Sonntag, 28. April 2019

HANSEEXKLUSIV Staatsrat Jan Pörksen: Die Dienstleistungen des Staates vom Nutzer her denken.

HAMBURG DIGITAL SPEZIAL

Staatsrat Jan Pörksen verantwortet in der Senatskanzlei die Digitalisierung.
Foto: HANSEVALLEY

Die "beste digitale Verwaltung Deutschlands" bescheinigt das E-Government-Zentrum des Fraunhofer Instituts FOKUS dem Senat. Hamburg ist eine der digital zukunftsweisend aufgestellten Städte der Republik - mit Breitbandvernetzung, 5G-Testbett und autonomem Fahren in der Millionenstadt. Die wachsende Stadt wird zur Smart City.

Das Hamburg Digitalcluster Hamburg@work und das Hamburg Digital Magazin HANSEVALLEY haben den zuständigen Staatsrat in der Senatskanzlei zu Strategie, Umsetzung und Herausforderungen Hamburgs auf dem Weg zur digitalen Metropole befragt. Ein exklusives Hamburg Digital Spezial mit Staatsrat Jan Pörksen:

In Sachen Digitalisierung belegt Hamburg regelmäßig Spitzenplätze bei Vergleichsstudien, zuletzt als „beste digitale Verwaltung“ im „Deutschland-Index der Digitalisierung“. Ist Hamburg im Vergleich zu anderen Städten und Bundesländern tatsächlich so weit vorn? 

Es gibt in Hamburg bereits eine ganze Reihe von Verwaltungsdienstleistungen, die online verfügbar sind. Außerdem haben wir in unserer Stadt im Hinblick auf die Infrastruktur beste Voraussetzungen, etwa durch eine gute Breitbandversorgung. Unter anderem trägt dies dazu bei, dass Hamburg schon jetzt als digitale Stadt wahrgenommen wird. Allerdings wissen wir, dass es keinen Anlass gibt, sich auf den Erfolgen auszuruhen. Es ist nach wie vor viel zu tun, viele große Aufgaben liegen noch vor uns. 

Peter Tschentscher hat in seiner "Bürgermeister-Rede" vor dem Übersee-Club am 5. Februar d. J. pointiert, dass die Megatrends Digitalisierung und demografischer Wandel "das Leben in Hamburg grundlegend verändern". Wie kann der Hamburger Senat mit seiner Senatskanzlei an der Spitze diese Entwicklungen aktiv begleiten und positiv steuern?

Wir haben den Themen IT, E-Government und Digitalisierung schon immer eine große Bedeutung beigemessen. Deshalb wurden die Kompetenzen in der Senatskanzlei, im Amt für IT und Digitalisierung, an zentraler Stelle gebündelt. Wir entwickeln gemeinsam mit allen Behörden, Ämtern und städtischen Institutionen eine Digitalstrategie, die Hamburg als digitale Stadt voranbringen wird. 


Denkt über die Grenzen der Hamburger Verwaltung hinaus:
Staatsrat Jan Pörksen
Foto: HANSEVALLEY

"Unsere strategischen Überlegungen erstrecken sich auf alle Lebensbereiche der Stadt. Die Digitalisierung der Verwaltung ist ein Schwerpunkt." 

Es geht darum, die Lebensqualität und die wirtschaftliche Attraktivität unserer Stadt zu sichern und weiterzuentwickeln. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei, dass wir unsere Prozesse stärker vom Bürger oder von den Unternehmen aus denken müssen. Unsere strategischen Überlegungen erstrecken sich insofern auf alle Lebensbereiche der Stadt. Die Digitalisierung der Verwaltung ist dabei ein Schwerpunkt. 

Wie genau muss man sich das vorstellen, wenn die Verwaltung die Digitalisierung vorantreiben und sich an die Spitze der Bewegung setzen will? Wird es eine „trendy“ App geben, die uns durch die Stadt navigiert?

Es gibt ja schon eine Vielzahl „trendy“ Apps, die sich mit Hamburg beschäftigen und Touristen wie Bürgerinnen und Bürger begeistert. Wir müssen diese nicht selber anbieten, tun aber gut daran, alle Akteure zu unterstützen. Mit dem Melde-Michel bieten wir zum Beispiel auch eine eigene Online-Lösung an, über die Bürgerinnen und Bürger Mängel im öffentlichen Raum an die Verwaltung melden können. Unser Fokus liegt auf „echten“ Online-Services, die verlässlich, sicher und schnell einen deutlichen Mehrwert bieten. 

