Donnerstag, 23. Mai 2019

HANSESTATEMENT: Die DIN-Norm - ein "Jodeldiplom" für Startups. Im Ernst jetzt?

Ein HAMBURG DIGITAL STATEMENT 
von Gerd Kotoll


DIN-Institut in Berlin: Hauptgeschäftszweck: Normen erstellen und vermarkten.
Foto: DIN

Eine neue Idee geistert durch die Republik: eine deutsche DIN-Norm für Startups. Ein Konsortium aus Wissenschaftlern, Beratern und Unternehmen plant mit der "SPEC 91354" Jungunternehmen zu regulieren. Das Hauptargument: Mit der Spezifikation sollen die hohen Ausfallquoten bei Startups verringert werden. 

Die Diskussion ist eröffnet. Nach der ersten Welle der Kritik ruderte das Konsortium hinter der Startup-Norm denn auch gleich zurückDer Leitfaden solle Investoren, Banken oder Gremien, die über die Vergabe von staatlichen Fördermitteln entscheiden, die Urteilsfindung bei Projekten erleichtern. 

Ein Hamburg Digital Statement von Startup-Experte Gerd Kotoll:

Während am Montag dieser Woche u.a. das Handelsblatt über die neue DIN Norm SPEC 91354 berichtete und verständlicher Weise von empörter Zurückweisung auf Seiten von Gründungsexperten, weist die Gründerszene darauf hin, dass es ja alles ganz anders gemeint sei.

Die neue Norm soll ein freiwilliges Angebot sein und eher eine bessere Checkliste. Je mehr Punkte davon das Startup erfülle, desto wahrscheinlicher sei bspw. eine Finanzierung durch Banken oder Risikokapitalgeber möglich – zumindest im Grundsatz.

So weit, so gut. Wer’s glauben mag.

Ein Blick hinter die Kulissen lässt etwas Anderes vermuten: der Verein, der das DIN-Institut trägt, generiert gut zwei Drittel seines Budgets durch Dienstleistungen gegenüber Dritten, vor allem durch den Verkauf von Normen.

Für dieses Oxymoron einer Startup-Norm haben laut DIN-Institut gleich eine ganze Reihe von Partnern, darunter Ernst & Young, die TU Darmstadt, verschiedene Patentanwälte u.a. gut 18 Monate gearbeitet und in eine 17-seitige Checkliste und Leitfaden gegossen (siehe Hamburg Digital Background).

Hinzu kommt, dass den Anstoß für diesen Leitfaden angeblich ein bekannter Seriengründer geliefert haben soll, der aber nicht genannt werden möchte. Womit wir den nächsten Widerspruch hätten, da Altruismus und Gründung sonst nur aus dem Bereich sozialer oder grüner Projekte bekannt sind, wo es in aller Regel eben nicht um Skalierung geht.

Es dürfte also nur eine Frage der Zeit sein, wann die bislang kostenfreie Zertifizierung durch politische Regelungswut eine (dann natürlich kostenpflichtige) Anforderung an die Gründer werden wird.

Es ist aber genau diese wuchernde Bürokratie, diese krude staatliche Allmachtsfantasie, alles regeln zu müssen, die Gründungen in Deutschland schwerer machen als anderswo.
Wir brauchen nicht mehr Regelungen, sondern viel viel weniger. 


DIN-Broschüre: „Die Anwender profitieren mit der DIN SPEC 91354 von wertvollen Expertentipps für ihr Start-up.“

Startups werden dann besonders erfolgreich, wenn sie eben die vermeintlich ehernen Regeln des Marktes brechen konnten. Verstöße gegen Arbeitsrecht, Datenschutzvorgaben oder andere rechtliche Regulierungen sind mit der Risikominimierung in der DIN-Spezifikation aber nicht gemeint - und werden durch eine DIN-Norm auch nicht erfasst.

Mein Fazit: Startups sollen sich auf ihr Geschäftsmodell und den Vertrieb konzentrieren können und nicht auf das Ausfüllen von Checklisten und Zertifizierungsanforderungen, denn damit verdient man kein Geld. Es sei denn, man ist das Deutsche Institut für Normung.


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 Hamburg Digital Autor Gerd Kotoll: 

Gerd Kotoll vernetzt Entrepreneure mit potentiellen Partnern und Kunden - und berichtet von ausgewählten Events und Entwicklungen im Ökosystem der Hamburger Startup-Szene. 

Als unabhängiger Makler berät und betreut Gerd Kotoll er Vereine, Verbände und Unternehmen in Fragen der betrieblichen Absicherung. Besonderen Fokus legt er auf junge Unternehmen und Startups. 

Gerd Kotoll ist Freier Autor des Hamburg Digital Magazins.

Die inhaltliche Verantwortung des Autorenbeitrags liegt beim Urheber.

 Hamburg Digital Background: 

DIN-Institut: DIN SPEC 91354
https://www.din.de/blob/313462/ff9bf5d1099dc812b623ccc40d95fc50/broschuere-din-spec-91354-data.pdf

Handelsblatt: "Auch Start-ups sollen eine DIN-Norm bekommen – Gründer sind empört."
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/mittelstand/jungunternehmen-auch-start-ups-sollen-eine-din-norm-bekommen-gruender-sind-empoert/24360404.html

Gründerszene: "Keine Angst, es wird keine DIN-Norm für Startups geben."https://www.gruenderszene.de/perspektive/din-norm-spec-91354-startups

t3n Magazin: "DIN-Norm für Gründer: Ein Jodeldiplom für die Startup-Szene."
https://t3n.de/news/din-norm-fuer-gruender-fuer-1164827

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