach erfolgreicher Entwicklung des eigenen MVP schon mal internationale Luft zu schnuppern.


Kennt das Startup-Business:
Unternehmer Stefan Stengel
Foto: Stefan Stengel
Der erfahrene Gründer Stefan Stengel betont, dass Startupper mit dem Habitus eines Elite-Absolventen bei "Speedup Europe" so gut wie nie zu finden waren - und kaum eine Chance hatten. "Quick & Dirty" war durch die 6-monatige Vorphase mit Auswahlprozess bei diesem Programm praktisch nicht möglich. Damit ist "Speedup Europe" für schnelle Geschäftsmodelle, entsprechend fokussierte Gründer und Investoren eher nichts. A und O des Programms war vor allem die Bereitschaft zur nachhaltigen Zusammenarbeit. 

Größte Motivation: Die Welt ein bisschen besser machen.

So kann der Hamburger Hub-Manager mit Stolz berichten, dass 3/4 der Teilnehmer aus dem Programm 2014/2015 es nicht gemacht haben, um reich zu werden. Statt dessen herrschte große Motivation, die Welt ein bisschen besser zu machen. So ist es kein Wunder, dass zahlreiche Geschäftsmodelle aus den Bereichen CleanTech und Smart City stammen. Beispiele aus Hamburg sind z. B. das Erfolgsstartup "Breeze" mit seinen Luftsensoren, aber auch "FashionCloud", die 2015 die Siegerprämie des EU-Ausscheids von 200.000,- € nach Hause holten.

Die Europäische Union ließ sich das Programm einiges kosten: 5,5 Mio. € investierte die EU in eine "Speedup Europe". 5,0 Mio. € flossen in die Startups, dazu eine halbe Million Euro Preisgeld des European Top-5-Awards. Auf die weitere Entwicklung angesprochen, hat der Hamburger Hub-Leiter eine klare Vorstellung, wo er hin will: Anfang kommenden Jahres gibt es nach "Speedup"-Vorbild einen Nachfolger mit 15 Teams bei uns in der Region - in Lübeck, unterstützt vom Land und den Clustern für Food und Life Science, Logistik und Smart City.


Lübeck - Heimat des neuen nachhaltigen EU-Accelerators 2019
Foto: mediaserver.hamburg.de / Geheimtipp Hamburg

Nach dem Bericht über die Hamburger Durchlauferhitzer fragten Leser: Wie können Alternativen zu den Next Acceleratoren aussehen? Die HANSESTARTUPS-Empfehlung sind intensive und nachhaltige Programme. Das neue Programm in Lübeck kann eine Alternative werden zu Abzocke, Bullshitting und Startups allein lassen. Und da lohnt sich vielleicht auch die Fahrt in die Hansestadt 45 Minuten vor den Toren unseres ehrbaren aber nicht immer nur nachhaltigen Hamburgs. Wäre nicht das erste Mal, das Hamburg seine Chancen verschläft. Wir werden berichten.

Hamburg Startup Background:

HANSESTARTUPS: Next Acceleratoren - Die Durchlauferhitzer des Bodo Kraeter.
hh.hansevalley.de/2018/08/hansestartups-next-acceleratoren.html

HANSEINVESTIGATION: Die Startup-Abzocke von Harburg.

hh.hansevalley.de/2018/01/hanseinvestigation-tutech-teil3.html

 Hamburg Digital Background: 

Stefan Stengel, Hamburg/Lübeck:
https://tec.tours/ueber-uns/

"Speedup Europe" - Hub Hamburg:
teams.speedupeurope.eu/?jetpack-portfolio-tag=hub-hamburg

European Community Foundation Initiative - ECFI:
communityfoundations.eu/home.html