"Es ist richtig ist, die Dienstleistungen des Staates vom Nutzer her zu denken."

Zudem bin ich der Überzeugung, dass es richtig ist, die Dienstleistungen des Staates vom Nutzer her zu denken. Auch in der Vergangenheit gab es Innovationen, die allerdings sehr technikgetrieben waren. Mit unserem Programm „Digital First“ ist es uns gelungen, „Verwaltung neu zu denken“. Ein erstes Beispiel ist „Kinderleicht zum Kindergeld“ – ein Projekt, das Eltern in eine neue Lebensphase begleitet und den bürokratischen Aufwand im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes deutlich reduziert. Derartige Services müssen und werden wir ausbauen. 

Sie haben gerade im Staatsrätekollegium einen Design-Thinking-Workshop abgehalten, so dass das Thema Digitalisierung fortan bei allen Behörden und auf allen Ebenen die Aufmerksamkeit erhält, die erforderlich ist, um sich der Herausforderung zu stellen und Gestaltungsspielräume auszufüllen. 

Der Grundgedanke dabei ist, dass Verwaltungsmodernisierung und Digitalisierung kontinuierliche Prozesse sind, die fortdauern. Die damit verbundenen Vorhaben werden erfolgreich sein, wenn ihre Umsetzung als wichtige Führungsaufgabe wahrgenommen und zugleich von den Beschäftigten getragen wird. Deshalb ist es erforderlich, das „neue Denken“ auf allen Ebenen der Verwaltung zu etablieren. 

Stolz auf seine Kollegen: Gemeinsamer Design-Thinking-Workshop
der Hamburger Staatsräte.
Foto: HANSEVALLEY 

"Wenn man konkrete Veränderungen konkret angehen will, sind auch Flexibilität und Mut gefordert."

Die Staatsrätinnen und Staatsräte bekennen sich ausdrücklich zu ihrer eigenen Verantwortung, als aktiv und sichtbar Handelnde den digitalen Veränderungsprozess voranzutreiben. Generell gilt dabei: Wenn man konkrete Veränderungen nicht nur planen, sondern konkret angehen will, sind auch Flexibilität und Mut gefordert. Es muss möglich sein, auch Fehler und Lernprozesse zuzulassen; offene Denkweisen und innovative Methoden sollen so gefördert werden. Außerdem muss nicht jede digitale Anwendung von Beginn an als perfekte Variante mit umfangreichen Funktionen vorliegen. Im ersten Schritt ist auch immer die kleine Lösung – mit geringstmöglichem Aufwand – umsetzbar. 

Der Erste Bürgermeister hat im Rahmen seines Grußwortes auf dem Neujahrsempfang der Unternehmerverbände Nord am 10. Januar d. J. eine ganzheitliche Digitalisierungsstrategie für die Hamburger Verwaltung angekündigt. Welche Kernelemente umfasst das behördenübergreifende Konzept?

Jede Fachbehörde entwickelt eine eigene umfassende Digitalstrategie. Hierzu hat das Amt für IT und Digitalisierung das sogenannte ,Rahmenwerk behördliche Digitalstrategien‘ vorgelegt. Es enthält verbindliche strategische und operative Leitlinien für eine erfolgreiche digitale Transformation in den Behörden. Ein wichtiges Prinzip dabei: Unsere digitalen Lösungen machen den Nutzerinnen und Nutzern das Leben leichter – denn digitale Technologien sind kein Selbstzweck.

"Wir wollen keine Papierberge produzieren, sondern erfolgreiche Digitalvorhaben."

Wir verankern Automatisierung als Prinzip, wir wollen Prozesse besser machen, um beispielsweise die Beschäftigten von Routinearbeiten zu entlasten. Zu den Leitlinien gehört auch, dass wir Daten systematisch nutzen und teilen wollen, zum Beispiel mit der Urban Data Platform. Und: Unsere Strategien sollen zu konkreten Maßnahmen führen, denn wir wollen keine Papierberge produzieren, sondern erfolgreiche Digitalvorhaben.

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen bis 2022 bundesweit alle wichtigen Behörden-Dienstleistungen für Bürger, Firmen aber auch verwaltungsintern online zur Verfügung stehen. Der Hamburger Senat baut unter Leitung des in der Senatskanzlei angesiedelten Amts für IT und Digitalisierung mit "Digital First" ein umfassendes Webportal auf. Wie sieht das Portal ab 2021 aus - auch im Vergleich zum jetzigen "Hamburg Service"-Portal?

Mit dem Programm "Digital First" bieten wir bereits eine Reihe von digitalisierten Dienstleistungen an. Über eine standardisierte Serviceplattform werden künftig alle digitalen Kontakte mit der Verwaltung laufen. Maßgeblich hierfür sind vier Umsetzungsleitlinien:

  1. Alle Verwaltungsdienstleistungen sollen vorrangig digital erbracht werden. 
  2. Proaktives Verwaltungshandeln – die Anliegen von Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen werden möglichst proaktiv und antragslos erledigt. 
  3. Once only – Nutzer von Verwaltungsdienstleistungen sollen Informationen, die sie einmal angegeben haben, bei einem weiteren Verfahren möglichst nicht erneut angeben müssen. 
  4. Automatisierung – was durch digitale Technik erledigt werden kann, soll auch digital erledigt werden. 
Die IT-Plattform, die künftig als Grundlage für die „fabrikhafte“ Entwicklung von "Digital First"-Online-Diensten dient, ist seit Dezember 2018 in Betrieb. Geplant ist es, bis 2022 alle dafür geeigneten Verwaltungsdienstleistungen als Online-Services anzubieten, um so die Anforderungen aus dem Onlinezugangsgesetz zu erfüllen. Wir fangen mit den Verwaltungsservices an, die sich schnell und relativ unproblematisch umsetzen lassen.

Chief Digital Officer Christian Pfromm präsentierte zusammen mit dem CDO der Wirtschaftsbehörde BWVI und der Hafenverwaltung HPA Sebastian Saxe auf der "Solutions.Hamburg" im vergangenen Jahr erste Beispiele der Digitalisierung relevanter Verwaltungsangebote, wie den Kindergeldantrag. An welchen Diensten arbeitet Hamburg zusammen mit anderen Ländern?

Das Onlinezugangsgesetz wird seine Wirkung entfalten. Es verpflichtet uns, mehr als 570 Dienste bis 2022 online verfügbar zu machen. Die Umsetzung des OZG wird nur als gemeinsame Anstrengung und in Kooperationen gelingen. Bund und Länder haben sich geeinigt, dass sie sich die Aufgaben thematisch aufteilen. Wir haben unter den Ländern die Federführung für Prozesse der Unternehmensführung und -entwicklung übernommen. 


Der Hamburger Senat treibt die Digitalisierung der Länder an.
Der Mann hinter Peter Tschentscher: Staatsrat Jan Pörksen.
Foto: HANSEVALLEY

"Hamburg nutzt seinen Vorsitz in der Ministerpräsidentenkonferenz, um das Thema Digitalisierung als Schwerpunktthema zu verankern." 

Die Theorie dahinter ist, dass ein in einem Bundesland entwickelter Prozess von den anderen Ländern übernommen werden kann. Hamburg nutzt darüber hinaus auch seinen derzeitigen Vorsitz in der Ministerpräsidentenkonferenz, um das Thema Digitalisierung als Schwerpunktthema zu verankern. So wurde beispielsweise auf unseren Vorschlag ein Beschluss gefasst, wonach die digitale Identifizierung und Authentifizierung anwenderfreundlich sein muss, damit Bürgerinnen und Bürger sich nicht mit umständlichen Verfahren befassen müssen.


*  *  *

Vielen Dank für die klaren Worte!
Das Interview führte Thomas Keup.


Ein gemeinsames Interview mit




 Hamburg Digital Background: 

HANSEEXKLUSIV: Teamsport und KI in der Digitalen Stadt.

HANSEPERSONALITY Christian Pfromm: Digitalisierung ist Chefsache!

hansevalley.de/2018/06/hansepersonality-christian-pfromm.html

HANSEPERSONALITY Dr. Sebastian Saxe: Erfolgsfaktoren für Digitalen Hafen und Digitale Stadt. 
hansevalley.de/2017/09/hansepersonality-sebastian-saxe.html

Donnerstag, 18. April 2019

HANSEPERSONALITY Tobias Lücke: Als Metropole sollten wir Vorreiter sein.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW

Tobias Lücke, Leiter Digitaler Vertrieb der Haspa und GF Haspa Next
Foto: Haspa

Über Ostern stellt die Hamburger Sparkasse ihre IT-Landschaft auf die bundesweit einheitliche Software-Welt der Finanz-IT um. An diesem Wochenende können Kunden der Haspa mit ihrer Girocard nur eingeschränkt in Geschäften und im Internet einkaufen gehen und Geld abheben. Ab Dienstag will die Haspa mit "OS Plus" und den bundesweiten Services der Sparkassen ihre Digitalisierung noch stärker forcieren.

HANSEVALLEY begleitet seit 2017 die digitalen Aktivitäten der größten deutschen Sparkasse - von "Haspa Next" inkl. "Heute in Hamburg" über die Plattformen "Aino" und "Kiekmo" bis zu den neuen Nachbarschaftsfilialen an Alster und Elbe. Digital-Manager Tobias Lücke ist unser HANSEPERSONALITY mit Insides zur großen IT-Umstellung bei der Hamburger Sparkasse:

Lieber Tobias Lücke: Ihre Website zur Umstellung der Sparkassen-Software heißt "Haspa Digitale Zukunft". Ist diese Botschaft im Zusammenhang mit der Umstellung einer zentralen Bankensoftware nicht ein wenig hoch gegriffen? Schließlich ist die Haspa eine klassische Bank mit nach wie vor rd. 130 Filialen. In wiefern hat der Umstieg etwas mit Ihrer digitalen Zukunft zu tun?


Unser Anspruch ist es, die persönlichste Multikanalbank in Hamburg zu werden, unseren Kunden also das Beste aus beiden Welten zu bieten. Deshalb treibt die Haspa auch das mit 200 Mio. Euro größte Investitionsprogramm in ihrer Geschichte in die Nachbarschaftsfilialen, Digitalisierung und IT weiter voran. 

Aber natürlich sind wir mit der Umstellung nicht fertig. Vielmehr bündeln wir die Kraft im Sparkassen-Verbund. Allein über die Finanz Informatik investieren die Sparkassen pro Jahr 300 Mio. Euro in innovative Services und den Ausbau digitaler Angebote. Davon profitieren dann natürlich unsere Privat- und Firmenkunden zukünftig unmittelbar.

An diesem Wochenende stellen Sie die Konten von 1,6 Mio. Kunden um, tauschen Ihr Online-Banking gegen das bundesweit einheitliche Sparkassen-Banking aus und lösen Ihre bisherige SAP-Bankensoftware gegen die Sparkassen-IT "OS Plus" ab. Wie umfangreich ist solch eine zentrale Software-Ablösung bei 500 Mio. Daten, die 560 Mitarbeiter migrieren?

Sehr umfangreich. Deshalb haben wir uns auf die Umstellung auch äußerst intensiv vorbereitet. Die Entscheidung zum Wechsel erfolgte nach umfassenden Analysen bereits im November 2016. Im Vorfeld haben wir bereits ausführliche Tests durchgeführt und im Rahmen von use labs und Marktforschung Kunden befragt. 

Zudem haben wir mehrfach unter realen Bedingungen die Umstellung auf die neuen Systeme erprobt und unsere Mitarbeiter intensiv geschult. Zusammen mit der Finanz Informatik arbeiten in der Spitze bis zu 1.000 Mitarbeiter daran, dass die Umstellung gut klappt. Und das in 40 Teilprojekten – vom Zahlungsverkehr bis zur Kundenkommunikation.


Tobias Lücke bei Vorstellung der Haspa-App-Entwicklung
Foto: HANSEVALLEY

Die 5.000 Mitarbeiter der Haspa arbeiten seit 2011 mit der SAP-Bankensoftware - u. a. 
in den rd. 130 Filialen. Warum hat ihr Vorstand im November 2016 die Entscheidung getroffen, mit einem Aufwand von 145 Mio. € auf die in der Sparkassen-Welt durchaus diskutierte Kernbank-Software "OS Plus" zu wechseln? Hätten Sie nicht weiter mit SAP gut arbeiten können?

SAP hat uns eine hohe Flexibilität, Freiheit in der Produkt- und Prozessgestaltung sowie eine hohe Umsetzungsgeschwindigkeit geboten. Das konnte die Finanz Informatik damals für uns so noch nicht leisten. Seitdem hat sich aber viel verändert. Acht Jahre sind vor dem Hintergrund der beschleunigten Entwicklungszyklen in der Informationstechnologie eine sehr lange Zeit. 

Heute bietet die FinanzIT eine auf einer modernen Architektur basierende, zukunftsfähige Gesamtbanklösung. Prozesse können inzwischen stärker digitalisiert werden und die Multikanalfähigkeit wurde stark ausgebaut. Wir können Lösungen übernehmen und müssen diese nicht selbst entwickeln. Das gibt uns die Möglichkeit, Kosten mit anderen Sparkassen zu teilen. Eigene Ressourcen können wir stärker für die Entwicklung zusätzlicher Angebote einsetzen, zum Nutzen unserer Kunden. 

Andere Banken werben mit kostenlosen Girokonten (Commerzbank), Apple Pay-Nutzung (Deutsche Bank) oder RFID-Bezahlband beim HSV-Stadionbesuch (Comdirekt). Mit welchen Services kann die Hamburger Sparkasse bestehende und neue Kunden begeistern, nicht zu einer Online- oder Mobile Bank zu wechseln, wie N26 & Co.?

Wir bieten unseren Kunden das umfassendste Gesamtangebot mit einer konkurrenzlosen Infrastruktur aus Filialen und Geldautomaten, individuellen Beratungsleistungen sowie Online- und Mobile-Services. Dazu kommt ein breites Leistungsspektrum außerhalb des klassischen Bankgeschäfts: Wir vernetzen die Menschen z.B. über unsere Nachbarschaftsfilialen, verfügen über das erfolgreiche HaspaJoker-Programm sowie Hamburg- und Freizeit-Communities. 

Im März 2017 haben Sie das Redaktionsteam von "Heute in Hamburg" für die "Aino"-App ins Digital-Lab "Haspa Next" geholt, Anfang vergangenen Jahres war der "Kiekmo"-Schließfachservice im Testlauf. Butter bei die Fische: Wie haben sich Ihre noch jungen App-Plattformen entwickelt? Welche Angebote werden besonders gern genutzt - und was dürfen wir in der Zukunft erwarten?

Beide Angebote liegen voll im Plan und gehören zu den reichweitenstärksten Regional-Apps Deutschlands. AINO hat sich inhaltlich breiter aufgestellt und bedient neben Freizeit-Tipps auch Ratgeber- und Karrierethemen. Kiekmo deckt mittlerweile ganz Hamburg ab, öffnet seine Gratis-Schließfächer verstärkt für Drittanbieter wie Frischepost und intensiviert seine Aktivitäten rund um das Thema Nachbarschaft.

Zu guter Letzt unsere Hamburg-Frage: Die Haspa engagiert sich u. a. mit dem Startup-Center und dem Gründerpreis für Jungunternehmen in Hamburg. Als Direktor Digital Services setzen Sie mit den digitalen Plattformen Aino und Kiekmo neue Akzente. Hand aufs Herz: Wo läuft die Digitalisierung in Hamburg aus Ihrer Sicht bereits sehr erfolgreich und wo wünschen Sie sich etwas mehr Schwung?

In Sachen Digitalisierung liegt Hamburg im guten Mittelfeld. Als Metropole sollten wir aber Vorreiter sein. Insgesamt kann man festhalten, dass an allen Themen mit Hochdruck gearbeitet wird und es immer wieder gelingt, nationale Akzente zu setzen, zum Beispiel im Bereich Smart Port, VR oder 3D-Druck. Beim öffentlichen W-LAN müssen noch Lücken geschlossen werden. Die Haspa-Filialen werden schon bald flächendeckend ihren Teil dazu beitragen.


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Vielen Dank für die aktuellen Infos!
Das Interview führte Thomas Keup.


 Hamburg Digital Background: 

HANSERANKING: Das sind die digitalen Banken Hamburgs 2018
https://hh.hansevalley.de/2018/10/hanseranking-hamburgs-digitale-banken-gewinner.html

HANSEBANKING: Osterstraße 4.0 - eine Bank für Menschen, und ihr Geld.
http://hh.hansevalley.de/2018/02/hansebanking-haspa-filiale40.html


HANSECITYLIFE: Haspa-Schließfächer für reisende Journalisten: Kiekmo - dat geiht!
http://hh.hansevalley.de/2018/01/hansecitylife-kiekmo-schliefacher.html

HANSETECHTEST: Der Sparkasse neue Kleider: die YOMO-App.
http://hh.hansevalley.de/2017/12/hansetechtest-yomo-haspa.html


HANSEFUTURE: AINO - ein "WeChat"-Bot, der Hamburg kann.
http://hh.hansevalley.de/2017/06/hansefuture-aino-app.html


HANSEPERSONALITY Dr. Harald Vogelsang: 
Digitale Agenda, Investitionen und Bildungsoffensive für Hamburg 4.0
http://hh.hansevalley.de/2017/03/hanspersonality-dr-harald-vogelsang.html


HANSESTARTUPS: "Next" Chance für "Heute in Hamburg".
http://hh.hansevalley.de/2017/03/hansestartups-haspa-heuteinhamburg.html

Sonntag, 7. April 2019

HANSEPERSONALITY Benny Bennet Jürgens: In unserer Jetzt-und-Sofort-Gesellschaft muss der Mehrwert sofort spürbar sein.

HAMBURG DIGITAL INTERVIEW


NECT-Co-Founder Benny Bennet Jürgens
Foto: Maximilian Probst

Neues Konto, neue Karte, neue Versicherung: 42 Mio. Deutsche nutzen Banken und Versicherungen immer häufiger online und mobil. Doch mit digitalen Kunden kommt auch das digitale Risiko. Um illegaler Geldwäsche und Versicherungsbetrug Einhalt zu gebieten, müssen wir uns mit Personalausweis oder Reisepass legitimieren. Und dann das Horror-Szenario: Kurz vor Feierabend in einer endlosen Schlange mit Paketabholern in der Postbank stehen. Willkommen bei Post-Ident.

Clevere Unternehmer ersparen uns den Weg zur Post und bieten mit Video-Ident einen Service über PC und Smartphone an: Per Video-Telefonat schwenken wir unseren Perso vor der Kamera, lesen Nummern vor und ärgern uns, wenn die Webcam zu schwach ist und die Verbindung abbricht. Doch jetzt wird die Identifikation richtig digital - ohne Agent, ohne lästiges Telefonat. Aus Hamburg kommt Selfie-Ident von NEXT, dem Serien-Award-Gewinner der Jahre 2017 und 2018. Unser HANSEPERSONALITY ist Co-Geschäftsführer Benny Bennet Jürgens:


Herzlichen Glückwunsch zur NECT-App, die wir zur Registrierung des mobilen Services der Krankenkasse HEK genutzt haben. Gleich beim ersten Mal hat alles geklappt. Keine 4 Versuche, wie bei S-Direkt fürs "Yomo"-Konto, keine kaputte App wie bei WebID für "Verimi". Ihr seid jetzt mit "Selfie-Ident" für die HEK , die R+V und 7 weitere Versicherungen im Markt. Erklär' unseren Lesern doch einmal, wie sich Euer Service von anderen Ident-Anbietern unterscheidet?

Wir haben eine Technologie entwickelt, die eine Self-Service-Identitätsfeststellung für natürliche Personen ermöglicht. Da unser Selfie-Ident vollständig automatisiert ist, können Nutzer Ihre Identität 24/7 ohne Wartezeit und an jedem Ort erledigen. Die KI-basierte Softwarelösung ist auf Nutzerfreundlichkeit sowie Kosteneffizienz optimiert und besonders relevant für regulierte Unternehmen, die bei der Erfassung von Kundendaten hohen gesetzlichen Anforderungen unterliegen. 


NECT-Macher Benny Bennet Jürgens, CEO (li.) und Carlo Ulbrich, CSO (re.)
Foto: Maximilian Probst

Unser technologiebasierter Prozess bedarf keiner menschlichen Kontrolle mehr, sodass wir fünf mal günstiger, aber - viel wichtiger - auch wesentlich sicherer sein können. Wir verbinden also kompromisslos (und wahrscheinlich zum ersten mal) Nutzerfreundlichkeit mit den höchsten Sicherheitsanforderungen. Wir haben also eine echte Win-Win-Win-Situation. Die Nutzer werden geschützt und erleben trotzdem einen nutzerfreundlichen Prozess. Die Unternehmen gewinnen mehr Kunden für Ihre Dienste, weil weniger Nutzer abbrechen - und Sie können dazu noch 75% der Kosten sparen. Und wir haben unser Ziel erreicht, die Industrie der Identitätsfeststellung zu revolutionieren. 

Im November 2015 habt ihr bei der Gründerakademie der Wirtschaftsjunioren die Idee zu einem Konzept weiterentwickelt. Seit 2017 arbeitet Ihr an der NECT-App und im September 2018 habt Ihr mit R+V den ersten Kunden freigeschaltet. 4 Jahre nach der Idee seid ihr mit einem voll digitalen Service live und habt in den App-Stores 4,9 von 5 Sternen. Worauf legt ihr bei Selfie-Ident besonderen Wert?

Wir legen auf zwei Aspekte jederzeit Wert: Nutzerfreundlichkeit und Sicherheit. Dabei sparen wir weder an dem einen noch an dem anderen Aspekt. Wir haben die kompletten internationalen gesetzlichen Anforderungen betrachtet und die jeweils strengsten Anforderungen umgesetzt. Dabei haben wir uns stets gleichzeitig überlegt, wie wir dies so nutzerfreundlich abbilden können, dass Selfie-Ident keine spürbare Hürde beinhaltet.

Hier konnten wir aus unserer Erfahrung profitieren - sind aber vor allem auch Wege gegangen, die andere für nicht umsetzbar hielten. Das bedeutet sicher den einen oder anderen Umweg und viel Ausprobieren, aber am Ende lohnt sich das Überdenken von bestehenden Meinungen fast immer. Damit wir aber nicht nur irgendeine großartige Technologie in unserem Labor entwickeln, haben wir jeden Entwicklungsschritt von realen Nutzern beurteilen lassen. So wurde Selfie-Ident noch vor der Veröffentlichung von 10.000 Usern getestet. 

An dieser Stelle müssen über Sicherheit sprechen: Die Wirtschaftswoche hat im Live-Test das Foto-Ident-Verfahren bei der Berliner Startup-Bank N26 als unsicher entlarvt. Nun macht man bei Euch ja auch Fotos des Personalausweises. Damit ist Selfie-Ident ja ein ähnliches Verfahren. In wiefern könnt Ihr Betrug wie bei N26 ausschließen?

Ich muss hier betonen, dass wir im Gegensatz zum Foto-Ident-Verfahren mit Videos arbeiten. Der Nutzer macht eine kurze Videosequenz seines Ausweisdokuments und nicht nur ein simples Foto. Die Verarbeitung von Videos ermöglicht es uns, beugungsoptisch wirksame Sicherheitsmerkmale auszuwerten, die bei Bewegung des Ausweisdokuments überprüfbar werden. Beispielsweise Hologramme oder optisch variable Farbe. 


Ein Teil des heutigen NECT-Teams in Hamburg
Foto: NECT

Diese Sicherheitsmerkmale sind extrem schwer bis nahezu unmöglich zu fälschen. So fliegen Betrüger bei Selfie-Ident sofort mit ihren Photoshop-manipulierten Ausweisdokumenten auf, mit denen Sie bei den Foto-Ident-Anbietern ziemlich sicher durchgekommen wären.

Es gibt eine ganze Reihe von Identity-Verification as a Service-Anbietern, wie IDNow, PostIdent, S-Direkt, WebIDent und YES. Dazu kommen die Single-Sign-On-Datensammler von NetID und Verimi. Während NetID die Medienkonzerne im Boot hat und Verimi den Bankenmarkt anvisiert, hat S-Direkt die Sparkassen-Konten und IDNow oder WebIDent diverse Kunden, wie N26. Wo ist da Platz für Eure Lösung?

Wir haben uns bewusst für die Assekuranz als Kunden entschieden. Die hier vorherrschende Methode war der Aktivierungsbrief. Sehr günstig aber vollkommen analog. Bezahlbar für die Unternehmen, aber hohe Abbruchraten bei den Nutzern. Die Kosten eines Video-Idents sind bis zu zehnmal höher als der Aktivierungsbrief. Mit Selfie-Ident haben wir also für jeden leicht erkennbar eine echte (meint wirtschaftlich attraktive), digitale Alternative zum Aktivierungsbrief geschaffen.

Ihr wachst bei den Nutzerzahlen schneller als Verimi von Deutscher Bank und Allianz mit 100 Mio. € Kapital. Mal davon abgesehen, dass die Login-Allianz schon zum 2. Mal einen CEO verloren hat. Wie kommt es, dass Selfie-Ident zu rocken scheint - und ein Millionen schwerer Anbieter nicht so richtig zum Fliegen kommt - trotz aller Erfolgsmeldungen?


Das Geheimnis liegt im Video - statt im Foto.
Grafik: NECT

Wenn Unternehmen eines im letzten Jahrzehnt gelernt haben sollten, dann dass sie kundenzentriert und nicht eigenzentriert denken müssen. Die Generalschlüssel-Intiativen der großen deutschen Old-Economy-Konzerne scheinen aber vor allem ihre eigenen Probleme lösen zu wollen: Beispielsweise, wie sie mit dem Generalschlüssel die E-Privacy Verordnung leichter umsetzen können. Der Mehrwert für den Kunden entsteht erst in einer sehr langfristigen Nutzung. In unserer Jetzt-und-Sofort-Gesellschaft muss der Mehrwert aber sofort spürbar sein. Das schafft aus meiner Perspektive bisher keiner der Anbieter und die öffentlich einsehbaren Installationszahlen (10.000+) von beispielsweise Verimi scheinen mir da recht zu geben. 

Wir sind 2016, also noch bevor es die anderen Anbieter gab, bereits mit dem Generalschlüssel-Gedanken gestartet, haben dann aber schnell gemerkt, dass wir das Problem für den Nutzer evolutionär und nicht als Disruption lösen müssen. So kann der Nutzer einen klaren Vergleich ziehen. Der Mehrwert von Selfie-Ident gegenüber den bisherigen Verfahren, wie dem Aktivierungsbrief oder Video-Ident, ist dem Nutzer sofort und ohne großen Erklärungsaufwand klar. Deswegen waren wir auch schon im ersten Monat im Einsatz bei der R+V Versicherung das beliebteste Verfahren zur Identitätsfeststellung. 

Gehen wir ans Eingemachte: Bei unserem Interview im Spätsommer 2017 wart Ihr zu Zweit in einem kleinen Büro über einem Postenmarkt in Harburg. Heute habt Ihr 10 Angestellte. Bis Ende dieses Jahres wollt ihr die Zahl Eurer Mitarbeiter mehr als verdoppeln, plus Werkstudenten. Hand aufs Herz: Wer finanziert Euch und wie verdient Ihr schon richtig Geld?

Zwischen Mai 2017 und Mai 2018 wurden wir im Rahmen des InnoRampUp-Programms von der Stadt Hamburg und aus EU-Mitteln zur regionalen Förderung unterstützt. Das Ziel ist die regionale Wirtschaftsförderung und der Aufbau von Arbeitsplätzen. Ich denke, dass dies mit unserem Case sehr gut erreicht wurde.


Benny Bennet Jürgens pitcht sein noch junges Startup.
Foto: NECT 

Im Jahr 2018 haben wir für das weitere Wachstum ein siebenstelliges Investment von DvH-Ventures (Dieter von Holtzbrinck Ventures, die Red.) erhalten. Mit der Höhe unserer Umsätze liegen wir bereits in einem Bereich, den nur 1% der Startups in unserer Phase erreichen. Unser Ziel ist es, dass wir in 2019 einen weiteren Investor aufnehmen können – aber nicht müssen.

Zu guter Letzt unsere traditionelle Hamburg-Frage: Ihr habt so gut wie alle Startup-Preise in Hamburg abgeräumt, die abzuräumen waren. Ihr wurdet von der IFB-Förderbank unterstützt. Wie beurteilst Du die Förderung von Tech-Startups an Alster und Elbe: Was läuft schon richtig gut - und wo würdest Du Dir - für Euch und andere - ein bisschen mehr "Drive" wünschen? 

Ich denke, dass Hamburg ein toller Standort zum Gründen ist. Die Stadt ist wunderschön und die Menschen offen, sodass man gute Karten hat, Talente aus der ganzen Welt in sein Startup zu holen. Hier könnte die Stadt einem jungen Unternehmen unter die Arme greifen. Bürokratiehürden senken ist hierbei nur die eine Sache. 

Da ein echter Fachkräftemangel vorherrscht, wäre es vielleicht eine Idee, die Einstellungskosten unter bestimmten Voraussetzungen zu übernehmen, sodass junge Unternehmen frische Talente anziehen können, die dann vielleicht auch sehr langfristig sesshaft in der Stadt werden und so den gesamten Wirtschaftsraum fördern. Immerhin ist das Vorhandensein von Fachkräften eines der wichtigsten Kriterien bei der Wahl des Standorts für Unternehmen.


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Herzlichen Dank für Deine Offenheit!
Das Interview führte Thomas Keup.

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 Hamburg Digital Background: 

HANSESTARTUPS: NECT - Damit Benny auch wirklich Benny ist.
hansevalley.de/2018/01/hansestartups-nect.html

#NoBullshit: So führt man die Startup-Bank N26 an der Nase rum:
wiwo.de/videos/wiwo-videos/video-so-leicht-laesst-sich-mit-einem-gefaelschten-ausweis-ein-konto-eroeffnen/23180760.html

 Hamburg Digital Service: 

NECT Selfie-Ident im Einsatz bei der R+V Versicherung:
vimeo.com/309664520

NECT Selfie-Ident Einführungsvideo:
vimeo.com/290374136